Psychogramme des Pas de deux

20. Oktober 2014, 17:31
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Das Festspielhaus St. Pölten zeigte am Sonntag einen großartigen "William-Forsythe-Ballettabend" mit der Compagnie der Dresdner Semperoper. Weitere Arbeiten des weltweit wichtigsten "Spitzentanz"-Choreografen werden im Februar zu sehen sein

St. Pölten - Das war wohl eine der blamabelsten kulturpolitischen Entscheidungen, die sich eine deutsche Stadt seit Jahrzehnten geleistet hat: 2002 beschloss Hans-Bernhard Nordhoff, Kulturdezernent von Frankfurt am Main, die dortige Ballettsparte ab 2004 um 80 Prozent zu kürzen.

Die Würze dieser Entscheidung bestand darin, dass es ausgerechnet das Ballett Frankfurt traf, das damals von dem weltweit wichtigsten Vertreter seiner Sparte geleitet wurde: William Forsythe. Dieser machte sich daraufhin selbstständig.

Was Forsythes Arbeit für das Gegenwartsballett bedeutet, war vergangenen Sonntag im Festspielhaus St. Pölten zu sehen, wo die Compagnie der Dresdner Semperoper einen dreiteiligen Abend mit Werken des heute 64-Jährigen zeigte. Weitere Forsythe-Stücke (unter Mitwirkung der Starballerina Sylvie Guillem) wird Intendantin Brigitte Fürle kommenden Februar präsentieren.

Eingeleitet wurde der am Ende mit stürmischem Beifall quittierte "William Forsythe Ballettabend" von der berühmten Choreografie In the Middle, Somewhat Elevated aus dem Jahr 1987. Sie war bereits 2011 im Festspielhaus zu sehen, damals als Teil des legendären abendfüllenden Stücks Impressing the Czar (1988).

Hoch über den Köpfen der neun Tänzerinnen schwebt da - "somewhat elevated" - ein Paar vergoldeter Kirschen. Eine nicht ganz unfrivole Ironie auf die hohlen Eitelkeiten, die sich das Ballett immer wieder leistet. Auf einen verstörenden Krach - als wäre etwas Schweres auf die Bühne gestürzt - folgt ein atemberaubender Wettbewerb der Tanzleistungen als Überdehnung aller denkbaren Virtuosität, deren Balletttänzer fähig sein können. Da versteht auch der Laie, warum der Fußball so gern mit dem Titel "Spitzentanz" in die Sphären der hohen Kunst transzendiert wird.

Auf jeden Fall macht sich Forsythe hier zwar über die Auffassung vom Tanz als Leistungssport lustig, nicht aber über das Ballett selbst. Daher bleibt In the Middle, Somewhat Elevated trotz seines Witzes durchgehend elegant, präzise und unglaublich lässig. Nur in den affektierten Kopf- und übertriebenen Armhaltungen schlägt sich ein parodistischer Duktus nieder.

Unter dem Titel Neue Suite ist im zweiten Teil des Abends ein Programm aus neun Pas de deux zusammengefasst. Es setzt mit drei Duetten zur Musik von Georg Friedrich Händel - Concerti Grossi Op. 6 - ein, aus denen pastellige Verspieltheit, formales Temperament und emotionale Frostigkeit ablesbar sind. Mit Luciano Bario (Duetti für zwei Violinen, Vol. 1) geht es anschließend, ebenfalls in drei kurzen Paartänzen, zur Sache: Da werden grundsätzliche Komplexitäten in den Verhältnissen zwischen Mann und Frau durchdekliniert, von Launen, Brüchen und Verkrampftheiten bis hin zur Minimalversion einer Beziehungskistendarstellung. Erotik schimmert nur im dritten Berio-Duett auf, in dem es um die fatale Kürze einer alles vergessen machenden Hingabe geht.

Zweisamkeitsdiskurs

Da ist bereits bewiesen, dass mit dem Pas de deux im Ballett mehr kommuniziert werden kann als bloß hübsche Formalismen. Dem Slingerland Pas de deux zur Musik von Gavin Bryars ist dementsprechend eine hohe Kunst des Zweisamkeitsdiskurses eingeschrieben. Bei New Sleep zu Klängen von Thom Willems wird das Launische, Herausfordernde, Lauernde einer Beziehung deutlich, die eher vom Abenteuer als von Liebe getragen ist. Und in Bach - zur Allemande aus der Partita 1 des Barockmeisters - gerät das Gegenteil des Erotischen zur hohen Kunst: Ein langgliedriges Paar übt sich in respektvoll distanziertem Miteinander.

Hier hat William Forsythe eine Sammlung kleiner, exemplarischer Psychogramme angelegt, die von den Tänzern des Semperoperballetts mit Hingabe umgesetzt werden. Ebenso wie das letzte Stück des Abends, Enemy in the Figure. Ein wilder, hintergründiger Tanz um die Wirkung der Figur auf der Bühne, um Schattenspiele, Überleben und Verschwinden im Rampenlicht. Insgesamt war das ein inhaltlich großer Abend, dessen formale Qualitäten wohl nur schwer zu überbieten sind. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 21.10.2014)

  • Schattenspiele, Überleben und Verschwinden im Rampenlicht:  Das Stück "Enemy in the Figure" beim inhaltlich wie formal überzeugenden  "William Forsythe Ballettabend" in St. Pölten.
    foto: costin radu

    Schattenspiele, Überleben und Verschwinden im Rampenlicht: Das Stück "Enemy in the Figure" beim inhaltlich wie formal überzeugenden "William Forsythe Ballettabend" in St. Pölten.

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