"Nur Hirscher ist mir zu wenig"

Interview19. Oktober 2014, 17:52
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ÖSV-Herren-Chefcoach Andreas Puelacher über Strategien im Skifahren, Siegertypen, Auslandsengagements und die nicht immer konfliktfreie Beziehung zu den Athleten

Standard: Sie sind seit einem Vierteljahrhundert Trainer. Seit April Nachfolger von Mathias Berthold als sportlicher Leiter der ÖSV-Herren. Wie formt man Sieger?

Puelacher: Der größte Teil muss vom Athleten kommen. Als Trainer muss man eine gewisse Linie mit etwas Spiel nach links und rechts haben. Ich habe mir immer vorher überlegt, welchen Weg ich einschlage, damit wir erfolgreich sind. Wenn man von einem Weg überzeugt ist, darf man sich nicht davon abbringen lassen. Auch wenn es zu Diskussionen kommt oder ein Athlet nicht einverstanden ist. Zu Matthias Mayer habe ich gesagt, 'du trainierst nicht Abfahrt, sondern Riesenslalom, weil das Geradeausfahren kannst du eh, aber in der Kurve können wir noch relativ viel machen.' Natürlich ist nicht jeder dieser Siegertyp. Sie haben ganz klar einen Weg im Kopf und den gehen sie, manchmal mit Nachjustierungen.

Standard: Wird Ihnen künftig die Nähe zu den Athleten fehlen?

Puelacher: Ganz so nahe wie als Gruppentrainer, werde ich den Athleten natürlich nicht mehr sein, aber so weit weg auch wieder nicht. Ich habe im Sommer viel Vorbereitungsarbeit erledigt, damit ich im Winter mehr Zeit für sie habe. Ich werde mich weiterhin einmischen, wenn ich sehe, dass es etwas zu korrigieren gibt.

Standard: Sie haben dem ÖSV ein Konzept vorgelegt, das auch den Übergang vom Europacup in den Weltcup reibungsfreier gestalten soll. Können Sie ein paar Details verraten?

Puelacher: Das Konzept basiert auf drei Säulen: Abfahrtsgruppe, Riesenslalom- und Kombigruppe sowie Slalomgruppe. Darüber gibt es noch die Topgruppe mit Marcel Hirscher. Ich versuche immer wieder jüngere Leute wie zum Beispiel Michael Matt und Marco Schwarz dazu zu nehmen, damit sie auf hohem Niveau mit Marcel mittrainieren, seine Professionalität sehen und so vielleicht den nächsten Schritt machen können.

Standard: Drängen hinter Matthias Mayer weitere Athleten ins Rampenlicht?

Puelacher: Wir haben sehr gute Leute im Nachwuchs. Zum Beispiel Fabio Gstrein, den man nach nur einem Jahr aus dem Landesverband geholt hat. Ein Tabubruch, weil man normalerweise zwei Jahre dort bleibt. Aber er hat sich vor allem im technischen Skilauf so gut entwickelt. Zu Mayer muss ich sagen, dass er als Junger nicht so überragend war wie Hirscher. Er hatte eine gute Basis in Kärnten, aber er hat sich erst die letzten zwei Jahre im ÖSV so richtig entwickelt. Er lässt sich nicht drausbringen, weiß, was er will.

Standard: Ihr Vorgänger klagte über sehr hohen Arbeitsaufwand. Sie haben einen Koordinator installiert. Muss er die Schreibtischarbeit erledigen?

Puelacher: Jürgen Graller kümmert sich um den Europacup. Wenn ich nicht vor Ort bin, liefert er die Informationen. Er ist organisatorisch tätig, versucht, Strategien zu entwickeln. Er ist in engem Kontakt mit den Landesverbänden.

Standard: Gibt es neue Erkenntnisse hinsichtlich der Trainingsmethoden?

Puelacher: Eigentlich nicht, ich habe in den vergangenen Jahren als Gruppentrainer die Methoden mitentwickelt, radikale Richtungsänderungen wird es aktuell nicht geben.

Standard: Österreichische Trainer sind international begehrt. Sie selbst waren auch schon in der Schweiz und in Liechtenstein tätig. Ihre Bilanz nach den Auslandsengagements?

Puelacher: Mir haben die Jahre im Ausland sehr viel gebracht. Das waren gute Lernjahre, die mich stark geprägt haben. Man muss auf eigenen Beinen stehen, viel Eigeninitiative zeigen, wenn man nicht in Obhut des ÖSV aufwächst und sieht, dass nicht alles selbstverständlich ist. Die Ressourcen, wie sie der ÖSV bietet, gibt es höchstens in der Schweiz und in den USA. Ich kann jedem empfehlen, irgendwann wegzugehen.

Standard: Sportdirektor Hans Pum attestiert Ihnen hohe soziale Kompetenz und großes Fachwissen. Wie würden Sie Ihre Stärken formulieren?

Puelacher: Ich glaube, ich bin bei den Athleten durch meine gerade, offene Art anerkannt. Ich habe zu manchen Leuten in den Qualifikationsläufen für Sölden gesagt: 'Du, so geht's nicht!' Auch wenn sie dann am Anfang etwas verschnupft sind, so kommen sie dann doch drauf, dass ich es eigentlich nur gut meine. Die Fachkompetenz kriegt man über die Jahre einfach. Entscheidend ist der Athlet, er steht im Vordergrund. Wenn er gut ist, sind wir auch gut oder werden zumindest positiv dargestellt. Es kann auch mal nicht so gut laufen und man kann trotzdem ein guter Trainer sein. Man ist also stark vom Athleten abhängig.

Standard: Was darf man diese Saison von den ÖSV-Herren erwarten?

Puelacher: Ich möchte, dass wir in jeder Disziplin breiter aufgestellt sind. Dass wir mehr Leute haben, die aufs Podest fahren. Im Riesentorlauf nur Hirscher ist mir zu wenig. Im Slalom nur Matt und Hirscher ist auch zu wenig. Ähnliches gilt für Abfahrt und Super G.

Standard: Und wie kann das konkret erreicht werden?

Puelacher: Talent ist gut. Aber an erster Stelle steht die Arbeit. Wir haben genug Beispiele in Österreich, bei denen das Talent nicht vorrangig, aber die Arbeit erstklassig war. Talent wird überbewertet. Talent allein gewinnt keine Rennen. Ein Ligety, ein Pinturault, ein Neureuther arbeiten Vollgas. Wenn wir ein bisserl mehr als die anderen tun, dann sind wir stärker als sie. (Thomas Hirner, DER STANDARD, 20.10.2014)

Andreas Puelacher (50) aus Tirol ist seit April sportlicher Leiter der ÖSV-Ski-Herren. Davor trainierte er vier Jahre lang die RTL- und Kombi-Gruppe.

  • Andreas Puelacher blickt quasi nach Sölden. Der Weltcup startet am 26. Oktober mit einem Riesentorlauf, die Damen sind am 25. dran.
    foto: apa/expa/johann groder

    Andreas Puelacher blickt quasi nach Sölden. Der Weltcup startet am 26. Oktober mit einem Riesentorlauf, die Damen sind am 25. dran.

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