Warum Journalismus der beste Job der Welt ist

21. Oktober 2014, 19:15
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ORF-Fernsehchefredakteur Fritz Dittlbachers Festrede zur Sponsion des Instituts für Journalismus und Medienmanagement im Wortlaut

Warum es auch 2014 Journalisten braucht, was sie von Amateuren und Propagandisten unterscheidet: ORF-Fernsehchefredakteur Fritz Dittlbachers Festrede bei der Sponsion des Instituts für Journalismus & Medienmanagement an der FH Wien bei derStandard.at/Etat im Worlaut:

Fritz Dittlbachers Rede im Wortlaut:

"Über unserer wundervollen Beruf zu reden heißt seit ein paar Jahren vor allem: Jammern.

Und die ganzen Kommentare, Reden und Diskussionsbeiträge der letzten Zeit zeichnen vor allem zwei Elemente aus: Großer Kenntnisreichtum über die vielen schlechten Nachrichten, die diese Branche in der jüngsten Vergangenheit vermelden musste. Und große Ratlosigkeit darüber, wie man aus diesem Jammertal wieder herauskommt.

Mittelalterliche Flagellantenzüge

Ich habe etwa bis vor kurzem absolut nichts über den hannoveranischen Echo-Verlag gewusst. Aber ich weiß jetzt, dass er in den nächsten Monaten mehr als die Hälfte seiner Mitarbeiter abbauen muss. Ich weiß dieses aus den österreichischen Zeitungen, die mit einer Hingabe, die ich mir nur als Angstlust erklären kann, über solche Menetekel berichten.

Manchmal hat es den Anschein, als hätte hier eine Branche den Glauben an sich selbst verloren, als würden die mittelalterlichen Flagellantenzüge wieder auferstehen – und die Hoffnung, dass durch Selbstgeißelung ein transzendentes höheres Wesen sich schließlich doch dazu herablässt, den Lauf der Welt zu verändern.

Eskapismus-Magazine

Ich sage nicht, dass all die jetzt diskutierten Entwicklungen nicht stattfinden oder falsch interpretiert werden. Ich weiß auch, dass unsere Branche massiv unter Druck steht. Mir ist bewußt, dass in den USA in den letzten zehn Jahren in der Zeitungsbranche ein Drittel aller Jobs verloren gegangen sind. Ich weiß, dass in Deutschland das einzige große Printprodukt, das im vergangenen Jahr zugelegt hat, ein Eskapismus-Magazin namens "Landlust" ist.

Ich weiß auch, dass unter den zehn größten deutschen Zeitungen und Zeitschriften mittlerweile sieben TV-Magazine sind – was mich als Fernseh-Chefredakteur schon hoffen lässt. Ich weiß, dass in der Schweiz die "Neue Zürcher Zeitung" alleine im letzten Jahr fast fünfzehn Prozent ihrer Verkaufsauflage eingebüßt hat. Und ich weiß auch, dass bei uns in Österreich heuer bereits zwei Tageszeitungen eingestellt werden mussten.

Ich weiß aber auch, dass die Welt in dieser Zeit nicht weniger komplex geworden ist, nicht weniger globalisiert und nicht weniger erklärungsbedürftig.

Und genau das ist unser Job: Die Welt erklären. Die Frage ist: Braucht diese Welt, braucht unsere Gesellschaft den Journalismus. Und die Antwort darauf lautet ganz einfach: Ja.

Die Welt von Notwendigkeiten her erklären

Man kann die Welt von ihren Problemen her erklären, und dann wird man immer genügend Belege für ihren bevorstehenden Untergang finden. Man kann sie aber auch von ihren Notwendigkeiten her erklären, von dem her, was zum Überleben von Gesellschaften nötig ist. Und darauf vertrauen, dass es Welt und Menschheit auch diesmal wieder schaffen. Und ich verrate Ihnen was: Die Wahrscheinlichkeit für Weltuntergänge ist die deutlich geringere.

Bisher hat sich immer das zum Überleben Notwendige durchgesetzt. Ich möchte Ihnen jetzt ein paar Punkten diese Notwendigkeit unseres Berufes darlegen.

Unmengen an Information einordnen

Das englische Wort News kommt von der "Neuigkeit", klar. Unser deutscher Begriff, die Nachricht, dagegen beinhaltet den klaren Hinweis auf den Nutzen dieser Neuigkeiten: Es handelt sich um jene unter den vielen, vielen Neuigkeiten, nach denen man sich richten kann. Danach richten, mit seinem Wissen, seinen Ansichten, seinem Leben.

Nachrichten verlangen, im Gegensatz zu bloßen Neuigkeiten, nach einem Schema der Relevanz, das die Unmengen an neuen Informationen einordnet und bewertet. Und genau dieses Ordnen ist unsere Aufgabe. Es ist eine ungemein fordernde und verantwortungsvolle Tätigkeit, weil wir dadurch ja schließlich das Weltbild der Menschen prägen. All ihr Wissen, das über die unmittelbar erlebte persönliche Erfahrung hinausgeht.

