Yogalehrer über Occupy: "Guter Aktivismus muss kreativ sein"

24. Oktober 2014, 05:30
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Michael Stone versteht politisches Engagement als Teil seiner Praxis

"Wenn wir uns nicht ausschließlich an den eigenen Standpunkt klammern, können wir besser mit Menschen zusammenzuarbeiten, die eine andere Meinung haben", sagt Michael Stone. Der Yoga- und buddhistischer Meditationslehrer verbindet seine Praxis mit ökologischem und sozialem Aktivismus. Auch an der Occupy-Bewegung in den USA war er von Anfang an beteiligt. Für ihn ist sie ein Modell, wie Zusammenarbeit unter Aktivisten besser funktionieren kann. Der Kanadier kritisiert jedoch auch Teile der Protestbewegung, wie etwa den Slogan "We are the 99 percent".

derStandard.at: Sie waren bei der "Occupy Wall Street"-Bewegung in New York aktiv. Was hat Sie daran gereizt?

Stone: Wir sind eine Kultur, die nach Erfolg und Konsum süchtig ist und dabei nicht nachhaltig lebt. Die Lösung für dieses Lebensmodell kann nicht von einer einzelnen Person kommen kann, sondern nur durch die Kooperation vieler Gruppen. Unsere Probleme vernetzt zu betrachten, ist auch die Essenz von Yoga und Buddhismus.

derStandard.at: Als einzelne Person kann man gerade in Anbetracht der Umweltprobleme das Gefühl bekommen, nichts mehr bewirken zu können. Wie kann man die Menschen motivieren, aktiv zu werden?

Stone: Es stimmt schon, die Regierungen müssen gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen, damit die großen Verursacher von Umweltproblemen zur Kasse gebeten werden. Dennoch müssen wir von dem Gedanken wegkommen, dass große Veränderungen durch eine einzige Person, oft durch einen Mann und einen Politiker, kommen. Ich denke da auch an Barack Obama und die Hoffnung, die viele in ihn gesetzt haben.

Wir leben in einer Zeit, in der es nicht noch mehr Ideologien oder einen politischen Führer braucht. Wir brauchen viele, kleine Ideen. Unterschiedliche Gruppen müssen sich mehr untereinander vernetzen und für eine gemeinsame Idee einstehen.

derStandard.at: Können Sie ein Beispiel nennen?

Stone: Etwa zwei Gruppen aus North Dakota in den Vereinigen Staaten, die historisch nie miteinander ausgekommen sind: Die Bauern und die Indigenen. Als eine kanadische Firma jedoch eine Gas-Pipeline durch den Bundesstaat verlegen wollte, haben sie sich zusammengeschlossen. Unter dem Namen "Cowboys and Indians Alliance" haben sie politisch genug Einfluss erzeugt, um die Pipeline zu verhindern.

derStandard.at: Für Sie ist ihr Aktivismus ein Teil ihrer Yogapraxis. Wo verorten Sie die Schnittstelle?

Stone: Yoga und Buddhismus können dabei helfen innezuhalten und neue Sichtweisen zu entwickeln. Guter Aktivismus ist für mich eine Kombination: Zum einen muss er zum Ziel haben, jede Form institutionalisierter Gewalt zu beenden. Zum anderen muss er kreativ sein.

Ich denke, gerade bei dem zweiten Punkt haben die Linken in Hinsicht auf ökologischen Aktivismus versagt: Denn es wurde keine neue Sichtweise auf das Wirtschaftssystem entwickelt. Stattdessen sollten wir alle neue Glühbirnen benutzen oder Hybridautos fahren, aber mit unserem Konsum so weiter machen. Das Problem ist, dass wir ein Wirtschaftssystem fortsetzen, dessen Grundlage auf uneingeschränktem Wachstum basiert.

derStandard.at: Sie haben ein Jahr nach dem Erdbeben in Japan Fukushima besucht und darüber den Kurzfilm "The Reactor" produziert. Es hat Sie interessiert, wie die Japaner auf diese Katastrophe reagierten. Was haben Sie erfahren?

