Bisweilen großartige Forschung

Kommentar der anderen20. Oktober 2014, 13:23
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Ein Kommentar, in dem der Grazer Historiker Klaus Hödl die ständigen Forderungen nach mehr Geld für die Unis infrage stellte, hat weite Kreise gezogen. Ein Auszug aus der Debatte und eine Replik des Autors

Mit großer Verwunderung habe ich den Kommentar "Geld allein forscht nicht" (der Standard 14. 10. 2014) gelesen. Kollege Klaus Hödl (Universität Graz) ist der Ansicht, dass es mit dem Parameter Internationalisierung beim Times Higher Education World University Ranking an österreichischen Universitäten schlecht aussieht.

Im Jänner 2014 reihte das THE Ranking die Uni Innsbruck im Teilergebnis "International Outlook" unter die besten Universitäten weltweit auf den herausragenden siebten Platz! Angeführt wird die Rangliste von drei Schweizer Universitäten, den ETHs in Lausanne und Zürich sowie der Universität Genf. Es folgen die National University of Singapore, das Royal Holloway College der University of London und das Imperial College London. Als zweitbeste österreichische Universität folgt die Universität Wien auf Rang 14.

Als Bewertungskriterien werden internationale Vielfalt unter den Mitarbeitenden und Studierenden sowie Forschungszusammenarbeit mit internationalen Partnern an einer Universität herangezogen. Innsbruck konnte einerseits aufgrund des hohen Prozentsatzes an internationalen Studierenden (39 Prozent) und wissenschaftlichem Personal (36 Prozent) punkten und andererseits dank des Engagements seiner hochmotivierten Forscherinnen und Forscher. Knapp 70 Prozent aller im Web of Science veröffentlichten Publikationen wurden in Zusammenarbeit mit Kollegen aus aller Welt veröffentlicht. Ein sehr beachtliches Ergebnis, das mich darauf schließen lässt, dass an Österreichs Universitäten von "Selbstabschottung" wohl keine Rede sein kann.

Anreiz- und Unterstützungssysteme für Wissenschafter aller Disziplinen und v. a. auch für die Geisteswissenschaften sind an der Universität Innsbruck eine Selbstverständlichkeit. So werden Übersetzungen von Publikationen ins Englische und die Internationalisierung vor Ort durch ein Foreign- Visiting-Professorship-Programm finanziell unterstützt und gefördert. Unserem wissenschaftlichen Nachwuchs werden keine Hürden in den Weg gelegt, wenn ein längerer Auslandsaufenthalt zu Forschungszwecken angestrebt wird.

Für all diese Maßnahmen bedarf es einer soliden finanziellen Grundlage. Geld alleine forscht nicht. Darin gebe ich Herrn Hödl recht, daher müssen tatsächlich für die Zukunft ausreichend budgetäre Mittel zur Verfügung stehen, die dann sinnvoll eingesetzt werden, damit Österreichs Universitäten im internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen. Wir verteilen das Geld aber nicht wahllos, sondern zielen darauf ab, motivierende Rahmenbedingungen für unsere Wissenschafterinnen und Wissenschafter zu schaffen, damit sie sich im internationalen Kontext bewegen und bewähren können und schlussendlich dem gesamten Forschungsstandort noch mehr internationale Sichtbarkeit und Reputation bringen. Tilmann Märk, Rektor Universität Innsbruck

Für die Universität für angewandte Kunst Wien möchte ich festhalten: Unsere Internationalität spiegelt sich durch Lehrende und Studierende aus 60 Ländern sowie durch Ausstellungspräsenz, die Organisation von Symposien sowie Forschungskooperationen unter anderem in bzw. mit Auckland, Istanbul, Los Angeles, New Delhi, New York, Moskau, Peking, Schanghai, San Francisco, Toronto, Venedig und Washington wider. Die Angewandte hat in den letzten Jahren ihre (international begutachteten!) Forschungsdrittmittel vervielfacht und ist sich - wie wohl alle österreichischen Universitäten - der Notwendigkeit ihrer internationalen Ausrichtung bewusst. Herrn Hödl sei gesagt: Lamentieren ist keine geeignete Internationalisierungsstrategie. Gerald Bast, Rektor Universität für angewandte Kunst Wien

Erstens beschreibt Hödls Analyse den Ist-Zustand der Universitäten pauschalierend und verfehlt ihn dadurch. Vielleicht halten sich diese Personen gut versteckt, aber mir ist an der Universität Wien noch keine KulturwissenschafterIn untergekommen, die nicht von der Anforderung wüsste, in "peer-reviewed journals" zu publizieren. (...)

