Schwierige Flucht, grausame Jagd

20. Oktober 2014, 08:15
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Die NS-Militärjustiz und ihre tausenden Todesopfer

Wien - Sie waren ein Dreiergespann: Alois Holzer, Jahrgang 1919, der Älteste, dann sein Bruder David (1923) und der gemeinsame Freund Franz Stolzlechner (1923) - drei Osttiroler Bergbauernbuben aus christlich-sozial geprägtem Haus. Dann kam der Krieg. Über den Einsatz von Stolzlechner ist wenig bekannt, schreibt der Historiker Peter Pirker, der den Lebens- und Leidensweg der Osttiroler erforscht hat. Die beiden Brüder müssen in Finnland gegen die Russen kämpfen. Dann der schicksalhafte Wendepunkt im Leben des David Holzer: 60 sowjetische Kriegsgefangene werden erschossen als Vergeltung für eine Flucht von sechs Gefangenen. Holzer will weg. Im Juni 1943 trifft er bei einem Heimaturlaub auf Stolzlechner. Beide beginnen am Abend, ein Versteck in den Bergen anzulegen. Sein Bruder schließt sich später an. Im Jänner 1944 erfolgt die Verhaftung.

Drei Opfer von vielen - das Wüten der Militärjustiz in Zahlen: Es gab geschätzte drei Millionen Strafverfahren. 1,3 Millionen Soldaten wurden verurteilt, ungefähr 30.000 Todesurteile verhängt. Davon wurden zwei Drittel auch vollstreckt - darunter waren rund 1500 Österreicher. "Besonders in der Endphase der NS-Herrschaft wurden Deserteure regelrecht gejagt und ohne Verfahren erschossen oder erhängt, häufig unter Mitwirkung lokaler NS-Akteure", erklärt Historiker Pirker.

foto: corn
Friedrich Cerha, Komponist (1926): Mit 17 Jahren wird Cerha eingezogen, flüchtet aus einer Offiziersschule in Dänemark und schafft es bis Stettin. Dort wird er gefasst und einer Noteinheit zugeteilt. An der Westfront wird er verwundet und flieht aus dem Spital. Zu Fuß schafft er es unter Mühen und mit viel Glück bis nach Tirol.

Franz Stolzlechner, dem neben Fahnenflucht auch "Mordversuch" angelastet wurde, wird am 8. Juli 1944 um 5.32 Uhr am Militärschließplatz Wien-Kagran erschossen. David Holzer wird zum Tode verurteilt, dann begnadigt und in eines der berüchtigten Emslandlager gebracht. Wie sein Bruder Alois kommt er vom Emslandlager in die sogenannte Bewährungseinheit 500. David überlebt, sein Bruder fällt im März 1945 bei Brünn. "Bestimmte Einheiten waren reine Himmelfahrtskommandos für NS-Gegner und ungehorsame Soldaten", sagt der Historiker.

foto: newald
H. C. Artmann, Schriftsteller (1921-2000): 1940 kommt er zur Wehrmacht, wird verletzt und flüchtet aus dem Lazarett. Artmann wird gefasst und zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Er muss ins Gefängnis, dann in ein Strafbataillon. Artmann flüchtet nach Wien, wird aber verraten. In den Kriegswirren wird das Todesurteil nicht mehr vollstreckt.

Späte Anerkennung

David Holzer lebt heute noch in Osttirol. Über das Erlebte redete er lange nicht - auch wenn es immer spürbar ist: "Man sinniert da manchmal so leer ..., weil man es einfach in einem drinnen hat, das lässt sich nicht wegstecken", sagte er 2002 in einem Interview mit Pirker. Erst vier Jahre später wird er als NS-Opfer anerkannt.

foto: apa/hochmuth
Dietmar Schönherr, Schauspieler (1926-2014): 1938 übersiedelt die Familie aus Innsbruck nach Potsdam. Schönherr wird für den Film entdeckt, steht 1944 im Film "Junge Adler" erstmals vor der Kamera. 1944 kommt er zur Wehrmacht. 1945 dient er in einer Gebirgsjägereinheit. Er desertiert und findet Unterschlupf bei einem Bauern in den Tiroler Bergen.

Wer das Tempo Österreichs bei der Aufarbeitung der eigenen, jüngeren Geschichte kennt, den wird dieses Detail kaum verwundern: Auf die Zuerkennung seiner Opferrente hat David Holzer mehr als 50 Monate warten müssen. Sein Lebensweg ist Bestandteil der Wanderausstellung Was damals Recht war ... über die Opfer der Militärjustiz. (pm, DER STANDARD, 20.10.2014)

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