Für alles, an dem ich nicht selbst Anteil hatte, brauche ich Medien als Vermittler. Ein jetzt dafür recht modisch gewordener Begriff ist der des "Kuratierens". Und dafür braucht man eine Menge Wissen, eine fundierte Ethik und einen distanzierten Blick.

Unabhängigkeit

Distanz ist wichtig. Sie unterscheidet den professionellen Journalisten, die professionelle Journalistin vom Amateur, vom – übersetzt - Liebhaber. Und diese Distanz ist auch das Ergebnis einer Entwicklung in unserem Beruf. Vor ein paar Jahrzehnten noch waren Meinungs- und Parteijournalismus so sehr die Regel, dass Zeitungen den Begriff "unabhängig" in ihren Namen, ihr Logo integrierten, um eine eben nicht selbstverständliche Unterscheidung zu bieten. Unabhängigkeit gilt aber natürlich nicht nur politischen Parteien, sondern auch Interessensverbänden, ökonomischen Konglomeraten, pressure groups.

Journalisten in etablierten Medien haben sich institutionalisierte Verankerungen dieser Unabhängigkeit erkämpft. Redakteursstatute etwa, oder Presseräte, Ethik-Komitees. Vieles davon ist nur Selbstverpflichtung, aber auch das ist eine wichtige Richtschnur. Die ständige Auseinandersetzung mit dem was geht und dem, was nicht geht, zeichnet professionelle Medien aus.

Ein wenig Moralist sein

Ernstzunehmende Medien müssen daher ein wenig Moralisten sein, auch wenn das fad klingt. Und sie müssen die Menschen, die für sie arbeiten, auch dafür bezahlen, auch wenn das teuer klingt. Sonst sind sie keine professionellen Medien.

Meinungen bekomme ich zuhauf, und Meinungen sind immer gratis. Ich kann ins Wirtshaus am Eck gehen , mich zur Schank stellen und werde binnen einer Stunde eine Menge an Meinungen hören. Ich kann auf Twitter gehen, oder auf faebook, und hunderte, tausende Menschen offerieren mir ihre Meinung übers Wetter, über das, was sie heute gegessen haben, auch übers Fernsehprogramm oder die Politik. Übers neueste Katzenbild, jeder kann es liken. Man kann auch einen Shitstorm starten, ebenfalls Meinung frei Haus, diesfalls eben wütende oder zornige.

Geschäftsmodell des Populismus

Die Menschen lieben Meinungen, vor allem wenn es die eigenen sind. Das Geschäftsmodell des Populismus besteht in der Bestätigung von Vorurteilen. Und man erreicht eine Menge zufriedener Kunden, wenn man ihnen bestätigt, dass sie eigentlich ohnehin mit allem recht haben.

Soziale Medien leben von dieser Schaffung selbstreferenzieller Systeme von Gleichgesinnten. Die Bunten, aber Harmlosen regieren diese Medienwelt: Taddl Tjarks, Dagibee, Y-titty und Gronkh sind die großen Namen einer neuen Generation. Youtube-Millionäre in der neuen Währung Aufmerksamkeit. Medienstars - aber keine Journalisten. Sondern Meinungsinhaber über Musik und Kosmetik, Videospiele und Frisuren, und über Lustiges. Vor allem über Lustiges.

Ob es sich um professionellen Journalismus handeln kann

Jenseits der klassischen sozialen Medien gibt es auch etwas journalistischer anmutende Projekte: Seiten wie Buzzfeed oder die Huffington Post setzen ebenfalls auf Tratsch und Meinung, eine oft in Punkte geordnete aber dennoch überwiegend krude Mischung, Hauptsache möglichst billig in der Produktion. Die Blogger machen ihr Werk weitgehend für Gottes Lohn. Hin und wieder gibt es auch einen Hunderter, für ein sogenanntes "Video-Hosting etwa.

Für so ein sechs, sieben Minuten-Stück muss allerdings recherchiert, gereist, gedreht, geschnitten werden, der Arbeitsaufwand kann in die hundert Stunden gehen. Rechnen sie sich den Stundenlohn selber aus – und fragen Sie sich dann, ob es sich dabei um professionellen Journalismus handeln kann.

Dann zahlt wer anderer

Wenn das Medium den Aufwand nicht zahlt, dann zahlt es jemand anderer: Ist es der, über den berichtet wird, dann ist es PR. Ist das Motiv die Hingegebenheit an eine Sache, dann ist es Propaganda. Die "subjektiven" Vice-Videos aus dem Islamischen Staat sind: Propaganda. Auch wenn darauf hingewiesen wird, dass es "embeded Journalism" ist, wenn in Textierung und Präsentation vorsichtige Distanz herrscht, die Macht des Bildes macht es zu Propaganda. Die auf Twitter oder Facebook verbreiteten Droh-Videos islamischer Terroristen sind Propaganda.