Warum sollen sich Universitäten nicht - auch - aus sich selbst rekrutieren? Besetzungen müssen über nachvollziehbare Kriterien erfolgen, und so falsch Zugehörigkeit zur Institution als primäres Kriterium ist, so wenig ist Nichtzugehörigkeit eine brauchbare Alternative. Diversität ist tatsächlich ein Wert, doch dazu fällt mir nicht als Erstes eine Internationalität ein, die an der Überschreitung staatlicher Grenzen gemessen wird. Wesentlich drängender scheint mir die defizitäre Integration der migrantischen Bevölkerung und von anderen sogenannten bildungsfernen sozialen Gruppen in das mittlere und höhere Bildungswesen. (...)

Es gibt zwei Arten von Provinz: Die eine hält es nicht für notwendig zu wissen, was und wie man jenseits ihrer Grenzen denkt. Daran hat es in Österreich lange gekrankt. Die zweite Variante ist jene, die glaubt, dass man nur zu denken braucht, was dort gedacht wird, wo sich in einem globalen Rahmen wirtschaftliche und politische Macht konzentriert. Beides erzeugt und stabilisiert Provinzialität. Beide Arten sind bekämpfenswert, doch es ist Letztere, die aktuell mehr Zugkraft besitzt. Die Universitäten, seit dem Universitätsgesetz 2002 weitgehend entdemokratisiert, sind heftig bemüht, unter dem Label des Strebens nach "Exzellenz" der österreichischen Gesellschaft den Rücken zuzuwenden. Man sollte sie nicht lassen. Oliver Kühschelm, Universität Wien

Neben einer Vielzahl zustimmender Zuschriften zu meinem Kommentar gab es auch einige kritische Stimmen. Diese bezogen sich im Großen und Ganzen auf zwei Aspekte.

Zum Ersten glauben sie aus meinem Text herauslesen zu können, dass ich prinzipiell gegen eine bessere finanzielle Ausstattung der österreichischen Universitäten sei. Ich meine aber sehr wohl, dass die heimischen Hochschulen mehr Geld benötigen, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Ich habe in meinem Beitrag lediglich hervorgestrichen, dass es an Unis Strukturen und Mentalitäten gäbe, die sich auf Spitzenforschung nachteilig auswirkten. Zusätzliche Finanzspritzen könnten sie konservieren.

In einer weiteren Reaktion ("Universitäten: Mehr Geld, mehr Musi") geht Walter Schachermayer auf meinen Text ein. Ich vermute, dass er ihn falsch gelesen hat. Ich habe nicht darüber geschrieben, dass in meinem Umfeld in keinen Peer-Review-Zeitschriften publiziert werde. Das ist der Fall. Ein Forschungsoutput scheint aber wenig Relevanz für eine Anstellung zu haben. Das kann zu einem leistungsfeindlichen Klima beitragen, das sich sodann im Uni-Ranking niederschlägt.

Aber trotz finanzieller Minderausstattung wird an österreichischen Unis bisweilen großartige Forschung betrieben. Aus dem Leiden-Ranking, das Zitationen in naturwissenschaftlichen Fächern heranzieht, ist die Uni Graz als beste österreichische Hochschule hervorgegangen und hat sich damit im internationalen Spitzenfeld etabliert. Aber sind noch bessere Platzierungen wirklich allein einem Geldmangel geschuldet? Klaus Hödl, Universität Graz

(DER STANDARD, 20.10.2014)

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