Wirtschaftsstandort Russland: Geschenkt ist nicht geschmiert

26. Oktober 2014, 19:16
1 Posting

Wiener Wirtschaftswissenschafter untersuchen die Marktbedingungen für Unternehmer in Russland

Wien - Trotz diverser politischer Krisen - Russland bleibt ein wichtiger Wirtschaftsstandort. Welche Eigenheiten beim Geschäftemachen dort vorherrschen, versucht ein Projekt der FH des bfi Wien zu ermitteln. Die Studie ist Teil der Forschung des an der FH tätigen "Kompetenzteams Schwarzmeerregion", das zum Großteil von der Stadt Wien gefördert wird. Regionalmanager von österreichischen und deutschen Unternehmen sowie russische Wirtschaftswissenschafter und Journalisten wurden befragt. Die Daten werden noch ausgewertet - zum Jahresende soll ein Endergebnis vorliegen.

"Russland ist für Österreich ein wichtiger, aber auch ein nicht einfacher Markt. Die Firmen sind dort mit Problemen konfrontiert, die sie in ihrer Heimat nicht haben oder die dort anders ausgeprägt sind", erklärt die Wirtschaftswissenschafterin Ewa Martyna-David, die die Umfrage im März in Moskau durchgeführt hat. Ein zentrales Thema war dabei der Umgang mit der Korruption. Es stellte sich jedoch heraus, dass das ein weitaus weniger dominierender Faktor ist, als man ausgehend von landläufigen Klischeevorstellungen annimmt.

Die Proteste der russischen Bevölkerung wie etwa der "Marsch der Millionen" von 2012 zeigen insofern Wirkung, als der Staat nun verstärkt gegen Korruption vorgeht: Die Beamtengehälter wurden erhöht und Vergehen werden inzwischen härter bestraft. Früher übliche Bestechungsgelder in bar seien daher inzwischen eigentlich gar nicht mehr möglich. Dennoch bleiben krumme Geschäfte nicht aus.

Martyna-David verweist auf eine Studie von 2011, die ergab: Während die Anzahl der Bestechungen zurückgeht, wächst der finanzielle Umfang der einzelnen Korruptionsfälle. Wo es um viel Geld geht, scheinen weiterhin illegale Zuwendungen im Spiel zu sein. So vermeiden es ausländische Unternehmen eher, an staatlichen Ausschreibungen teilzunehmen, weil hier hohe Summen bezahlt werden müssen, die zudem nicht mit dem Wirtschaftsrecht in der Heimat vereinbar sind. Vor allem börsennotierte Unternehmen aus dem Ausland haben es in Russland schwer.

Die Korruption ist hier nicht völlig aus der Welt, sondern findet vielmehr im Bereich des eigentlich Erlaubten statt: Überall werden Gesetzeslücken genutzt oder Bestechungen in Form von Geschenken durchgeführt - das wird in Russland kulturell nicht als Korruption betrachtet: An hohen Feiertagen gilt es im Wirtschaftswesen als völlig selbstverständlich, dass Geschenke mitgebracht werden. Mit leeren Händen zu erscheinen sei unter Geschäftsleuten dann ein schwerer Fauxpas. Aber auch das Schenken wird jetzt stärker reguliert: Präsente dürfen bestimmte Werte und Größen nicht übersteigen.

Folgen der Ukraine-Krise

Die Studienleiterin hält die Korruption in Russland aber nicht für strukturell bedingt, sondern sieht darin die Summe einzelner Fälle. Im vergangenen Jahr hatten die Wiener Forscher bereits eine ähnliche Umfrage in der Ukraine durchgeführt, an die Martyna-David erinnert: "Wir haben keine vergleichende Analyse gemacht. Man kann aber sicher sagen, dass es Unterschiede gibt: Zum Beispiel waren die Oligarchen in der Ukraine wichtiger als in Russland. Auch hat man uns unisono in der Ukraine gesagt, dass die Korruption systemisch ist. In Russland habe ich diesen Eindruck nicht."

Beim Thema Russland kommt man aktuell ohnehin nicht an der Krise in der Ukraine vorbei. Der politische Konflikt habe sich auch auf die Befragung ausgewirkt, sagt Martyna-David: "Er hatte wahrscheinlich Einfluss auf die Offenheit der Interviewpartner. Manager und Wissenschafter haben nämlich unterschiedliche Bilder gezeichnet." Zwar waren die über Russland verhängten Sanktionen zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht in Kraft. Punktuell hatten sie sich aber schon auf österreichische Unternehmen ausgewirkt: So mussten manche Kurzarbeit einführen oder geplante Expansionen einfrieren.

Da sich derzeit schwer abschätzen lässt, wie sich diese Krise entwickelt, kann man die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen noch nicht einschätzen, was auch den ausländischen Unternehmen Kopfzerbrechen bereitet. Martyna-David: "Die Firmen werden sich individuell entscheiden, ob sie in diesem Markt bleiben. Das ist eine Kosten-Nutzen-Frage: Ist es günstiger, das Land zu verlassen oder sich mit den Umständen zu arrangieren? (Johannes Lau, DER STANDARD, 22.10.2014)

  • Protestplakat gegen die Verurteilung des russischen Antikorruptions-aktivisten Alexej Nawalni. Bestechungsgeschenke sind üblich.
    foto: apa/epa/maxim shipenkov

    Protestplakat gegen die Verurteilung des russischen Antikorruptions-aktivisten Alexej Nawalni. Bestechungsgeschenke sind üblich.

Share if you care.