Stone: Mehr als 18.500 Menschen starben durch das Erdbeben und vor allem durch den darauf folgenden Tsunami. Doch danach begann das Desaster durch eine vom Menschen gebaute Welt. Japan reagierte zunächst darauf: Während ich im Jahr 2012 dort war, wurden 53 Atomkraftwerke hinunter gefahren. Und in der Öffentlichkeit wurde lebhaft über die Gefahren der Atomkraft debattiert.

Es war sehr enttäuschend für mich, als schließlich doch wieder die großen Unternehmen ihre Interessen durchsetzen konnten. 2013 wurden unter der neuen Regierung fast alle Reaktoren wieder in Betrieb genommen.

Das einzige Land, das auf die Ereignisse wirklich reagiert hat, war Deutschland. Dort wird der Ausstieg aus der Atomenergie und der Umstieg auf erneuerbare Energie vollzogen. Es ist inspirierend zu sehen, dass dadurch auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

derStandard.at: Ökologischer Aktivismus kann auch unbeliebt machen. Besonders Vegetariern oder Veganern wird nachgesagt, dass sie schnell über andere urteilen.

Stone: Ja, kennen Sie den Witz: Wie erkennt man einen Veganer? Keine Sorge, er wird es ihnen schon mitteilen.

derStandard.at: Kann Yoga dabei helfen, sich nicht ausschließlich an den eigenen Standpunkt zu klammern und für andere Sichtweisen offener zu werden?

Stone: Yoga und Meditation sind in einer Praxis verortet, die sich Achtsamkeit nennt. Das bedeutet, dass wir den Dingen rund um uns Aufmerksamkeit schenken, ohne gleich darüber zu urteilen. Wenn wir uns nicht ausschließlich an den eigenen Standpunkt klammern, sind wir besser in der Lage mit Menschen zusammenzuarbeiten, die eine andere Meinung haben.

Immer wenn ich mit Aktivistengruppen zu tun habe, fällt mir folgendes auf: Je stärker die Ideologien sind, umso besser können große Gruppen an Menschen mobilisiert werden. Aber im Endeffekt erreichen sie wenig. Es ist immer ein "Wir gegen alle anderen".

Ein Beispiel: Heutzutage wird viel über das eine Prozent der Superreichen gegen die restlichen 99 Prozent der Menschheit gesprochen. Es ist natürlich wahr: Es gibt eine große Kluft und Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich. Wenn wir die Reichen aber ausschließlich als Feind betrachten, werden wir mit den Menschen an der Macht nicht in Dialog treten können und wieder nichts erreichen. (jus, derStandard.at, 22.10.2014)

Der Kanadier Michael Stone (40) ist Yoga- und buddhistischer Meditiationslehrer, Psychotherapeut und Autor. Er verknüpft seine Yogapraxis mit gesellschaftspolitischem Engagement.

Termin

Public Talk in der Yogawerkstatt
Große Mohrengasse 23, 1020 Wien, 19.45 Uhr
Es wird um "Dana", eine Spende im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten, gebeten.

  • Yoga- und buddhistischer Meditationslehrer Michael Stone zieht Bilanz über die Occupy-Bewegung.
    foto: www.eugeniefrerichs.com

    Yoga- und buddhistischer Meditationslehrer Michael Stone zieht Bilanz über die Occupy-Bewegung.

  • Die Vernetzung unterschiedlicher Aktivistengruppen sieht er als Modell der Zukunft. Den Slogan "We are the 99 percent" kritisiert er hingegen.
    foto: ap/frank franklin ii

    Die Vernetzung unterschiedlicher Aktivistengruppen sieht er als Modell der Zukunft. Den Slogan "We are the 99 percent" kritisiert er hingegen.

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