Die Sensibilität des Anarchopunks

Blog22. Oktober 2014, 08:08
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"Lauter Leben" und "Gleisdreieck": Zwei neue Graphic Novels tauchen ab in die Hausbesetzerszene und linksextreme Bewegungen der 80er- und 90-Jahre

Irgendwie scheinen sie füreinander bestimmt: Graphic Novels und historische Themen. Mit Vorliebe buddeln Comic-Künstler tief in den Nischen der Vergangenheit, holen unbeachtet vor sich hinschlummernde Begebenheiten herauf in die Gegenwart, verfolgen mit akribischer Neugier kleinste Spuren von Episoden, die sich nicht ins kollektive Bewusstsein oder in die Geschichtsbücher eingeschrieben haben.

Dieser wissenschaftliche Drang, verstaubte Facetten der Geschichte unaufgeregt und auf unkonventionelle Weise offenzulegen und ihnen ein Eigenleben zurückzugeben - genau das ist es, was dem Comic-Blog Pictotop die richtige Würze gibt. Zumindest nach dem Geschmack der Verfasserin.

Aus Anlass des 25. Jubiläums des Mauerfalls widmet sich diese Folge "Lauter Leben" (Avant Verlag) und "Gleisdreieck. Berlin 1981" (Berlin Story Verlag), zwei Comic-Büchern, die mit ganz unterschiedlichen Mitteln ein emotional stark vermintes Gebiet aufarbeiten: Das der linken und linksradikalen Szene, des Häuserkampfs, des linken Extremismus und des Terrorismus in Berlin vor dem Mauerfall. Wohlgemerkt in Zeiten, in denen Hundertschaften von Polizisten nicht auf eine Handvoll Besetzer, sondern auf breite Demonstrationen angesetzt wurden.

avant-verlag/wouters, ross
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Der belgische Autor Nicolas Wouters und der deutsche Illustrator Mikael Ross legen mit "Lauter Leben" ein sehr persönliches Stück vor, das es schafft, behutsam zu erzählen und zugleich ungestüm die Sau rauszulassen – eine Kunst für sich. Es ist zuerst einmal die Geschichte der Freundschaft zwischen Thomas und Martin, die in den 80er-Jahren in Belgien beginnt, als beide noch Kinder sind. Von Anfang an ist klar: Martin ist herausfordernd, impulsiv, aggressiv. Wohl auch, um der Aufmerksamkeit, die seinem behinderten Bruder zuteil wird, etwas entgegenzusetzen. Thomas, ruhig und zurückhaltend, lässt Martins Wutausbrüche über sich ergehen, bewundert ihn, eifert ihm nach, nimmt jede Herausforderung hungrig an.

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