Das Inferno unter der Haut

19. Oktober 2014, 20:27
posten

Jefta van Dinther mit "As It Empties Out"

Wien - Der Verdacht liegt nahe, dass sich das Alien in Jefta van Dinthers neuem Tanzstück seine Menschenähnlichkeit nur übergestreift hat wie einen Ganzkörperanzug. Damit erinnert es in mancherlei Hinsicht an die von Scarlett Johansson gespielte Protagonistin in Jonathan Glazers jüngstem Film Under the Skin.

Wie der britische Regisseur rührt auch der schwedische Choreograf an das Unbekannte im Allernächsten. Das gleichermaßen beunruhigende Ergebnis As It Empties Out war soeben im Tanzquartier Wien zu erleben. Am Freitag und Samstag zieht das Stück weiter ans Berliner Hau.

Auftritt also für das Fremde in jeder und jedem von uns. Van Dinthers reichlich affektiert wirkendes Alien sagt: "I'll be your soul." Es ist wie ein System: "I'm in it all." Auf seinen Plateausohlen stakst es über die Bühne und leiert ein Mantra der Besessenheit herunter. So lange, bis es seiner Bekenntnisse überdrüssig wird und sich mit einer Gruppe von Gestalten verbindet, die hinter einem Vorhang verborgen waren.

Diese Gruppe kriecht hervor und macht sich an einer langen PVC-Abflussröhre zu schaffen. Einer der Tänzer stemmt das Rohr hoch, wie Atlas in der griechischen Mythologie die Welt auf seinen Schultern trug. Doch van Dinthers Weltsymbol ist hohl, biegsam und undurchsichtig. Ein profanes Mysterium.

Die Gruppe zieht sich zurück, der Vorhang wird gelüftet. Langsam werden Körper in Schieflage sichtbar. Diese Figuren ziehen an Seilen, die mit etwas weit oben in der Luft Schwebendem verbunden sind. Dieses Etwas bleibt verborgen und rührt sich nicht. Erschöpft von der Vergeblichkeit ihrer Bemühung sinken die Ziehenden zu Boden. Finsternis umfängt sie, und sie landen in einem Inferno. Dort sind die Verdammten, rot angestrahlt, Gefangene in einer Wiederholungsschleife aus ein- und derselben Bewegung: eines anhaltenden Hin und Her in halber Drehung, das im Publikum Schwindelgefühle auslöst.

So führt Van Dinther wie ein zeitgenössischer Dante ins "Dark Net" der Gegenwartskultur. Dieses Netz ist nichts als ein leerer Affektrausch in Umkehrung der Aufklärung. Darin werden die bedrohlichen Tales of the Bodiless der ungarischen Choreografin Eszter Salamon, an die As It Empties Out in bestimmten Momenten erinnert, zu Ende erzählt. Kompromissfrei und gnadenlos gut. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 20.10.2014)

Share if you care.