Schlecker: Geburtstag eines Phantoms

22. Oktober 2014, 09:56
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Wenn Anton Schlecker dieser Tage 70 Jahre alt wird, steht er vor den Trümmern seines einstigen Drogerie-Imperiums

Ehingen - Anton Schlecker feiert dieser Tage den ersten runden Geburtstag seit dem Untergang seines Lebenswerks. Er wird 70 Jahre alt. Den Schatten seines einstigen Unternehmens abschütteln kann er allerdings nicht.

Der ehemalige Firmenpatriarch geht noch heute, so erzählen es Beobachter, regelmäßig in der früheren Zentrale in Ehingen bei Ulm ein und aus. Ob aus Nostalgie oder aus Geschäftssinn, sei dahingestellt: Die Schlecker-Familie residiert noch immer im einstigen Chefbüro, um von dort aus Geschäfte zu betreiben. Offiziell sitzt dort die CML Schlecker Immobilienverwaltung GmbH - seine Frau heißt Christa, die Kinder Meike und Lars.

Würde Schlecker selbst etwas erwirtschaften, ginge es direkt an den Insolvenzverwalter. Als eingetragener Kaufmann haftete er persönlich für seine Drogeriemarktkette. Die Schlecker-Pleite machte ihn "privatinsolvent". 30 Mitarbeiter von Schlecker sind noch mit der Abwicklung betraut, zehn sind es bei der Insolvenzverwaltung.

Abwicklung länger als erwartet

Die Schlecker-Abwicklung dauert übrigens länger als zunächst erwartet. "Das Verfahren wird sicher noch bis nächstes Jahr dauern", erklärte die Insolvenzverwaltung zur dpa. Demnach ist Schlecker wohl erst Ende 2015 weitgehend abgewickelt. Ursprünglich war dies schon ein Jahr vorher erwartet worden. Den Angaben zufolge haben u.a. viele frühere Beschäftigte noch Zeugnisse und Arbeitsbescheinigungen erbeten. Hinzu kommen langwierige Abrechnungen von Mietverhältnissen.

Bei der seinerzeitigen Pleite "brach eine Welt für ihn zusammen", sagt ein Insider über Anton Schlecker. "Er war der festen Überzeugung: "Ich bekomme das schon noch hin." Er bekam es nicht hin, 25.000 Mitarbeiter verloren ihren Job, 50.000 waren es in den besten Schlecker-Zeiten. Vor der Insolvenz gab es 9.000 Märkte im In- und Ausland, Gläubiger forderten eine Milliarde Euro nach der Pleite.

Neu-Versuch mit Dayli

Im Juli 2012 hatte der bis dahin weitgehend unbekannte Investor Haberleitner alle Schlecker-Filialen in Österreich, Italien, Polen, Belgien und Luxemburg übernommen - insgesamt 1.350 Standorte - und wollte die Drogeriemarktkette als Nahversorger "dayli" neu aufstellen. Im Juli 2013 wurde Insolvenzantrag gestellt, im August sämtliche Filialen geschlossen. Mit 3.468 betroffenen dayli-Beschäftigten handelte es sich in Österreich um die größte Handelspleite seit der Konsum-Insolvenz im Jahr 1995.

Schon zu den guten Zeiten scheute Schlecker öffentliche Auftritte. Sogar die einstige Gesamtbetriebsratschefin Christel Hoffmann bekam ihn in all den Jahren nie zu Gesicht. "Wir haben ihn mehrmals zu Betriebsratsversammlungen eingeladen", erinnert sie sich. "Er ist nie gekommen."

Kontrollbesuche in den Filialen

Bei der Gewerkschaft ver.di wundert man sich darüber nicht. "Es ging offenbar gegen seine Ehre, andere Leute mitreden zu lassen", sagt ver.di-Handelsexperte Bernhard Franke, der Schlecker selbstredend auch nie persönlich getroffen hat, aber einräumt: "Er hat gelebt für sein Unternehmen, da bin ich mir sicher." Einen Blick auf den Chef erhaschen konnten einzig die Mitarbeiter, in deren Filialen Schlecker bei seinen samstäglichen Kontrollbesuchen Station machte.

Dass Anton Schlecker sogar zu Glanzzeiten seines Unternehmens eher einem Phantom glich, hat einen traurigen Hintergrund. 1987 wurden die Schleckers überfallen und beide Kinder entführt. "Vielleicht war es ihm deswegen besonders wichtig, seine Person und seine Familie zu schützen", sagt Franke.

Selbst in dieser dunklen Stunde zeigte Schlecker allerdings schwäbischen Geschäftssinn - und handelte die Lösegeld-Forderung herunter. Beobachter erzählen aber von einem engen Zusammenhalt in der Familie, auch während der Insolvenz.

Auch künftig dürfte Schlecker diese Unterstützung brauchen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt noch immer gegen ihn. Es geht dabei um den Verdacht der Untreue, der Insolvenzverschleppung und des Bankrotts. Ob und wann die Behörde Anklage erhebt, ist einer Sprecherin zufolge noch nicht absehbar. Gestraft sei er aber schon jetzt, wie ein Insider sagt: "Sein Schicksal war eng an das des Unternehmens gekoppelt." (APA, 22.10.2014)

  • Anton Schlecker
    foto: ap/matthias kessler

    Anton Schlecker

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