"Lollipop": So wird Android 5.0

19. Oktober 2014, 10:35
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Ein Blick auf die zweite Preview - Frischer Look dank "Material Design", deutlich gesteigerte Performance, neue Funktionen

Schöner, besser, schneller: Android 5.0 soll spürbare Verbesserungen bringen - so verspricht es zumindest Google. Bereits Anfang November soll die neue Version fertiggestellt und an die ersten Geräte ausgeliefert werden. Knapp davor gibt es nun seit kurzem eine neue "Developer Preview". Der WebStandard hat sich diese gleich einmal geschnappt und auf Smartphone und Tablet gespielt, um zu sehen, was diese so zu bieten hat.

Viel Neues

Und dabei zeigt sich: Im Vergleich zu ersten Preview hat sich einiges getan. Vor allem die optische Neugestaltung unter dem Schlagwort "Material Design" ist wesentlich weiter fortgeschritten als es bei der Testversion von Ende Juni der Fall war. Praktisch das gesamte Systeminterface wurde mittlerweile nach diesen Prinzipien umgebaut. Starke Farben, klare Linien und zahlreiche Übergangsanimationen dominieren den optischen Auftritt.

screenshots: andreas proschofsky / derstandard.at
Der Setup-Prozess präsentiert sich jetzt im "Material Design".

Manche Bereiche wurden im Zuge des Redesigns gleich ganz neu gestaltet, darunter etwa der Setup-Prozess. Dieser kann dabei auch gleich mit neuen Funktionen aufwarten: So ist es nun dank "Tap and Go" möglich, die Einstellungen eines anderen Geräts zu übernehmen. Unterstützen beide NFC werden sie einfach aneinander gehalten und die Weitergabe autorisiert - schon beginnt Android mit der Installation all der Anwendungen. Selbst Google-Account und Homescreen-Layout werden dabei übernommen. Andere Systembestandteile wurden hingegen nur in Details angepasst: Beim Google Now Launcher ist die App-Übersicht nun weiß hinterlegt, eine nett gemachte Animation visualisiert den Übergang zum Homescreen. Und die Navigationsknöpfe von Android sind nun etwas kleiner geworden.

Schlaue Sperre

Ein Neuzugang ist "Smart Lock": Dieses ermöglicht die automatisch Deaktivierung der Bildschirmsperre unter gewissen Voraussetzungen. In der Praxis sieht das beispielsweise so aus: So lange das Smartphone in der Nähe der eigenen Smartwatch ist, wird die Zugangssperre deaktiviert. Reißt die Verbindung zwischen den beiden ab, wird wieder PIN, Passwort oder Sperrmuster verlangt - je nachdem wie das Gerät durch den Nutzer geschützt wurde.

screenshots: andreas proschofsky / derstandard.at
Die Softwareausstattung der Preview ist bewusst klein gehalten. Eine neue Funktion ist der "Smart Lock".

Diese Möglichkeit sichere Umgebungen festzulegen, ist natürlich keineswegs auf Smartwatches beschränkt. Prinzipiell lässt sich jedes per Bluetooth verbundene Gerät nutzen. Wer will, kann also etwa mit etwas Geschick dafür sorgen, dass der Lock Screen beim Betreten des Autos oder auch des eigenen Wohnzimmers selbsttätig deaktiviert wird. Darüber hinaus kann auch ein NFC-Tag zum Umgehen der Lock-Screen-Sperre genutzt werden. Sollte es dann doch einmal einen Grund geben, das Smartphone oder Tablet auch in solch einer vertrauten Umgebung zu sperren, reicht ein Touch am Lock-Screen, um das Gerät wieder vor fremden Zugriff zu sichern.

Benachrichtigungen

Wie berichtet, bringt Android "Lollipop" ein neu gestaltetes Benachrichtigungssystem. Und dieses sieht nicht nur anders aus, sondern birgt auch zusätzliche Funktionalität. So werden Notifications jetzt nach Relevanz sortiert. Mit der neuen Testversion können nun auch die Nutzer in diese Reihung eingreifen. Über Langdruck auf eine Benachrichtigung werden Optionen zum jeweiligen Programm angeboten. Damit lässt sich dann etwa der einen App gänzlich das Verschicken von Benachrichtigungen untersagen, während Informationen einer anderen immer prioritär behandelt werden. Nutzer der ersten Preview wird zudem freuen, dass nun auch wieder alle Benachrichtigungen in einem Schwall entfernt werden können.

screencast: andreas proschofsky / derstandard.at
Ein wichtiger Bestandteil des Material Design sind Übergangsanimationen. In diesem Fall zwischen Google Play Newsstand und dem Task Switcher von "Lollipop" (Anm.: Die Animation ist nur in der Vollversion von derStandard.at sichtbar).

