Auf Tuchfühlung mit der Vorstadt

19. Oktober 2014, 20:09
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Werk X hat den Betrieb im Kabelwerk aufgenommen, am Donnerstag folgt die Premiere von "Eldorado"

Wien - Thorvaldsengasse, Hedy-Lamarr-Weg oder An den Eisteichen: Diesen de facto unbekannten Wiener Straßennamen eignet eine gewisse Theatralität. Jetzt kommt noch mehr Theater angerollt. Mit acht Uraufführungen hat das Werk X, die zweite und nunmehr Hauptbühne der ehemaligen Garage X am Petersplatz, am Wochenende den Betrieb im Meidlinger Kabelwerk aufgenommen.

Der dezentrale Theaterstandort, für den die Marketingabteilung provokant die Bezeichnung "Theater am Arsch der Welt" kreiert hat, ist für Wiener Verhältnisse nach wie vor speziell. Prozesse imperialer Gentrifizierung beispielsweise rekapitulierte Robert Misik in seinem Stück Nach Meidling!. Meidling fühle sich an "wie Prenzlauer Berg", mutmaßt eine Figur. Auch "Brooklyn" stand zur Diskussion. Geschuldet sei dies dem üblichen Verdrängungseffekt: hinaus aus den unleistbaren Innenstädten in die Peripherien.

Die auf diverse Schauplätze des Wohnareals verteilten Kurzstücke befassten sich mit Meidlinger Themen. Das mobile Publikum machte bei einer von Sebastian Brauneis inszenierten Busfahrt mit Meidlinger Mythen und Fakten Bekanntschaft. Etwa mit den Raubzügen des "Robin Hood" Johann Breitwieser, den tristen Hintergründen von Hermann Leopoldis Lied Schön ist so ein Ringlspiel oder mit Johann Strauß im Vergnügungsetablissement Tivoli. Die Fakten zum Bezirk standen auf einem Zettel zu lesen: "Jeder Sechste in Meidling ist arbeitslos".

Mit Josef Stalins Aufenthalt in Meidling anno 1913 befasste sich "Dozent" Kurt Palm in der Gastwirtschaft "Häuserl am Spitz" gleich hinter den Bahngeleisen. Ein Hipster-Porträt des Diktators prangte auf der winzigen Podestbühne, dazu lieferte Palm allerlei Wissenswertes: Wie viel kostete eine Zahnbehandlung? - "28 Zähne um 60 Kronen", oder: Wie viele Lichtspielhäuser waren für den Kinofreund Stalin damals nächst seiner Adresse in der Schönbrunner Schlossstraße 30 erreichbar? Kein Palm ohne Kuriositäten: Ein Stalin-Denkmal könne dort bis auf weiteres nicht abmontiert werden, da sich Österreich in seiner Verfassung dazu verpflichtet habe, für alle sowjetischen Denkmäler fürderhin Sorge zu tragen.

Tex Rubinowitz, Bachmannpreis-Gewinner, widmete sich dem U4, der in den 1980er-Jahren legendären Diskothek neben der U-Bahn-Station. Zwei nicht mehr ganz jugendliche Meidlinger (gespielt von Erika Mottl und Eduard Wildner, Regie: Harald Posch) treffen dort in der Dumpfheit einer späten Nacht aufeinander, um das Gegenteil von dem zu tun, was man gemeinhin "abtanzen" nennt.

Hoch hinauf auf die von einem Swimmingpool bekrönte Dachterrasse am Otto-Bondy-Platz führte Bernhard Studlars No Country for Altmann (sdorf) , ein von Philipp Hauß vor einer imposanten Stadtlichterkulisse als Hörspiel mit Puppen inszenierter Zeitmaschinen-Western, den man gerne nochmal aus nächster Näher sehen und hören möchte.

Robert Woelfl lieferte mit Keine Zeit für Klassenkampf einen der besten Texte des Abends, zu sehen in der Caféteria Rosso. Regisseurin Christine Eder arrangierte dort fünf Vertreter der heimischen Kreativwirtschaft, die über die Errichtung des ehemaligen Arbeiterbezirks Meidling als nostalgischen Erlebnispark für kommunistische Wochenendbeschäftigung in China debattierten. Ein kluges, arg witziges Stück, das sich Kurve um Kurve in immer absurdere Höhen und Wahrheiten schraubte. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 20.10.2014)

Premiere "Eldorado" 23. 10.

  • Abtanzen im legendären U4 bzw. im Stück von Tex Rubinowitz: Erika Mottl und Eduard Wildner in "Discotod in Meidling".
    foto: yasmina haddad

    Abtanzen im legendären U4 bzw. im Stück von Tex Rubinowitz: Erika Mottl und Eduard Wildner in "Discotod in Meidling".

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