Midterm Elections: Erbitterte Schlacht der alten Garde in Virginia

Reportage21. Oktober 2014, 05:30
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Das Beschwören der Mitte ist Grundmelodie von US-Wahlkämpfen - gerade jetzt, da Demokraten und Republikaner noch weiter auseinanderdriften

Team Warner ist schnell. Es dauert keine fünf Minuten, da flimmert schon eine Richtigstellung über den Bildschirm des Smartphones. Dass Senator Mark Robert Warner in 97 Prozent aller Fälle im Sinne Barack Obamas stimme, sei Schwindel, Irreführung. "Wer sich Warner als Mitglied im Politbüro des Präsidenten vorstellt, der liegt völlig daneben", heißt es.

Es ist der übliche, angriffslustige Ton, wie er US-Wahlkämpfe seit Jahren prägt. Und es ist der digitale Konter gegen Ed Gillespie, den republikanischen Herausforderer. Der hat, während einer TV-Debatte mit seinem Gegner, gerade einen seiner Standardsätze heruntergespult, nämlich, dass Demokrat Warner zu 97 Prozent Partei für Obama ergreife. Worauf es der Moderator mit leiser Ironie zuspitzte: "Seid ihr Burschen eigentlich Geiseln eurer Chefs?" Gillespie und Warner verneinen es so vehement, als wäre gefragt worden, ob man Steuern hinterziehe. "Mein Rivale sieht einfach alles durch die Parteibrille", sagt Warner. "Ich dagegen bin radikaler Zentrist, ein Problemlöser."

Das Beschwören der Mitte ist die Grundmelodie amerikanischer Debatten. Doch die beiden Kandidaten im Senatsduell des Bundesstaats Virginia singen sie in diesem Herbst noch lauter als sonst. Beide wissen, wie wenig die Bürger vom Grand Canyon namens Washington halten, von den Parteienschluchten des Kongresses, die Kompromisse auf den Reformbaustellen verhindern. Allerdings sind beide keine Reformer, sondern alte Hasen der Politik.

Alte Phrasen

Gillespie versucht, Warner als treuen Fußsoldaten des unbeliebten Obama zu porträtieren. Warner erinnert daran, dass Gillespie zu den Beratern des ebenso unbeliebten George W. Bush zählte. Als Lobbyist legte sich Gillespie einst für die skandalumwitterte Energiefirma Enron ins Zeug. Warner gründete ein Mobilfunkunternehmen und scheffelte ein Millionenvermögen, als er es verkaufte.

Vieles in der Debatte gehört zum Standardrepertoire. Über ihre Programme schweigen sich Warner und Gillespie weitgehend aus. "Wie langweilig", stöhnt Mark L. Keam nach der Debatte. Keam ist demokratischer Abgeordneter in Virginia. Er findet, dass die alte Garde Platz machen sollte für jüngere, originellere Köpfe.

Campbell Springs, eine Farm im Chesterfield County, einem Landkreis bei Richmond, der Hauptstadt Virginias. Republikanisches Herzland. Auf einer Wiese weiden Pferde, bauchige Pick-ups parken im Schlamm vor einem Zelt. Eine Kapelle spielt Dixieland, es gibt Freibier und Spanferkel. Mark Leonard, der Sheriff, hat zum "Pig Roast" geladen, einer Art Kirtag mit Politwerbung: Keine Rede darf aber länger sein als zwei, drei Minuten. Leonard trägt ausgebeulte Jeans, den polierten Amtsstern hat er zu Hause gelassen.

Lokales geht vor

Doch so lässig sich der Mann gibt, das Fest im Bierzelt dient allein einem Zweck: seiner Wiederwahl. Auch ein Sheriff muss sich einem Votum stellen. Und dieses lokale Rennen stößt auf deutlich mehr Interesse als die Frage, wer Virginia im Senat vertreten soll.

Leonard war lang beim Militär, heute unterstehen ihm 300 Polizisten, zwei Gefängnisse und 15 Gerichtssäle. Empfohlen wurde er von seinem Vorgänger - die Welt ist klein im Chesterfield County.

Fragt man Leonard nach seinen Prioritäten, nennt er als Erstes Widerstand gegen strengere Waffenkontrollen. Dass Europäer das anders sehen, wisse er. Aber in Virginia sei die Lage nun einmal anders. "Die bösen Buben kommen immer an Waffen, also kannst du keine Gesetze erlassen, die den Guten die Knarren wegnehmen." Dass die zehn biblischen Gebote nicht mehr im Gerichtssaal hängen, würde er ändern, wenn er nur könnte. So konservativ Leonard klingt, er weiß, dass es die Leute nicht mögen, wenn man sich zu eindeutig mit einer Partei identifiziert. "Ich bin ein Sheriff, der zufällig Republikaner ist", betont er. (Frank Herrmann aus McLean, DER STANDARD, 21.10.2014)

  • Viele Phrasen im TV-Duell in Virginia, teils einstudierter Jubel der Anhänger: Die Wahlkampfteams für die Midterm Elections haben es noch nicht geschafft, alle Wähler gleichermaßen mitzureißen.
    foto: frank herrmann

    Viele Phrasen im TV-Duell in Virginia, teils einstudierter Jubel der Anhänger: Die Wahlkampfteams für die Midterm Elections haben es noch nicht geschafft, alle Wähler gleichermaßen mitzureißen.

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