Vom Amoralaroma in Wirtschaft und Politik

Kommentar der anderen21. Oktober 2014, 17:00
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Korruption müffelt, Freunderlwirtschaft miachtlt: Wohin der Bürger seine Nase auch hält, es schlagen ihm Hautgouts und üble Gerüche entgegen. Das hängt auch damit zusammen, dass psychische Störungen mit im Spiel sind

Palindrome - Worte, die man von beiden Seiten lesen kann - gibt es viele: von Ehe, über Retter bis hin zum Längsten, dem Reliefpfeiler, das angeblich von Schopenhauer stammt. Sie ergeben meist wenig Sinn, wie auch der Palindromsatz "Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie." Ich konnte ein paar Jahre vor der Finanzkrise ein langes Wort entdecken, dass Sinn ergibt und ein Dreifachpalindrom darstellt: Amoralaroma kann auch als "Amor a la Roma" oder als "Amoral a Roma" gelesen werden. Neben der Assoziation zur römischen Liebe lässt es auch an bedenkenlose italienische Politiker denken. Jahre später hat Ernst Strasser dieses Wort durch den Spruch "Lobbyists have a certain smell" sozusagen zertifiziert.

Korruption in wirtschaftlichen oder politischen Belangen wirkt heimlich, ist unsichtbar. Man kann riechen, dass bei wirtschaftlichen Großprojekten, bei Postenbesetzungen oder politischen Tauschgeschäften etwas zum Himmel stinkt. So wie der Teufel nach Schwefel riecht, so einen unangenehmen Geruch gibt es mitunter in Politik und Management. Woraus könnten denn diese penetrante Düfte zusammengesetzt sein: Ist es Angstschweiß, gemischt mit Ausdünstungen von Bestechungsschweinereien? Oder handelt es sich um den abstoßenden Geifer der Gier? Anrüchigen Machenschaften werden in unserer Gesellschaft immer noch Respekt gezollt: Kavaliersdelikte; nur nicht erwischen lassen, das macht doch jeder!

Laut Mark Rich werden sechs Prozent der Bevölkerung als genetisch bedingte Psychopathen geboren. In der psychiatrischen Literatur schwanken die Angaben zwischen zwei und vier Prozent. Ein Syndrom, das weniger eine Krankheit, sondern einen inneren Defekt darstellt. Es fehlt ganz einfach die Gewissensschranke. Solche Gesellen (mehr Männer als Frauen) brauchen den Adrenalinkick des Verbotenen, müssen Grenzen brechen und haben durch dieses seelische "Gewissensloch" keine Schuldeinsicht. Sie haben niemals Fehler gemacht, sondern immer alles "supersauber" und richtig.

Gerichte sprechen frei

Das ist auch der Grund, warum sie bei Gericht meist freikommen. Die Recht-Sprechenden entwickeln eine Art "Bisshemmung", weil sie instinktiv merken, dass so jemand nichts dafür kann - sozial meist gut angepasst, intelligent, sympathisch, aber im Notfall gnadenlos und unberechenbar. Buchtipp: Martha Stout, Karsten Petersen, Der Soziopath von nebenan. Es beschreibt dieses Charakterbild und die Art, wie man sich davor schützen kann, detailliert. Psychotherapie und Pillen helfen nicht: unheilbar und unheilbringend!

Männliche Psycho- und Soziopathen sind bei Frauen besonders beliebt, weil sie so kühn und ungeniert auftreten. Sich auf so jemanden einzulassen führt unweigerlich zu schweren Enttäuschungen und tiefen Verletzungen! Im mindesten Fall verbrauchen die Leute Stunden um Stunden mit Erzählungen, welch krankes Verhalten so jemand an den Tag gelegt hat. Mit normalem Ethik- und Moralverständnis Ausgestattete suchen nach plausiblen Erklärungen und finden sie nicht.

Charisma gefragt

In Politik und Wirtschaft ist Charisma gefragt. Bei Auftritten bestimmt den Erfolg zu 57 Prozent die Mimik, zu 36 Prozent die Stimme und nur zu sieben Prozent der Inhalt. Daher wird der "starke Mann" gesucht, der leider innerlich schwer gestört ist, darunter aber nicht mal leidet.

Wir müssen speziell bei Postenbesetzungen in Führungsebenen große Vorsicht walten lassen, dass wir emotional defekte Menschen nicht nach oben befördern. Transparente Ausschreibungen und wirklich objektive Beurteilungssysteme inklusive Hearings sollten zur Selbstverständlichkeit werden. Damit lassen sich nicht alle Fehler ausschließen, aber viele Fehlbesetzungen eindämmen. Wirtschaftliche und politische Kriminalität ist verwerflich, anrüchig, strafbar und muss als psychischer Defekt diskreditiert werden. Noch ein Wort habe ich mir schützen lassen, das alle verstehen, das aber weder in Englisch noch in Deutsch zu "ergoogeln" war: die Wirtschaftspsychiatrie. (Othmar Hill, DER STANDARD, 22.10.2014)

Othmar Hill (Jahrgang 1948) ist Wirtschaftspsychologe und Managementbegleiter und lebt in Wien.

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