Zeitenwende in Bremen, aber Festhalten an Trainer Dutt

19. Oktober 2014, 12:14
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Sparkurs hinterlässt Spuren - Manager Eichin nach 0:6 gegen Bayern: "Hatte nichts mit Trainer zu tun" - Prödl: "Katastrophe"

Bremen/Wien - Werder Bremen hält auch nach dem samstäglichen 0:6 (0:4)-Debakel gegen Bayern München an Trainer Robin Dutt fest. Dieser werde sicher am Freitag gegen den 1. FC Köln auf der Werder-Bank sitzen, sagte Bremens Manager Thomas Eichin.

Dutt habe die Mannschaft gut und richtig eingestellt. "Ich beobachte das sehr genau und bewerte die Dinge rational. Das hatte nichts mit dem Trainer zu tun, sondern mit unglaublich großer Angst und Respekt vor den Bayern", sagte Eichin. Die Mannschaft habe agiert "wie der Hase vor der Schlange" und überdies "dumme Tore kassiert", kritisierte Eichin die Spieler: "Das war keine bundesligataugliche Leistung, da gibt es nichts schönzureden. Aber wir werden wieder die Kurve kriegen."

Man könne eine Entwicklung nicht nur am Trainer festmachen. Dutt sei in einer schwierigen Lage geholt worden. Das Budget sei rückläufig, man müsse Talente entwickeln, aus wenig viel machen. Es seien jedoch, so der Manager, klare Fortschritte erkennbar. Allein die Ergebnisse stimmten derzeit nicht. Es gelte Ruhe zu bewaren, so Eichin am Sonntag. Über den Trainer gebe es keine Diskussionen. Er sei guten Mutes.

Dutt selbst übte sich ebenfalls in demonstrative Gelassenheit. in Von einem "Endspiel" gegen Peter Stögers Kölner, die mit dem Selbstvertrauen eines Dortmund-Besiegers anreisen werden, wollte der Trainer nichts wissen: "Endspiele gibt es am 30. oder 32. Spieltag, nicht jetzt." Und erinnerte an die letzte Saison, als Werder den Bayer gar 0:7 unterlegen war. Und das zu Hause. Dutt: "Wir haben letztes Jahr die Saison gedreht, und wir werden auch in diesem Jahr die Saison drehen."

Sparkurs bekommt Akzente

Finanziell muss sich der Klub nach der Decke strecken. Mit ausbleibendem Erfolg galt es, die Personalkosten im Vergleich zu den Hochzeiten in den Nullerjahren drastisch zu kürzen. Der Konsolidierungskurs hat Werder, dass seit einiger Zeit Verluste schreibt, relativ zur unmittelbaren Konkurrenz Boden verlieren lassen. Trotz dieser Beschränkungen wird jedoch seit längerem Kritik an der Transferpolitik laut. Mehrere Zugänge konnten die Erwartungen nicht erfüllen. Am Jahresende kommt es in der Vereinsführung zu einem Generationswechsel kommen. Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Willi Lemke wird zurücktreten und sein Amt an Ex-Spieler Marco Bode abgeben.

Dies geht mit einem Strategiewechsel einher. Der Verein will sich Investoren öffnen, angesichts der schwierigen Lage steht der "Bremer Weg", für den Lemke wie kein anderer steht, auf dem Prüfstand. Vielleicht müsse man, bei aller Seriosität, doch mehr Risiko nehmen, meinte Eichin. Soll heißen: antizyklisches Investieren könnte wieder erlaubt sein.

Kein Torschuss

Werder legt derzeit den schlechtesten Saisonstart der Klubgeschichte hin. In München sorgte man noch für einen zusätzlichen Negativrekord: der Tabellenletzte gab in 90 Minuten keinen einzigen Torschuss ab. Seit die Daten erfasst werden (Saison 1993/94) hat das noch keine andere von inzwischen 12.989 Mannschaft geschafft.

Doch es klappt vorne wie hinten nicht. Tormann Raphael Wolf griff die Kollegen wegen des Mauer-Hüpfers beim Freistoß zum 0:2 durch Xabi Alonso an. "Man springt schon in der A-Jugend nicht mehr hoch. Das muss man eigentlich keinem erklären. Das Tor beschreibt die ganze Saison." Wie der Kollege Manuel Neuer bekam Wolf keinen Ball zu halten: alles, was auf sein Tor kam landete auch in diesem. Abwehrchef Sebastian Prödl, Mithüpfer und Verursacher eines umstrittenen Elfmeters nach Foul an Thomas Müller, sprach von einer "Katastrophe".

Das 0:6 war eine der höchsten Auswärtsniederlagen in der bald 51-jährigen Bundesliga-Geschichte Werders, nur viermal kam es schlimmer. Einmal hieß der Gegner ebenfalls FC Bayern, nämlich bei einem 0:7 in der Saison 1979/80. Ein 2:9 gegen Eintracht Frankfurt 1981/82 steht in dieser Hinsicht über allem.

Schaaf leidet mit

Der derzeitige Frankfurt Trainer heißt Thomas Schaaf. Davor hatte der 53-Jährige 14 Jahre lang die Bremer betreut und den Verein zur Meisterschaft (2004) und drei Pokalsiegen geführt hatte. Die derzeitige Situation seines ehemaligen Arbeitgebers lässt ihn nicht kalt. "Wenn man noch Mitglied ist und so lange am Erfolg mitgearbeitet hat, tut einem das natürlich auch weh, klar", sagte Schaaf im Interview mit der Welt am Sonntag.

Ratschläge vom ehemaligen Erfolgstrainers gibt es aber natürlich keine. Da er die Geschehnisse an der Weser nur aus der Ferne verfolgt stellte Schaaf klar, dass er sich dort nicht "in aktuelle Handlungen einbringe oder mich inhaltlich mit der Situation beschäftige".

Da konzentriert er sich schon lieber auf die Arbeit mit der Eintracht, mit der er einen guten Saisonauftakt hingelegt hat. "Ich glaube, dass die Mannschaft und alle Beteiligten einen guten Job machen. Wenn ich daran beteiligt sein sollte, ist das schön", sagte Schaaf. (red/sid - 19.10. 2014)

  • Weitgehend entgeistert: Robin Dutt und die Bremer Bank.
    foto: ap/schrader

    Weitgehend entgeistert: Robin Dutt und die Bremer Bank.

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