Neues Zusammenleben in bewährten Gebäuden

22. Oktober 2014, 09:57
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Die Zukunft des Wohnens bringt dichtere Städte, höhere Kosten und neue Formen der Interaktion. Die größte Herausforderung ist die Bewahrung des sozialen Friedens unter diesen Bedingungen, lautete die Botschaft des 50. STANDARD-Wohnsymposiums

Wien - Was tun gegen steigende Mieten, für die Ankurbelung des Wohnbaus und zur Beibehaltung der Wohnbauförderung? Um diese Frage drehte sich nicht nur das erste STANDARD-Wohnsymposium zur "Zukunft des Wohnens" im Februar 1999, beim dem auch Werner Faymann (SPÖ) als damaliger Wiener Wohnbaustadtrat auftrat. Auch in den folgenden 15 Jahren ging es bei 48 Veranstaltungen immer wieder um die Kernfragen der Wohnpolitik sowie um neue Themen wie Klimaschutz und soziale Nachhaltigkeit.

Das 50. Symposium dieser Reihe, das wieder gemeinsam mit dem Fachmagazin "Wohnen Plus" ausgerichtet wurde, widmete sich vergangene Woche unter dem Titel "Völlig neu oder wie gewohnt" der Frage, wie wir im Jahr 2050 wohnen werden. Die Botschaft der Referenten aus dem Wohnbau, der Wissenschaft und der Politik - darunter Faymanns heutiger Koalitionspartner Reinhold Mitterlehner (ÖVP) - an die mehr als hundert Teilnehmer war klar: Genauso wie sich das Wohnen in den letzten 15 Jahren nicht völlig geändert hat, werden die meisten in 36 Jahren so ähnlich wohnen wie heute. "Wir haben die Zukunft schon vorbestimmt, weil wir für hundert Jahre bauen", sagte der prominente Wohnbau-Architekt Walter Stelzhammer.

Ende der Stadterweiterung

Einige Trends kristallisierten sich bei der Veranstaltung heraus: Die Zahl der Bewohner in den Ballungszentren wird wachsen, die Lebensentwürfe werden individueller und die Menschen werden älter. Um der umwelt- und klimaschädigenden Zersiedelung Einhalt zu gebieten, dürfen sich die Städte nicht weiter ausbreiten: Stadtverdichtung lautet die neue Strategie. "Wir haben kein Geld mehr für Stadterweiterung", sagte Stelzhammer. "Die Seestadt Aspern wird das letzte Projekt sein, das wir uns leisten können."

Diese Vorstellung teilt auch Mitterlehner. Bei bis zu 80 Prozent der Wiener Wohnhäuser sei eine Nachverdichtung möglich, womit 40 Prozent mehr Wohnfläche geschaffen werden könnten, sagte der VP-Chef und Wirtschaftsminister in einer programmatischen Eröffnungsrede. Anreize für Sanierung könnten auch in der Steuerreform gestärkt werden.

Steigende Bodenpreise

Leistbares Wohnen zu sichern ist angesichts steigender Bodenpreise und Baukosten eine weitere Herausforderung der Zukunft. Darauf hatte niemand eine einfache Antwort. Denn mehr Steuermittel, das war allen klar, wird es für den Wohnbau in Zukunft nicht geben. Aber wenn sich die Wohnsituation für die Mittel- und Unterschicht verschlechtert, gefährdet dies auch den sozialen Frieden, auf den Österreich zurecht so stolz ist.

Was tun? Man sollte neue Widmungskategorien für den geförderten Wohnbau schaffen und den Wildwuchs an bürokratischen Vorschriften eindämmen, um so mehr und günstiger zu bauen, sagte Mitterlehner. Stelzhammer sprach von kleineren Wohnungen in Wohnanlagen, die aus vorgefertigten Elementen errichtet werden. Jörg Wippel, Chef des Bauträgers wvg, der ohne Förderungen relativ günstige Wohnanlagen errichtet, empfahl vor allem eine Vereinheitlichung des "zersplitterten Wohnrechts" als Weg, um den Wohnbau zu leistbaren Preisen wieder anzukurbeln.

"Motivieren statt regulieren"

Und für den Ökonomen Michael Wagner-Pinter liegt es weniger an der Politik als an der Zivilgesellschaft, durch innovative Wege den so wichtigen sozialen Zusammenhalt auch in schwierigeren Wohnbedingungen - etwa auf weniger Raum - abzusichern.

Auch bei den Tischgesprächen, auf den Vorschlag für die Politik ausgearbeitet wurden, drehte es sich um die Frage, wie man ohne zusätzliche öffentliche Gelder die Wohnsituation verbessern kann. "Motivieren statt regulieren" lautete der Vorschlag, der beim Voting mit großer Mehrheit siegte - also Anreize bieten, damit ältere Bewohner etwa in kleinere Wohnungen umziehen und Wohnflächen für Familien mit Kindern freigeben.

Gemeinsam wohnen

Einen anderen Blick auf die Zukunft des Wohnens bot das Gespräch dreier Jungpolitiker von SPÖ, ÖVP und Grünen. Für Julia Herr, Stefan Schnöll und Julian Schmid ist das größte Problem die Leistbarkeit, für die sie keine Lösung sehen. Man werde daher in Zukunft immer mehr gemeinsam wohnen, in WGs oder "Shared living" - eine Vision, die auch schon jetzt zahlreiche Planer durch Gemeinschaftsräume in Ansätzen verwirklichen wollen.

Und auch wenn die Wohnhäuser in Zukunft so aussehen werden wie heute, die Städte werden es nicht, zeigte sich Stelzhammer überzeugt. "Wir werden zum Schluss keine andere Wahl haben, als unsere Stadt neu aufzustellen." (Eric Frey, DER STANDARD, 22.10.2014)

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