Meisterdetektiv Sherlock Holmes: Der Schnüffler mit der Pfeife

22. Oktober 2014, 17:04
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So fundiert wie spielerisch: Eine neue Ausstellung in London geht dem weltweiten Phänomen des Meisterdetektivs Sherlock Holmes auf den Grund. Auch sein Schöpfer findet Berücksichtigung - der Arzt und Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle

Wir sind in den Keller hinabgestiegen, an den grauen Schließfächern vorbei. Plötzlich stehen wir vor einer Bücherwand. Nanu, wo geht es denn hier zur Show über eine der berühmtesten Figuren der Literaturgeschichte - "den Mann, der niemals lebte und nie sterben wird", wie es im Untertitel der Ausstellung heißt?

Vielleicht versuchen wir es auf der Suche nach einer Geheimtür mit leichtem Druck. Tatsächlich - das Bücherregal mit seinen Prachtschinken öffnet sich. "Sherlock Holmes" steht da in großen Lettern, korrekt lesbar nur in einer großen Spiegelwand. Willkommen in der Welt des bekanntesten, ebenso fiktiven wie unsterblichen Detektivs mit der Pfeife, der Lupe und der charakteristischen Hirschfängermütze.

Da steht auch schon Alex Werner, der so aussieht, wie man sich einen echten Holmes-Experten vorstellt: groß, hager, bleich, mit zurückgekämmten, blonden Haaren. "Haben Sie die Buchtitel beachtet?", fragt der Leiter der historischen Sammlung im Museum of London begeistert. Tatsächlich, da hat doch Holmes persönlich über "Geheimschriften und Verschlüsselung" geschrieben, auch ein Fachbuch für Bienenzüchter trägt den berühmten Namen.

So fundiert wie spielerisch haben sich Werner und Kollegen einem Phänomen genähert, das zur britischen Hauptstadt gehört wie der rote Doppeldecker. Die Figur des Hieroglyphenfans, Spiritisten und Bienenzüchters Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930) "ist eine der wichtigsten Ikonen Londons", sagt der Kurator und deutet auf den nächsten Raum: der Detektiv auf Plakaten aus aller Welt, die Theaterstücke, Ausstellungen, Filme bewerben. Sein Held sei "der meistgefilmte Charakter", glaubt Werner - mehr als 200 Titel habe man gezählt. Dem jüngsten werden wir noch häufiger begegnen: Seit 2011 exportiert BBC ihre Serie Sherlock mit Benedict Cumberbatch weltweit - der Originalmantel aus der TV-Produktion, ein Milford-Coat, gehört zu den Exponaten.

Die Adaptation verlagert das Geschehen um den genialen Schnüffler und seinen treuen Begleiter Dr. Watson in die Gegenwart. Das sei "eine große Inspiration" gewesen, so die Ausstellungsmacher. Sie wollten nicht einfach nur das Phänomen abbilden, sondern auch darstellen, wie sich die Wahrnehmung des exzentrischen Einzelgängers verändert hat, seit die Erzählung Eine Studie in Scharlachrot (des jungen Arztes Arthur Conan Doyle) 1887 zum Sensationserfolg wurde.

Mit Glück und Eingebung

In einem Film aus seinem letzten Lebensjahr berichtet Doyle über seinen Ärger bei der Lektüre von Detektivgeschichten: "Der Kriminaler schien immer entweder Glück oder eine Eingebung zu haben. Nie wurde vernünftig geklärt, wie er das Verbrechen aufgeklärt hatte." Der wissenschaftlich denkende Arzt hingegen ließ seinen Protagonisten wissenschaftliche Methoden anwenden, chemische Experimente durchführen, Fingerabdrücke prüfen. Aus dem unbekannten Medikus wurde binnen weniger Jahre der bestbezahlte Autor der Welt.

Dem jungen Autor stand der Sinn nach Höherem: Doyle wollte historische Romane schreiben, Bücher von literarischem Gewicht, keine Kriminalgeschichten. Stattdessen stand er im Zentrum eines weltweiten Phänomens, begünstigt von der Reichweite des Empires, von der Begeisterung der Amerikaner für alles Englische, von der erstmals in Millionenauflage erscheinenden Massenpresse. All dies demonstrieren die Kuratoren durch liebevoll zusammengetragene Exponate. Die Ausstellung beschränkt sich aber keineswegs auf die Kunstfigur und seinen Schöpfer. Das Museum feiert auch seinen eigenen Namensgeber.

Vom "dritten Protagonisten" spricht Chefkurator Alex Werner liebevoll: "Das London von Sherlock Holmes ist sowohl echt wie fiktiv." Die berühmte Wohnung in der Baker Street Nummer 221B zum Beispiel, eine Adresse in einer echten Straße, aber mit nichtexistenter Hausnummer. Zeitgenössischen Aufnahmen zufolge war die Baker Street ebenso lang wie langweilig. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dafür sind ein Holmes-Museum, ein Holmes-Café, sogar eine Holmes-Frittenbude hinzugekommen.

Als Doyle zur Schreibmaschine griff, stand das Zentrum des Empires auf der Höhe seiner Macht. Eine vibrierende, dynamische Weltstadt an der Schwelle zur ersten Globalisierung, keineswegs nur im Winter gehüllt in eine Smogwolke aus Ruß, Kohlenstaub und Schwefel. Der Nebel kommt freilich kaum vor in den Storys, warum auch? Holmes' magisches Auge kann schließlich durchsehen. Wie durch ein Bücherregal. "Sherlock Holmes" ist bis 12. April 2015 im Museum of London zu sehen. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 23.10.2014)

  • Sehr detailliert auf der Spur einer fiktiven Figur: Im Museum of London finden sich auch die Werkzeuge von Sherlock Holmes.
    fotos: museum of london

    Sehr detailliert auf der Spur einer fiktiven Figur: Im Museum of London finden sich auch die Werkzeuge von Sherlock Holmes.

  • Benedict Cumberbatch verkörpert den Meisterdetektiv in einer BBC-Serie.
    foto: museum of london

    Benedict Cumberbatch verkörpert den Meisterdetektiv in einer BBC-Serie.

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