Ungleich gleichgültig

21. Oktober 2014, 17:20
1 Posting

In "Die Hölle ist auch nur eine Sauna" sucht ein Hermaphrodit seinen Platz in der Gesellschaft. Zu sehen im Wiener Kosmostheater

Wien - Die Schlange im Garten Eden beschäftigt im Kosmostheater eine grundsätzliche Frage: Warum hat Gott überhaupt "die Frau" erschaffen? Warum die menschliche Schöpfung mit Sünde und Scham beschmutzt? In Die Hölle ist auch nur eine Sauna gibt die Dramatikerin Katja Brunner die spitzzüngig trockene Antwort: "Der Zweck heiligt die Mittel."

Die drei Darsteller Miriam Fussenegger, Sissi Noé und Martin Hemmer treten in Tanja Witzmanns Inszenierung als Bewohner des "Universaldorfs" auf, einer repräsentativen Kleinvariante der (deutschsprachigen) Gesellschaft.

Die Themen, die Brunner ins Universaldorf verpflanzt, bekommen in Österreich unbequeme Authentizität: Eine der Protagonistinnen ist "die da unten", die im väterlichen Kellerverlies haust. Ihr Kind Hermi, ein Hermaphrodit, soll sich dann "oben" beweisen, sprich gesellschaftlich - und geschlechtlich - einordnen. Die Universaldörfler tun sich schwer - in welche Turngarderobe soll man Hermi nun bitte stecken? Ist die da unten eine von ihnen?

Unerbittlich holt Katja Brunner den Fall Fritzl aus der Kategorie des Einzelphänomens und erhebt ihn zum strukturellen gesellschaftlichen Problem: Um "unten" zu sein, braucht es ein "oben", gesellschaftliche Außenseiter existieren nur komplementär zu einem definierten Inneren. Mit sprachlichem Witz und Feingefühl bringt Brunner die diesbezügliche Verleugnung auf den Punkt: "Nicht betroffen ist ungleich gleichgültig."

Die sprachlichen Gebilde der jungen Autorin und Preisträgerin des Mülheimer Dramatikerpreises zergehen buchstäblich auf der Zunge. Das Stück wirkt derart dicht komponiert, dass jeder einzelne Satz eigene Kontemplation verdient. Regisseurin Tanja Witzmann lässt ihre Protagonisten die Texte dann in fast lieblicher - aber keinesfalls verniedlichender - Manier vortragen: Im augenscheinlichen Nebeneinanderstellen von Verdrängung und Realität, Grausamkeit und Naivität liegt die Gewalt dieser Produktion. (Lina Paulitsch, DER STANDARD, 22.10.2014)

Kosmostheater, bis 25. Oktober, 20.00

  • Sissi Noé, Martin Hemmer und Miriam Fussenegger als "Universaldörfler".
    foto: bettina frenzel

    Sissi Noé, Martin Hemmer und Miriam Fussenegger als "Universaldörfler".

Share if you care.