Magnum-Fotograf René Burri gestorben

21. Oktober 2014, 17:11
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"Kein Burrist, sondern ein Pragmatiker": Zum Tod des Schweizer Fotografen

Wien - Es war das Negativ mit der Nummer 23: Aus leichter Untersicht fotografiert blicken wir in das selbstbewusste, fast ein wenig arrogante Gesicht von Ernesto "Che" Guevara. Eine Cohiba-Zigarre steckt lässig in seinem Mund, als wäre es ein Grashalm. Mit diesem Bild hat der Schweizer René Burri im Jänner 1963 eine Ikone der Fotografie geschaffen - millionenfach wurde es auf Poster, T-Shirts und in Büchern gedruckt. Allerdings wäre es ungerecht, Burri auf dieses eine Foto zu reduzieren - zu groß ist der visuelle Schatz, den er hinterlässt.

Da sind zum einen die Porträts von Künstlern und Prominenten wie Picasso, Giacometti und Le Corbusier. Er fotografierte sie gerne, weil er sich auch persönlich für sie begeisterte, sich ihnen so annähern konnte. So ist es kein Zufall, dass sein angeblich allererstes Foto überhaupt den britischen Premier Winston Churchill zeigt, wie dieser, aufrecht in der offenen Limousine stehend, in Zürich durch eine Menschenmenge fährt. Burri war damals gerade einmal 13 Jahre alt, aber mit etwas gutem Willen kann man in diesem leicht verwackelten Bild bereits sein Grundverständnis für fotografische Gestaltung erkennen.

Denn Burri hatte nicht nur ein Gespür für besondere Momente im Alltäglichen, er war auch ein Meister feinsinniger Kompositionen: Seine vier mysteriösen Anzugträger, die auf einem Hochhausdach über São Paulo stehen und lange Schatten werfen, während wir einen fast schwindelerregenden Blick ins Verkehrsgewühl auf der Straße bekommen, erinnert an das Finale eines Film noir.

"Das habe ich sehr früh gelernt: Kamera dabeihaben. Fotografie hat keine Uhrzeit. Das kann jederzeit passieren", sagte Burri einmal in einem Interview. Dabei entwickelte er zwar eine Handschrift, aber kein Dogma, was sein Werk grundsätzlich eher heterogen erscheinen lässt. Aber das war ganz in seinem Sinne: "Ich bin kein Burrist, sondern ein Pragmatiker."

Fotografischer Ritterschlag

Gelernt hatte Burri an der Zürcher Kunstgewerbeschule und arbeitete danach an Fotoreportagen für renommierte Zeitschriften wie Life, Du, Paris Match, Stern und Geo. Bereits mit 23 Jahren wurde er "korrespondierendes Mitglied" der legendären Fotografenagentur Magnum, drei Jahre später wurde er Vollmitglied, was bis heute einer Art fotojournalistischen Ritterschlags gleichkommt.

1962 erschien schließlich das Buch Die Deutschen, für das er zwischen 1957 und 1961 als neutraler Schweizer ungehindert beide Teile Deutschlands bereist hatte. Es zeigt eine Sicht auf ein zerstörtes Land im Aufbruch, das (ganz ähnlich wie The Americans von Robert Frank kurz zuvor) zunächst nur wenig Begeisterung bei denen auslöste, die er zeigte. Seinem einmal gefundenen Thema blieb Burri jedoch treu, und Die Deutschen wurde bis in die 1990er-Jahre hinein immer wieder neu aufgelegt und dabei um aktuelle Fotografien erweitert. Damit gilt Burri als der einzige Chronist, der Deutschland vor und nach dem Bau der Mauer sowie vor und nach dem Fall dieser ausführlich fotografisch dokumentiert hat.

Am Montag erlag René Burri im Alter von 81 Jahren in Zürich seinem Krebsleiden. (Damian Zimmermann, DER STANDARD, 22.10.2014)

  • Fotograf René Burri bei einem Wien-Besuch 2012. Robert Newald hat den Fotografen immer wieder abgelichtet: derstandard.at/blogs.
    foto: robert newald

    Fotograf René Burri bei einem Wien-Besuch 2012. Robert Newald hat den Fotografen immer wieder abgelichtet: derstandard.at/blogs.

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