G'scheite und dumme Häuser

2. November 2014, 18:08
127 Postings

Die einen preisen Smart Houses als unverzichtbaren Baustein für die Zukunft, andere propagieren die Rückkehr zur Einfachheit. Wir stellen die beiden extremen Tendenzen gegenüber.

Stuttgart/Lustenau/Wien - Seit Sommer steht in der der Weißenhof-Siedlung in Stuttgart, inmitten der historischen Bauhaus-Bauten von Walter Gropius, Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe, der schlichte, aber futuristische Bungalow B10. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine aufklappbare Edelgarage, entpuppt sich auf Knopfdruck als Hightech-Hütte, die zu einer Emanzipierung und Intelligenzsteigerung im Bauwesen beizutragen scheint.

Denn B10 des Stuttgarter Architekten Werner Sobek ist ein Kleinstkraftwerk für die umgebende Nachbarschaft. Das Aktivhaus verfügt über einen Eisspeicher im Boden, ein automatisiertes, vernetztes Gebäudemanagement sowie über eine kombinierte Anlage aus Photovoltaik und Solarthermie und produziert rund doppelt so viel Energie, wie es selbst benötigt. Der Überschuss wird ins Mikronetz gespeist und versorgt die bauphysikalischen Sorgenkinder der Weißenhof-Siedlung aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren.

"Living Lab"

"Am günstigsten", meint Sobek, "ist es immer noch, erneuerbare Energien dort zu produzieren, wo sie auch gebraucht werden." Mit zunehmendem Erfolg. Im ersten Jahr soll B10 von jungen Kreativen als kleine Arbeitswelt getestet werden. Nach einer anschließenden Evaluierung, so der Plan, soll das weiße Ding mit seinen klappbaren Wänden und Rampen als "Living Lab" für temporäres Wohnen vermietet werden.

Sobek weiß, wovon er spricht. Schon seit 2001 wohnt er selbst in einem, wie er meint, smarten Wohnhaus am Stadtrand von Stuttgart. Das von ihm geplante R128 ist eine Wohnmaschine mit einem Energieoptimierungssystem, das auf den hübschen Namen alpha EOS hört. Über einen Touchscreen kann die gewünschte Temperatur eingegeben werden, die EDV erledigt den Rest.

Geräte via Smartphone starten

Sämtliche Geräte wie Geschirrspüler oder Waschmaschine können via Smart Phone gestartet werden. Das System ist mit der meteorologischen Station verbunden und kann aufgrund von Wetterlage, Netzauslastung und Tageszeit automatisch kalkulieren, wann die Stromkosten am niedrigsten sind und das Stromnetz am geringsten belastet wird.

Seit kurzem tourt Sobek mit einem Elektro-Smart durch die Gegend. Über die Photovoltaikanlage wird das Auto direkt aufgeladen. Zugleich dienen die Batterien als Speicher für überschüssige Energie. "Es geht um Energieoptimierung, um eine Verbesserung unseres persönlichen Ökosystems, in dem wir uns bewegen", sagt Sobek. "Insofern halte ich diese Form der Vernetzung, der sogenannten Smart Grids für einen sinnvollen und wertvollen Beitrag für die Zukunft."

Das Future Evolution House

Auch der in Wien lebende Soziologe und Kristallkugelforscher Matthias Horx ist ein Freund von Technik und Vernetzung. Das beweist sein Future Evolution House im Wienerwald. "Wir haben Sonnenkollektoren auf dem Dach, mit denen wir das Warmwasser aufbereiten, und eine große Photovoltaikanlage an der Fassade, die uns mit Strom versorgt", sagt Horx. Elektroautos dienen auch hier als Energiespeicher.

Sogar der österreichische Bauträger ARE Development, eine Tochter der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), bietet bereits Smart Grids an - wenngleich dahinter mehr Marketing als ehrlich grünes Denken steckt. Auf der Immobilienfachmesse Expo Real in München wurde Anfang Oktober das Wohnprojekt Beatrixgarten vorgestellt. Den künftigen Bewohnern der Anlage wird ein BMW i3 zur Verfügung gestellt. "Die Kombination aus nachhaltiger Immobilienentwicklung und umweltfreundlicher Mobilität schafft einen besonderen Mehrwert", sagt ARE-Geschäftsführer Hans-Peter Weiss.