Verantwortungsvolle Journalisten denken lange darüber nach, bevor sie etwas veröffentlichen und senden. Wer sich dieser moralischen Aufgabe entzieht und sagt, ich zeige ja nur her und kommentiere nicht, der ist kein Journalist, der ist ein Propagandist.

Journalismus ist das nicht

Ergänzt wird dies dann noch um Sponsorships, durch gesponserte Beiträge im redaktionellen, freundlichen Umfeld. Wenig Aufwand für den Content, viel Ertrag aus den dadurch generierten Clicks. Als Geschäftsmodell funktioniert so etwas einwandfrei. Nur Journalismus ist das nicht.

Journalismus ist im Übrigen auch ein Beruf, und kein Hobby. Das ist etwas, von dem man leben können soll und muss, und nicht eine Liebhaberei wie Briefmarkensammeln oder Gitarre spielen. Nicht jeder, der etwas für andere schreibt, ist deswegen schon ein Journalist. Ich habe einen Garten mit Apfelbäumen, Birnenbäumen, einem Marillenbaum und verschiedenen Weinstöcken und ich bin deswegen auch kein Landwirt und kein Winzer. Müsste meine Familie von meiner Ernte leben, so wäre das traurig. Und müsste unsere Gesellschaft nur mit Hobbyschreibern auskommen, auch.

Nachdem ich jetzt lange darüber gesprochen habe, was alles nicht Journalismus ist, obwohl es durchaus "irgendetwas mit Medien" ist, um einen der derzeit häufig ausgesprochenen vagen Berufswünsche zu zitieren, möchte ich jetzt einmal darüber sprechen, was Journalismus schon ist:

Es ist die professionelle – also ausreichend bezahlte – Vermittlung von Informationen, die zur Teilhabe an einer demokratischen Gesellschaft befähigen. Politische Partizipation setzt mündige Bürger voraus, die Nachricht ermöglicht ihnen in größeren, komplexeren Gesellschaften eine solche auch auszuüben.

Und ich drehe diesen Satz noch einmal um: Eine große, komplexe, demokratisch verfasste soziale Einheit kann ohne professionellen Journalismus nicht bestehen. Die von fachlich gut ausgebildeten und moralisch und ethisch gefestigten Menschen kuratierte Information ist ein ebensolches Grundbedürfnis einer Gesellschaft wie sauberes Wasser, Gesundheitsvorsorge, Sicherheit oder Bildung.

Untergang oft schon prophezeit

Wie finanziert man nun gesellschaftliche Notwendigkeiten? Eben gesellschaftlich.

Über eine ordentliche Medienförderung. Über öffentlich-rechtliche Modelle. Über Stiftungen, wie etwa beim "Guardian". Über Crowdfunding, über Abo-Modelle, über Inserate, meinetwegen über Mäzenatentum. Wüsste ich das Geschäftsmodell der Zukunft jetzt schon, dann wäre ich ein gemachter Mann. Aber ich habe ein großes Vertrauen in die Selbstheilungsfähigkeit sozialer Systeme. Der Untergang der Menscheit war schon oft vorhergesagt, und er ist noch nie eingetreten.

Wenn man aber von der Notwendigkeit unseres Berufs überzeugt ist, dann kann man auch von seinem Bestand überzeugt sein. Oder anders ausgedrückt: Ich bin mir nicht sicher, welche der heimischen Tageszeitungen es in fünf Jahren noch geben wird. Aber ich bin mir sicher, dass es die dort beschäftigten Journalisten noch geben wird, und zwar als Journalisten und nicht als Arbeitslose. Weil sie etwas können, und weil man das, was sie können, braucht.

Fader "bester Job der Welt"

Australien vergibt seit ein paar Jahren alljährlich den "besten Job der Welt". Es handelt sich dabei um eine Stelle als Parkwächter auf Hamilton Island in Queensland, jeweils für ein halbes Jahr. Und ehrlich gesagt, ich stelle mir das dann doch etwas langweilig vor: Schnorcheln, Schwimmen, Sonnen, Party feiern, alles schön und gut. Aber monatelang?

Ich finde ja, der beste Job der Welt, das ist eigentlich unserer: Jeden Tag etwas Neues erfahren, immer mit anderem konfrontiert werden. Menschen kennen lernen, ihre Geschichten erfahren, und dann die eigene Erzählung daraus machen. In der Früh oft nicht wissen, wann und wo der Abend endet. Dabei sein, wenn Großes geschieht, manchmal sogar, wenn Geschichte geschrieben wird. Neugierig sein und beobachten dürfen und wenn es passt sich auch selber zu engagieren, durch Aufklärung, und nicht durch Parteinahme – das ist der beste Job der Welt.

Ich gratuliere Ihnen dazu."

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