Royaler Melancholiker

22. Oktober 2014, 17:35
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Gewitztes Königsdrama: Lluis Miñarros "Stella cadente"

Amadeus der Erste war ein glückloser König. Rund zweieinhalb Jahre währte nominell die Regentschaft des auf den spanischen Thron gewählten Savoyen-Prinzen, bis er 1873 abdankte und mit seiner Ehefrau Maria gerne in seine Heimat Italien zurückkehrte.

Der historische Monarch ist der Ausgangspunkt für Stella cadente / Sternschnuppe. Alex Brendemühl gibt den royalen Melancholiker, einen meist antriebslosen Gefangenen in der eigenen Residenz, dessen Begehr nach Unterhaltung (ein Krönungsball?) ebenso wie seine ambitionierten Reformideen ("Bildung, Bildung, Bildung") von machtbewussten Politikern und hüstelnden Kardinälen gleichermaßen ignoriert werden.

Ein minimalistischer Hofstaat eifert dafür umso mehr um die Gunst des Monarchen. Der vertreibt sich die Zeit mit Hilfsdiensten in der Küche. Traum und traurige Realität drohen zu verschwimmen, bis mit Eintreffen der geliebten Königin ein wenig Glanz und Pomp einkehrt. Brendemühl wechselt wie mühelos von einem Stimmungsregister ins andere, Gesten und Posen sitzen.

Der Katalone Lluis Miñarro hat in den letzten Jahren mit seiner in Barcelona beheimateten Firma Eddie Saeta Arbeiten von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Altmeister Manoel de Oliveira (Eigenheiten einer jungen Blondine, O estranho caso de Angelica) oder den Newcomern Sergio Caballero (Finisterrae) und Lisandro Alonso (Liverpool) produziert. Mit Stella cadente reicht der 1949 geborene nun sein spätes Spielfilmdebüt als Regisseur nach - einen gewitzten Reduktionskostümfilm (das Budget wird mit einer Million Euro beziffert).

Frivole Wendungen

Miñarro erzählt in statischen Einstellungen und markanten Detailaufnahmen. Die Anmutung von Historizität, welche Ausstattung und Kostümbild erzeugen, wird immer wieder absichtsvoll ausgehebelt: Das Geschehen wird ins Frivole gewendet oder als Hintergrund für gebildete Anspielungen genutzt. Nicht zufällig sagt die Königin einmal, was sie an Spanien liebe, das sei, dass "es aussieht wie seine Gemälde".

Mögliche Parallelen zur gegenwärtigen Lage in Europa und in Spanien sind durchaus beabsichtigt - schließlich hat die Sparpolitik inzwischen auch das Produktionshaus Eddie Saeta empfindlich getroffen. Laut einem entsprechenden Bericht des Branchenmagazins Variety vom September bereitet der Regisseur Miñarro aber bereits eine weitere Arbeit vor, die die Geschichte von Salome im Gefängnis Abu Ghraib im Irak ansiedelt. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 23.10.2014)

27. 10., Metro, Pleskow-Saal, 14.30; 28. 10., Metro, 21.00

  • Die Ankunft der Königin (Bárbara Lennie) hebt die Laune.
    foto: viennale

    Die Ankunft der Königin (Bárbara Lennie) hebt die Laune.

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