Radikale Jugendliche: Nur nicht die Finger verbrennen

Kommentar20. Oktober 2014, 12:50
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Die Einrichtung der Hotline für Angehörige dauert zu lange

Das Innenministerium ist froh. Über die "Deradikalisierungs-Hotline" können die Beamten und Ministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) jetzt sagen: "Zuständig ist das Familienministerium." Die heiße Kartoffel wurde von einem ÖVP-Ministerium in das andere verschoben. Das Risiko, sich die Finger zu verbrennen, ist hoch.

Denn was genau diese Hotline leisten soll, ist noch immer unklar. Immerhin wurde jetzt entschieden, dass nicht Polizisten am anderen Ende der Leitung sitzen sollen, sondern dass das Familienministerium unter Sophie Karmasin für die Auswahl der Experten zuständig ist. Eltern müssen also keine Angst haben, dass sie mit einem Anruf ihre Kinder beim Innenministerium anzeigen.

Trotzdem weiß acht Monate nach der Ankündigung von Mikl-Leitner immer noch niemand, wer die Angehörigen radikalisierter Jugendlicher beraten soll. Die Aufgabe ist schwierig, denn es geht bei der Hotline nicht nur um Islamismus, sondern auch um rechts- oder linksextreme Jugendliche. Die Experten, die an den Telefonen sitzen, müssen sich also in all diesen Bereichen immerhin so weit auskennen, dass sie die Anrufer an die richtige Stelle verweisen können.

Und hier tut sich schon das nächste Problem auf: Die Stellen, an die Eltern verwiesen werden sollen, müssen erst gefunden werden. So gibt es derzeit zum Beispiel keine Organisation, die rechtsextreme Jugendliche berät. Man möchte glauben, dass in den vergangenen Monaten Zeit genug für die Suche war, aber stattdessen wird der Start der Hotline immer weiter nach hinten verschoben. War zuerst von der zweiten Jahreshälfte 2014 die Rede, vertröstete man im Innenministerium zur Jahresmitte auf den Herbst. Familienministerin Karmasin hofft nun auf einen Start im Dezember, es könnte aber auch Jänner werden.

Innenministerin Mikl-Leitner und andere ÖVP-Minister haben noch in der vergangenen Woche betont, wie wichtig ihnen der Kampf gegen radikalisierte Jugendliche ist, die in den Jihad ziehen. Gerade der Hotline sollte deshalb mehr Priorität eingeräumt werden. Dass die Einrichtung einer solchen Stelle nicht schneller geht, ist unverständlich. (Lisa Kogelnik, derStandard.at, 20.102.104)

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