Gerald Leitner: "Wir stellen nicht nur Bücher bereit"

Interview21. Oktober 2014, 17:16
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Mit "Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek" findet wieder das größte heimische Lesefest statt. Der Geschäftsführer des Büchereiverbandes Österreichs spricht über E-Books und das Träumen

STANDARD: Amazon bietet um monatlich 9,99 Euro 650.000 E-Books zum Verleih an. Fürchten Sie die Amazon-Flatrate für E-Books?

Gerald Leitner: Nein. Prinzipiell begrüße ich jede Aktion, die den Zugang zu Literatur leichter und attraktiver macht - falls auch die Autoren und Verlage davon profitieren und nicht nur Amazon. Keine Frage, es ist ein schönes Angebot an Leser von E-Books, vor allem an die gehobene Mittelschicht, die sich die 120 Euro jährlich leisten wollen und können, wobei der Bestand von deutschsprachigen Büchern noch etwas dürftig ist. Ich glaube aber nicht, dass Amazon unser Grundproblem lösen wird.

STANDARD: Das ist Ihrer Meinung nach?

Leitner: Dass 28 % der Österreicher nicht sinnerfassend lesen können, halte ich für eines der gravierendsten Probleme für unsere Zukunft, für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Diese 28 % brechen uns weg, wirtschaftlich und sozial.

STANDARD: Welchen Beitrag können die öffentlichen Bibliotheken leisten?

Leitner: Wir stellen nicht nur Bücher bereit, wir versuchen, mit vielen Aktionen die Leute - speziell Kinder und Jugendliche - zum Lesen zu bringen. Allein im letzten Jahr haben wir über 40.000 Veranstaltungen in Bibliotheken organisiert, täglich mehr als hundert. Wir bringen Autoren in die 1500 Büchereien - häufig in viele kleine Gemeinden am Land -, ermöglichen eine lebendige Auseinandersetzung und oftmals erste Begegnung mit Literatur. Wir betreiben damit sehr aktiv Lese-, Autoren- und auch Verlagsförderung. Das ist harte Arbeit. Haben Sie schon einmal gesehen, dass Amazon eine Autorenlesung oder Lesenächte veranstaltet hat?

STANDARD: Wie stehen Österreichs öffentliche Bibliotheken im internationalen Vergleich da? Finnland zum Beispiel schneidet in OECD-Studien zur Lesefähigkeit - im Gegensatz zu Österreich - immer exzellent ab?

Leitner: Mit 867.382 eingeschriebenen Benutzern sind wir zwar mit Abstand Österreichs größte Leseförderungseinrichtung, das Beispiel Finnland zeigt aber, dass es hier noch ein großes Entwicklungspotenzial gibt: 80 % der Finnen nutzen Bibliotheksservices, 40 Prozent haben einen Bibliotheksausweis (bei uns 10 %). Die Finnen sind nicht nur Pisa-Weltmeister, sondern auch im Bibliothekswesen führend.

STANDARD: Woran liegt das?

Leitner: Lesen, Literatur und Bibliotheken sind für das finnische Selbstverständnis enorm wichtig. Das Bekenntnis der Politik schlägt sich auch im Budget nieder: Die Finnen investieren zehnmal mehr in die Büchereien als Österreich.

STANDARD: Thema E-Book. Wie groß ist das Angebot von E-Books in Bibliotheken, wie wird es angenommen?

Leitner: Alle Großstadtbibliotheken, aber auch kleinere Bibliotheken in Vorarlberg, Salzburg, Ober- und Niederösterreich bieten E-Books an. Sie können von zu Hause aus über Ihre Bibliothek E-Books downloaden, nach zwei Wochen löscht sich das E-Book selbst. Das Angebot wird sehr gut angenommen. Was uns allerdings Sorge bereitet, ist, dass manche Verlage uns - mit Hinweis auf das geltende Urheberrecht - den Ankauf von E-Books verwehren. Über 50 % der gefragtesten E-Books werden nicht an Bibliotheken verkauft. Das ist absurd. Wir fordern daher eine Änderung des Urheberrechts, die es den Bibliotheken erlaubt, E-Books uneingeschränkt anzukaufen, zu verleihen und den Autoren via Bibliothekstantieme eine faire Vergütung zu garantieren.

STANDARD: Der Streit dreht sich also um die Bibliothekstantieme, die - anders als für gedruckte Bücher - für E-Books nicht abgeführt wird. Sie möchten die beiden Medien rechtlich gleichstellen. Dazu wurde die Initiative "The right to e-read" lanciert. Ein Erfolg?"

Leitner: Der Disput mit den Verlagen geht hauptsächlich um den uneingeschränkten Ankauf und den Verleih von E-Books. Um die Bibliothekstantieme scheinen sich die Verlage weniger zu kümmern. Derzeit erhalten die Autoren für den Verleih von E-Books gar nichts.

STANDARD: Haben Sie Bibliotheken betreffend einen Traum?

Leitner: Mein Traum wäre die Kreation einer österreichischen E-Book-Library, auf die alle Benutzer zugreifen können, um damit die Chancengleichheit für den Zugang zu Literatur und Information in Österreich zu schaffen. Sie sollte aber weit mehr als ein reines Download-Portal sein, vielmehr österreichische Literatur bewerben, Informationen aufbereiten und AutorInnen auf Lesereisen schicken - ein attraktives Promotion-Tool für die österreichische Literatur, das die Möglichkeiten einer digitalen Bibliothek mit Literatur- und Leseförderungsaktionen optimal zusammenführt und intelligent nutzt. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 22.10.2014)

Gerald Leitner (56) ist Germanist und Historiker. Er ist Geschäftsführer des Büchereiverbandes Österreichs.

  • Büchereiverbandschef Gerald Leitner will Autorentantiemen auch für den Verleih von E-Books.
    foto: matthias cremer

    Büchereiverbandschef Gerald Leitner will Autorentantiemen auch für den Verleih von E-Books.

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