Sozialmediziner gibt Opfern der NS-Euthanasie in Kärnten ein Gesicht

21. Oktober 2014, 16:59
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Neues Projekt des Grazer Instituts für Sozialmedizin der Med-Uni Graz: Biografien von rund 1.500 Opfern werden durchforstet

Graz/Klagenfurt - Zwischen 1939 und 1945 wurden in Kärnten geschätzte 1.500 Menschen im Rahmen der sogenannten "Euthanasie" ermordet. Die Opfer waren meist behindert oder psychisch leidend, manchmal auch nur alt und gebrechlich, schildert der Grazer Sozialmediziner Wolfgang Freidl. Sein Team an der Med-Uni Graz will nun die individuellen Opfergeschichten erforschen.

Der Kärntner Sozial- und Kulturwissenschafter Helge Stromberger hat schon vor einem Jahrzehnt eine erste Publikation zu "Die Ärzte, die Schwestern, die SS und der Tod. Kärnten und das produzierte Sterben im NS-Staat" im Klagenfurter Drava Verlag vorgelegt. Demnach wurden zwischen Juni 1940 bis Sommer 1941 mehr als 700 Menschen vom "Kärntner Gaukrankenhaus" in Klagenfurt im Rahmen der sogenannten Aktion "T4" in vier Bahntransporten in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz geschickt und umgebracht.

Mord durch Verhungern lassen

Der Großteil von ihnen stammte aus der psychiatrischen Abteilung, rund 100 aus dem "Siechenhaus" als Teil der geriatrischen Abteilung, sowie anderen Einrichtungen der Kärntner Armen-, Alten-und Behindertenhilfe. Der ab 1942 einsetzenden "wilden Euthanasie" seien nochmals an die 700 Personen zum Opfer gefallen, erläuterte Freidl am Dienstag. Die Menschen wurden u.a. durch Medikamente oder durch Nahrungsreduktion ermordet. Diese Tötungen wurden bis April 1945 fortgesetzt.

"Wir möchten in Kooperation mit dem Kärntner Landesarchiv und Helge Stromberger den unzähligen Opfern von damals wieder ein Gesicht geben", schilderte Freidl eine Zielsetzung des auf zwei Jahre anberaumten Forschungsprojektes, das von der Österreichischen Nationalbank unterstützt wird. Ähnliches hat der Grazer Sozialmediziner und seine Mitarbeiter schon in einem Forschungsprojekt NS-Euthanasie in der Steiermark und hier v.a. im sogenannten "Feldhof" in Graz für 1.500 Opfer - darunter mehr als 200 Kinder - unternommen.

Gute Datenlage

Daneben wollen die Forscher aber auch anhand der im Kärntner Landesarchiv aufbewahrten Krankenakten sowie im Berliner Bundesarchiv herausfinden, "inwieweit die Amtsärzte und das NS-Gesundheitssystem insgesamt bei der Einweisung von behinderten und psychisch erkrankten Menschen in die Anstalten involviert war". Und nicht zuletzt wolle man anhand einiger Fallbeispiele die "Emotionssoziologie" der Pflegerinnen und Pfleger, die in dem System mitgespielt hätten, klären. Die Datenlage sei auf alle Fälle gut: "Es ist vieles vorhanden - von den Prozessakten bis hin zu den Patientenakten", so Freidl. (APA/red, derStandard.at, 21.10.2014)

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