Das Haus "2226" - ganz ohne Firlefanz

Jedoch: Nicht alle fordern ihren Bauten selbstständiges, intelligentes Denken ab. Der Vorarlberger Architekt Dietmar Eberle beispielsweise hält ein leidenschaftliches Plädoyer an die Dummheit der gebauten Materie. Sein Bürohaus "2226" im Gewerbepark Lustenau, das letztes Jahr fertiggestellt wurde und bereits eine ganze Sommer- und Wintersaison hinter sich hat, kommt ganz ohne technischen Firlefanz, ohne Smart Grids, ohne jeden Anspruch auf irgendeine immanente Form von Intelligenz aus.

Geheizt wird ausschließlich mit menschlicher Abwärme sowie mit der abgestrahlten Hitze von Beleuchtungskörpern und Computern. Gekühlt wird mittels kontrollierten Fensteröffnens beziehungsweise mittels Querlüftung in der Nacht. Sensoren in den Innenräumen, die permanent Temperatur, Luftfeuchtigkeit und CO2-Gehalt messen, steuern anhand einer eigens entwickelten Software, wie und wann das Haus auf seine Nutzer reagieren soll. "Menschen, Licht, Computer, Fenster, dicke Ziegelwände als speicherfähige Masse und ein bissl Programmierung", fasst der Architekt zusammen. "Das reicht."

Stupid Buildings

"Ich habe in meinem Leben schon so viele Passivhäuser gebaut, und meine Erkenntnis nach mehr als 30 Jahren in diesem Beruf ist: Das ist alles sinnlos, denn einerseits verbraucht man zwar weniger Energie, andererseits aber buttert man so viel Geld in die anfällige und regelmäßig zu wartende Haustechnik-Hardware, dass man unterm Strich keinen einzigen Cent eingespart hat", so Eberle. "Ich will keine Smart Houses und keine Smart Cities. Ich will einfach nur Stupid Buildings, die funktionieren."

Die nächsten Jahre - das lässt die Entwicklung vermuten - werden die Anhänger des smarten und des stupiden Bauens lauter werden und stärker auseinanderdriften. Hightech oder Simplicity? Evaluierungen müssen her. Bauforschung ist gefragt. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 23.10.2014)

  • Der Bungalow als Hightech-Hütte. Im ersten Jahr soll B10 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung als Atelier getestet werden. Nach einer anschließenden Evaluierung soll  das Haus mit seinen klappbaren Wänden als "Living Lab" für temporäres Wohnen vermietet werden.
    foto: zooey braun

    Der Bungalow als Hightech-Hütte. Im ersten Jahr soll B10 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung als Atelier getestet werden. Nach einer anschließenden Evaluierung soll das Haus mit seinen klappbaren Wänden als "Living Lab" für temporäres Wohnen vermietet werden.

  • Wohnen mit Smartness und einem BMW i3 in der Garage wie etwa im Beatrixgarten in Wien (in Planung).
    foto: comm.ag

    Wohnen mit Smartness und einem BMW i3 in der Garage wie etwa im Beatrixgarten in Wien (in Planung).

  • Bürohaus 2226 im Gewerbegebiet Lustenau (2013). Hier ist es den Architekten Baumschlager Eberle gelungen, ein ganz und gar "stupid building" (O-Ton Dietmar Eberle) ohne Heizung, ohne Kühlung und ohne Lüftung zu realisieren.
    foto: archphoto/eh+il

    Bürohaus 2226 im Gewerbegebiet Lustenau (2013). Hier ist es den Architekten Baumschlager Eberle gelungen, ein ganz und gar "stupid building" (O-Ton Dietmar Eberle) ohne Heizung, ohne Kühlung und ohne Lüftung zu realisieren.

Share if you care.