Mütter, entspannt euch!

Userkommentar22. Oktober 2014, 10:25
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Eine Ärztin und Mutter über das "Wettrüsten der Supermütter"

Meine Freundin fuhr vorige Woche mit ihrem kleinen Sohn in der U-Bahn. Dabei wurde sie wieder einmal mit einem unangenehmen Phänomen konfrontiert: Ihr Sohn, der seinen ersten Schnupfen hatte, quengelte. Da seine Nase verlegt war, bekam sie sofort von einer Wildfremden den Ratschlag, ihn doch "sofort aus dem Kinderwagen hochzunehmen, da er gleich stirbt". Auf die verwunderte Antwort meiner Freundin, dass sie soeben von der Kinderärztin komme, er keineswegs todkrank sei und sie zudem gleich aussteige, reagierte die Dame ungehalten.

Mütter werden häufig kritisiert

Dieses Phänomen kennen viele Mütter: Man ist quasi öffentliches Gut, jeder Kritik ausgesetzt; und egal, was man tut, es gibt immer jemanden, der es genau umgekehrt macht. Mit Vätern ist man nachsichtiger; da ist es schon Heldenleistung, wenn sie das Abenteuer Spielplatz überhaupt wagen.

Selten sind es Experten, die Ratschläge geben, sondern fast immer andere Mütter. Von Solidarität zwischen Frauen spürt man da sehr wenig; stattdessen werden mit Feuereifer eigene Vorstellungen verteidigt.

Mir persönlich geht dieses "Wettrüsten der Supermütter" schwer auf die Nerven. Ich möchte mich – das gilt übrigens auch für Väter – nicht rechtfertigen, ob ich nebenbei arbeite, jeden Tag Karotten püriere oder nur jeden zweiten und ob ich mein Kind lieber Impfungen aussetze oder Krankheiten. Stattdessen meide ich allzu "Bekehrungswütige" – zumal deren Ratschläge selten individuell zugeschnitten sind, sondern meist der Verbreitung von Lebensanschauungen dienen.

Ideologische "Kampfmütter"

Als Ärztin versuche ich die Vorgeschichte von Patienten zu berücksichtigen. Leider tun dies "Kampfmütter" meistens nicht. Da werden Ideologien verteidigt und andere Meinungen gar nicht zugelassen. Dies fängt in der Schwangerschaft an, betrifft besonders die Geburt und hört auch danach nicht auf. Dabei gibt es viel mehr Unterschiede zwischen Menschen, als viele wahrhaben wollen.

Eine Frau, deren ältestes Geschwister bei einer komplizierten Geburt gestorben ist, wird neben der Hausgeburt vielleicht sogar auf "Drehversuche" bei ungünstiger Kindslage verzichten und froh über einen Kaiserschnitt und ein gesundes Kind sein – und sich keineswegs als Versagerin fühlen, wie von "Kaiserschnittgegnern" gerne kolportiert wird.

Bei Geburtsdiskussionen wundert mich, mit welchem Eifer Mütter ihre Leidens-, Dehnbarkeits- und Belastungsfähigkeit verteidigen. Ich frage mich, ob Konkurrenzdenken dahintersteckt, sich als "besseres", weil geburtsfähigeres Weibchen zu präsentieren – oder ob manche ihren Kolleginnen keine einfachere Geburt gönnen als die, welche sie selber hatten.

Nach der Geburt geht es dann weiter: Eine Mutter, die vor kurzem an der Wirbelsäule operiert wurde, möchte ihr Kind vielleicht lieber im Kinderwagen transportieren, als sich rund um die Uhr ein Tragetuch ins Genick zu hängen, auch wenn es derzeit noch so propagiert wird. Von einer Alleinerzieherin kann man schwer verlangen, dass sie täglich Stoffwindeln auskocht.

Ständige Betreuung als Tabuthema

Später ist es dann die Wahl des richtigen Kindergartens oder der Schule. Laut einer neuen Pisa-Studie können Mütter nun nicht einmal mehr lesen – berücksichtigt eigentlich jemand all die unbehandelten Erschöpfungsdepressionen? Alleinige "Rund-um-die Uhr-Versorgung" eines Säuglings ist nicht nur beglückend, sondern kann mitunter gleich anstrengend wie die Betreuung eines Pflegefalls sein. Auch dies ist ein Tabuthema – gaukeln doch die Medien das Bild allzeit glücklicher Vollzeitmütter vor.

Ich staune, wie viel Unverständnis jungen Müttern aus eigenen Reihen entgegenschlägt. Dabei ist doch die Tatsache, dass uns alle Möglichkeiten zur Verfügung stehen, eigentlich eine Gnade. Bedenkt man, unter welchen Umständen Frauen in Krisenregionen ihre Kinder bekommen und aufziehen müssen, erscheint einem mancher Perfektionswahn geradezu lächerlich.

Kann man einer Frau, die arbeiten muss, um ihrem Kind ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen, wirklich vorwerfen, Gläschenbrei zu füttern und in ihrer kargen Freizeit mit ihrem Kind zu spielen, anstatt Rindfleisch zu pürieren?

Muss man ein Baby, das in seinem Stubenwagen bestens durchschläft, ins Elternbett zwingen, nur weil das derzeit "en vogue" ist?

Stillen polarisiert immer noch

Auch das Thema Stillen erinnert mich immer wieder an Potenzdiskussionen mancher Männer ("Wer kann's besser/länger etc."). Natürlich ist Stillen gesund, doch Frauen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht stillen können, sollten bitte diskussionslos Alternativen gezeigt werden – Vorwürfe sind entbehrlich, schließlich machen sich Mütter diese ohnehin immer selbst. Es gibt genug kerngesunde ungestillte Kinder, und neueste Studien haben gezeigt, dass die Neigung zu Krankheiten viel eher genetisch bedingt ist.

Manches finde ich auch wissenschaftlich interessant. So erstaunt mich windelfreie Erziehung, da unser Rückenmark erst ab einem gewissen Alter in der Lage ist, Stuhldrang zu spüren. Dennoch bin ich für neue Erkenntnisse offen; dass mein Baby jedoch traumatisiert ist, wenn ich Pampers verwende, glaube ich nicht.

Bedenkt man, wie viele Kinder wirklich vernachlässigt werden, frage ich mich, ob die Energie nicht besser darauf verwendet wäre, Mütter in ihrer Gesundheit, Kompetenz und somit auch Belastbarkeit zu stärken, als ständig unnötig Schuldgefühle zu erzeugen.

Eine Mutter darf auch mal Ziele für sich haben

Ich möchte meinem Kind vorleben, dass man sich Träume erfüllen kann. Doch darf man als Mutter derzeit auch andere Ziele haben, als ein perfektes Hausmütterchen zu sein? Denn: Ein Kind wird Probleme haben, wenn man ihm zu wenig Liebe und Fürsorge angedeihen lässt und gegen medizinischen Rat handelt. Aber nicht, wenn man auf "high carb vegan food" verzichtet oder die PeKip-Gruppe auslässt, weil man lieber mit ihm spazieren geht.

Daher, liebe Mütter, tut euch und euren Kolleginnen einen großen Gefallen: Liebt eure Kinder – und entspannt euch bitte! (Bernadette Grohmann-Németh, derStandard.at, 22.10.2014)

Bernadette Grohmann-Németh ist Ärztin, Journalistin, Autorin und Mutter.

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