Historikerstreit um NS-Stollen in St. Georgen

22. Oktober 2014, 07:00
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Mögliche neue Erkenntnisse zum NS-Rüstungsprojekt "Bergkristall" entzweien die Wissenschaft: Bertrand Perz kritisiert involvierte Kollegen scharf und spricht von "Histotainment" auf Kosten der Opfer

Linz/Wien – Ist die Stollenanlage des einstigen NS-Rüstungsprojekts "Bergkristall" in St. Georgen an der Gusen größer als bisher bekannt? Forschten dort Hitlers Physiker an einer Atombombe? Fragen, an denen sich aktuell die Historiker-Geister scheiden.

Der Filmemacher Andreas Sulzer will in einem Gutachten der "Studiengesellschaft für Atomenergie GmbH" aus dem Jahr 1968 konkrete Beweise für eine zweite Stollenebene gefunden haben - DER STANDARD berichtete. Wissenschaftliche Beratung liefert dazu der renommierte Grazer Historiker Stefan Karner, der durch die Prüfung aller neuen Unterlagen "Licht in die Sache" bringen will und rät, "unbedingt" vor Ort Grabungen und Bohrungen durchzuführen. Mit dabei ist auch der Berliner Historiker Rainer Karlsch, Autor des Buches "Hitlers Bombe".

Fachlicher Gegenwind kommt aber aus der Bundeshauptstadt: Bei Bertrand Perz, anerkannter Historiker und stellvertretender Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Uni Wien, lösen die jüngsten Spekulationen statt Begeisterung "großes Erstaunen und noch größere Irritation" aus. Perz: "Für mich als Historiker, der sich viele Jahre mit den unterirdischen Anlagen in Österreich beschäftigt hat, die mit KZ-Häftlingen errichtet wurden, ist es erstaunlich, wie es einem Filmemacher wie Herrn Sulzer gelingt, der aus meiner Sicht vollkommen obskuren Idee einer Atomforschung der Nationalsozialisten in St. Georgen Bedeutung zu verleihen." Auch der jetzt präsentierte "endgültige Beweis" sei bei näherer Betrachtung keiner.

Perz: "Der Herr Sulzer legt ja periodisch neue Erkenntnisse vor, die sich dann in Luft auflösen. Ähnlich verhält es sich mit dem jüngsten Gutachten aus dem Jahr 1968. Das ist extrem vage gehalten und als seriöse Beschreibung der Stollenanlage unbrauchbar. Die unvollständigen Planskizzen legen nahe, dass der Gutachter gar nicht in der Stollenanlage war oder nur einen kleinen Teil betreten hat. Wir verfügen ja über präzise Pläne durch die Aktivitäten der BIG vor Ort, die sich mit den Originalplänen decken."

Bekannte Geschichte

Mit den Kollegen geht Perz hart ins Gericht: "Wenn Historiker dann sagen, man müsse Licht in die Sache bringen und Grabungen durchführen, dann dient das nur der Logik einer weit verbreiteten Sensationshistorie von Nazi-Geheimnissen und nicht einer seriösen Forschung. Und letztlich dem Histotainment des Herrn Sulzer."

Perz: "Bitte, es gibt kein Geheimnis." Die Geschichte rund um ‚Bergkristall‘ stehe in ihren Grundzügen seit langem fest: "Der Rahmen, die Eckdaten dieser Anlage und was dort vorgefallen ist, ist bekannt. Vor allem ist es ein schrecklicher Ort mit tausenden Toten." Einziger Zweck sei der Bau einer unterirdischen Anlage zur Flugzeugproduktion gewesen.

Perz: "Das belegen alle historischen Quellen, die ich zur Stollenanlage seit den 1980er Jahren gesehen habe, und das waren nicht wenige." Vorhandene Dokumente würden jetzt ignoriert werden. "Mich stört aber vielmehr, dass die Opfer, die Überlebenden des KZs, nicht ernstgenommen werden. Es gibt keine einzige Aussage ehemaliger Häftlinge, dass dort irgendetwas in Richtung Atomforschung passiert ist."

Spannend wird damit ein für heute, Mittwoch, von Filmemacher Sulzer angesetzter Info-Abend in St. Georgen – mit den Historikern Karner und Karlsch. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 22.10.2014)

  • Am 9. März 1944 begann in St. Georgen unter dem Tarnnamen "Bergkristall" der Bau einer der größten unterirdischen Rüstungsanlagen des Deutschen Reiches.
    foto: big/helga loidold

    Am 9. März 1944 begann in St. Georgen unter dem Tarnnamen "Bergkristall" der Bau einer der größten unterirdischen Rüstungsanlagen des Deutschen Reiches.

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