John Scofield: Man muss Musik im Kopf singen können

Gespräch21. Oktober 2014, 17:05
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Der US-Gitarrist und einstige Begleiter von Miles Davis gastiert am Freitag bei Jazz & The City in Salzburg. Warum er kein "Blues Man", sondern ein "Jazz Guy" wurde, erzählt er im Gespräch

Wien - Verwinkelte Gitarrenläufe, die in angezerrte Blueslicks münden, beißende Intervalle und lyrische Passagen mit Gospel-Feeling. Für eine kleine musikalische Weltreise genügen dem US-Gitarristen John Scofield wenige Takte. Neben Bill Frisell und Pat Metheny zählt der 62-Jährige, der kommenden Freitag bei Jazz & The City in Salzburg gastiert, zu den "Big Three" der modernen Jazzgitarre.

Wie viele Jazzgitarristen hat auch Scofield nicht nur von Saitenkollegen, sondern vom Transkribieren von Bläsern gelernt: "Um Musik wirklich verstehen zu können, muss man sie im Kopf singen können, selbst wenn man sie nicht mit dem Mund singen kann."

Er habe sich etwa an den vokalen Qualitäten von Miles Davis' Trompetenspiel orientiert. Bei Davis hat Scofield von 1982 bis 1985 in der Band gespielt und auch Kompositionen beigesteuert. "Miles machte mit einem Kassettenrekorder Aufnahmen von meinen Improvisationen über ein Funk-Rock-Motiv und verwendete sie als musikalische Themen." Das sei kein Miteinanderkomponieren im eigentlichen Sinn gewesen. "Aber es war eine Ehre, dass er meine Soli ernst nahm."

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John Scofield mit seinem "A-Team", Steve Swallow (bass) und Bill Stewart (drums), 2004 im New Yorker Club Blue Note.

Seit seinem Debüt als Leader 1977 mit East Meets West hat Scofield mehr als 30 Alben veröffentlicht, in denen er das von ihm perfekt beherrschte Bebop-Idiom mit Funk, Blues, Rock, Gospel und Soul verschmilzt. Die Sprache des Jazz zu erlernen sei ein Vollzeitjob gewesen. "Man wird für eine Weile zum Jazz-Snob, weil man merkt, wie großartig diese Musik ist und man lernt, sie auch tatsächlich selbst zu spielen."

Es waren Säulenheilige des Jazz wie Charlie Parker, John Coltrane, Thelonious Monk, Bill Evans und eben Miles Davis, die ihn zuerst fasziniert hätten. Scofield: "Unter den Jazzgitarristen für mich auf diesem Level waren Jim Hall und Wes Montgomery, aber auch Pat Martino und George Benson."

Nicht nur Geschwindigkeit und Technik

Scofield hat bei Hall in seinen frühen Zwanzigern Unterricht genommen und streicht noch heute die Einzigartigkeit des im vergangenen Jahr verstorbenen Gitarristen heraus: "Er war wirklich anders, weil er auf einem hohen Niveau spielte und keine Angst hatte, lyrisch zu sein. Es ging nicht nur um Geschwindigkeit und Technik."

Die expressive Qualität von Scofields eigenem Spiel verdankt sicht nicht zuletzt seinen frühesten, in High-School-Bands gepflegten musikalischen Vorlieben für Blues, Soul und R&B: "Unter den traditionellen Jazzgitarristen gab es nicht viel 'string bending'. Bei Jim Hall und Kenny Burrell ein wenig, aber wie Bluesgitarristen wie Albert King die Saiten zogen, war eine andere Liga. Es klang beinahe wie eine Sitar oder eine Slide-Gitarre."

Seine Generation habe den Vorteil der dünneren Gitarrensaiten gehabt, um Jimi Hendrix und B. B. King gewusst und das alles in den Jazz zurückführen können. Zwar wollte Scofield den Blues auf der Gitarre spielen, sich aber nicht als ein "Blues Man" wie Mike Bloomfield präsentieren: "Das fühlte sich nicht richtig und irgendwie auch respektlos gegenüber dem Blues an." Stattdessen sei er 1970 auf das Berklee College of Music in Boston gegangen und ein "Jazz Guy" geworden.

Ein "Jazz Guy" allerdings, der nach wie vor Gospel und Folk liebt und funkigen Grooves sowohl mit seiner eigenen Band Überjam als auch mit dem Avant-Jazz-Kollektiv Medeski, Martin & Wood huldigt.

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John Scofield und sein Funk-Projekt Überjam beim Sarajevo Jazz Festival 2013.

Jüngstes Zeugnis von der Zusammenarbeit mit John Medeski, Billy Martin und Chris Wood ist das höchst gelungene Album Juice (Sony), das unter anderem mit Coverversionen von Cream-, Bob-Dylan- und Doors-Klassikern aufwartet. Zu hören ist der Gitarrist auch auf dem demnächst erscheinenden Livealbum The Trio Meets John Scofield des deutschen Pianisten Pablo Held: "Sie sind wirklich gut, und es ist anders als alles, was ich zuletzt gemacht habe, sehr frei."

Mit seiner Überjam-Band will Scofield nächstes Jahr wieder ins Studio gehen, während er mit Medeski, Martin & Wood gleich nahtlos seine aktuelle Europatournee mit Bill Stewart und Steve Swallow Wood fortführt: "Ich bin froh, dass ich so viel Musik spielen kann."

Und dann wäre da noch die Verlockung eines Albums mit Jazz-Standards: "Wenn man Schriftsteller ist, studiert man Shakespeare, wenn man Jazz spielt, studiert man Standards. Das ist gleichzeitig das Problem, weil es bereits viele auf so überwältigende Weise vorgemacht haben. Aber wenn ich es mache, dann mache ich es auf meine Art." (Karl Gedlicka, DER STANDARD, 22.10.2014)

John Scofield bei Jazz & The City, Freitag, 24. 10., Republic, 21.00

Link

  • Vergangene Woche live im Wiener Porgy & Bess, am Freitag mit Steve Swallow und Bill Stewart in Salzburg: John Scofield.
    foto: herbert höpfl

    Vergangene Woche live im Wiener Porgy & Bess, am Freitag mit Steve Swallow und Bill Stewart in Salzburg: John Scofield.


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