Zeitgeschichte als Passion

23. Oktober 2014, 10:31
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Die Historikerin und Hispanistin Linda Erker erforscht Universitäten im Faschismus

Es ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit, in der Schule etwas über Österreichs Geschichte im 20. Jahrhundert zu erfahren. Für Linda Erker, die in einem politisch interessierten Elternhaus in Wien aufwuchs, war diese Geschichte wie selbstverständlich von klein auf präsent: Viele Remigrantinnen und Remigranten, vor allem aus England, gehören zum Bekanntenkreis der Familie.

So verwundert es wenig, dass die heute 30-Jährige ihr erstes "berufsbildendes" Erlebnis bereits mit sechs Jahren hat: Sie hört mit ihrem Vater in der Urania einen Vortrag des Psychoanalytikers Ernst Federn, der als Erster das Leben in Konzentrationslagern psychologisch analysierte. An den Inhalt des Vortrags kann sie sich zwar nicht mehr erinnern - sehr wohl aber daran, dass Ernst Federn danach zu ihr kam und lachend meinte, dass sie die Jüngste im Raum sei und er der Älteste.

In der Schule wird Erkers Interesse durch eine Lehrerin weiter gefördert. Als Maturantin schreibt sie dann ihre Fachbereichsarbeit über die Autobiografie der aus Wien vertriebenen Ärztin Rosl Ebner (1915- 1994). "Das war mit das Wichtigste an der ganzen Matura", sagt Erker im Rückblick. "Und ich war stolz, über eine so politische Frau geschrieben zu haben."

Nach einem halbjährigen Aufenthalt in Barcelona inskribiert sie - selbstverständlich - Geschichte und Romanistik. Spanisch wird zur zweiten Passion, die den Horizont erweitert: Die politisch engagierte Studentin reist unter anderem nach Mexiko, wo sie in Chiapas als Menschenrechtsbeobachterin tätig ist.

Nach der zeitgeschichtlichen Diplomarbeit - ein Ausstellungskonzept über vertriebene Studierende 1938 - verbindet die Jungforscherin für ihre Dissertation ihre zwei Leidenschaften: Erker, mittlerweile Assistentin in Ausbildung am Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien, vergleicht seit drei Jahren die Veränderungen ihrer Alma Mater unter dem Austrofaschismus mit der Universität Madrid unter dem spanischen Diktator Franco.

Wissenschaftliches Neuland

Weil sie damit wissenschaftliches Neuland betritt, ist viel Quellenarbeit zu leisten: Erker hat in mehr als einem Dutzend Archiven zum Teil noch unbearbeitete Bestände gesichtet und dabei sowohl in Madrid wie auch in Wien einige aufregende Entdeckungen gemacht. Erste Anerkennung für ihre Recherchen waren Vorträge auf wissenschaftlichen Konferenzen und zwei spanische Aufsätze.

Ihre aktuelle Situation an der Universität und den Wissenschaftsbetrieb sieht sie ambivalent: "Zum einen freue ich mich sehr über die Freiheit, forschen und Veranstaltungen konzipieren zu können." Zum anderen fehlen ihr an der Universität zeitweise die Wertschätzung der Lehre und die Möglichkeit, nachhaltig zu wirken, da auch ihr Anstellungsverhältnis begrenzt ist.

Ihrer Leidenschaft für Geschichte konnte das alles nichts anhaben. Linda Erker steckt nämlich auch einen Teil ihrer Freizeit in zeitgeschichtliche Arbeit: Seit vielen Jahren ist sie ehrenamtlich im Verein "Gedenkdienst" engagiert, der in vielfältigen Aktivitäten die Geschichte des Nationalsozialismus thematisiert und sich dabei an ein breites Publikum wendet. Denn auch das ist der Historikerin wichtig: dass Zeitgeschichte nicht nur in Texten mit Fußnoten und in den Seminarräumen stattfindet, sondern möglichst viele Menschen erreicht. Selbstverständlich auch in Schulen. (tasch, DER STANDARD, 22.10.2014)

  • Auch noch in der Freizeit zeitgeschichtlich engagiert: die Wiener Historikerin Linda Erker.
    foto: standard/cremer

    Auch noch in der Freizeit zeitgeschichtlich engagiert: die Wiener Historikerin Linda Erker.

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