Ein solider Anti-Wowereit regiert Berlin

Kopf des Tages19. Oktober 2014, 16:59
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Michael Müller (SPD) wird Berlins Bürgermeister

Schampus? Fehlanzeige. Wenigstens Sekt? Auch nicht. Nur ein kleines Bier wollte sich der künftige Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD) zur Feier des Tages gönnen. Und eine, für seine Verhältnisse, ziemlich heftige Gefühlswallung: "Ich freue mich wahnsinnig, ich bin ganz platt", bekannte der 49-jährige Senator für Stadtentwicklung, nachdem das Ergebnis des SPD-Mitgliedervotums vorlag. 59,1 Prozent der Berliner Sozialdemokraten wollen, dass Müller am 11. Dezember die Nachfolge von Klaus Wowereit (SPD) antritt.

Müllers Konkurrenten sind weit abgeschlagen: SPD-Chef Jan Stöß erhielt 20,9, Fraktionschef Raed Saleh 18,7 Prozent. Zwar hatte Müller als Favorit gegolten, doch die hohe Zustimmung verblüffte doch. Man kann das Votum durchaus als Aufforderung zum "Weiter so, aber anders" werten. Denn Müller war eine Zeit lang schon Wowereits Kronprinz. Vom ihm, dem ewigen "Gute-Laune-Bär", unterscheidet er sich jedoch persönlich deutlich.

Solide und zurückhaltend

Bescheiden, solide, zurückhaltend, all dies gilt für Müller. Er stammt aus dem südlichen Berliner Bezirk Tempelhof, wo er mit seinem Vater eine kleine Druckerei betreibt. Im Abgeordnetenhaus ist er seit 1996, von 2001 bis 2011 war er Fraktionschef. Auch als SPD-Chef von Berlin (ab 2004) war Müller der Vertraute Wowereits.

Doch dann kam der 9. Juni 2012, der bislang schwärzeste Tag im politischen Leben des Roten Michael Müller. In einer Kampfabstimmung nahm ihm der Parteilinke Jan Stöß den Parteivorsitz ab. Den einen galt Müller danach als Mann von gestern, anderen imponierte, wie der Gedemütigte verlässlich seinen Job als Senator weitermachte.

Gewiefter Taktiker

Jetzt hat er sich doch noch als gewiefter Taktiker und letztendlich lachender Dritter erwiesen. Als Wowereit im August seinen Rückzug ankündigte, drängten Stöß und Saleh sofort auf die Nachfolge, was von vielen Genossen als geschmacklos empfunden wurde. Müller wartete ab und erklärte seine Kandidatur schließlich als Letzter.

Den Berlinern verspricht der zweifache Vater mehr günstige Wohnungen und dass sie "einfach gut regiert werden". Auf Partys drängt er nicht so sehr. Vielmehr kokettiert Müller mit seinem Image als braver Anti-Wowereit und erzählt gern die Geschichte, als er mit "dem Klaus" unterwegs war.

Da sei dieser wieder von den Models abgebusselt worden. Und er, bekennt Müller, habe an sich selbst doch gemerkt: "Beim Glamourfaktor ist noch Luft nach oben." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 20.10.2014)

  • Michael Müller (re) folgt Klaus Wowereit (li) als neuer Bürgermeister der deutschen Hauptstadt und Millionenmetropole nach.
    foto: dpa/britta pedersen

    Michael Müller (re) folgt Klaus Wowereit (li) als neuer Bürgermeister der deutschen Hauptstadt und Millionenmetropole nach.

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