Für manche wohl schon jetzt das beste Feature von Android 5.0: In den Schnelleinstellungen ist endlich eine Taschenlampenfunktion enthalten. Externe Apps sind für diese triviale Möglichkeit also nicht mehr nötig. Gerade angesichts dessen, dass es im Play Store Flashlight-Apps sonder Zahl gibt, die absurd umfangreiche Berechtigungen verlangen, drängt sich die Frage auf, wieso das eigentlich so lange gedauert hat. Aber gut - jetzt ist es ja da. Eine weitere Neuerung: Beim Klick auf die Mobilfunkverbindung wird nun direkt in den Schnelleinstellungen der aktuelle Datenverbrauch dargestellt. Apropos: Probleme mit einer Netzwerkverbindung werden nun mit einem Rufzeichen deutlicher betont. Zudem wechselt Android 5.0 automatisch auf eine Mobilfunkverbindung, wenn über das WLAN keine Verbindung ins Internet besteht. Zudem hat Google ein lange von der Community gefordertes Feature umgesetzt: Bei Ansicht der Schnelleinstellungen findet sich neben dem Akkustand nun eine Prozentzahl.

Multi-User

Bereits seit einigen Versionen bietet Android Multi-User-Support. Bislang war dieser aber Tablets vorbehalten, nun wandert diese Feature auch in den Smartphone-Bereich. Jeder Nutzer bekommt dabei seinen vollständig getrennten Bereich mit eigenen Anwendungen und Einstellungen. Dazu passend gibt es nun einen Gastmodus, in dem keinerlei Informationen gespeichert werden.

screenshots: andreas proschofsky / derstandard.at
Zu den Neuerungen der zweiten Preview gehört der Multi-User-Modus für Smartphones. Auch die "Bitte nicht stören"-Funktion wurde ausgebaut.

Ebenfalls bereits zu sehen war die "Do not Disturb"-Funktion, mit der Benachrichtigungen vorübergehend deaktiviert werden. Mit der neuen Preview wurden die zugehörigen Einstellmöglichkeiten verfeinert. Zwischen ganz oder gar nichts gibt es nun noch den "Prioritäts"-Modus für den einzelnen Personen oder Apps definiert werden können, die die Mauer des Schweigens durchbrechen dürfen. Wer will kann auch fixe Ruhephasen festlegen.

Eingesperrt

Ein weitere Neuzugang ist das App Pinning: Dabei wird eine einzelne App festgelegt, die uneingeschränkt benutzbar ist, während jeder Wechsel auf den Rest des Systems eine Entsperrung verlangt. Nützlich ist dies nicht nur, um einzelne Apps im Kiosk-Einsatz zu demonstrieren, damit lässt sich auch Dritten Zugriff auf ein Programm geben, ohne dass man befürchten muss, dass sich diese weiter im Smartphone oder Tablet umschauen.

screenshots: andreas proschofsky / derstandard.at
Die überarbeitete Uhr-App passt den Hintergrund an die Tageszeit an. Die Kontakt-App ist ebenfalls bereits dem Material Design angepasst. Interessantes Detail dabei: Die Farbe des Status-Bars wird automatisch aus dem Avatar-Bild eines Kontakts ermittelt. Und zu guter Letzt: Die Tastatur von Android 5.0.

Die Android-Tastatur wurde weiter umgebaut und verwendet nun ein helles Theme, das Layout wurde ebenfalls leicht angepasst. Zudem wird beim Swipen jetzt der primäre Vorschlag direkt unter dem Finger angezeigt, wodurch in der eigentlich dafür gedachten Zeile Platz für eine weitere Alternative bleibt. Die Systemeinstellungen werden auf Tablets nun zweispaltig dargestellt, die Liste der zuletzt genutzten Apps und Dokument bleibt auch nach einem Reboot erhalten. Und es gibt ein neues Menü zum Teilen von Inhalten, das die passenden Apps nach Häufigkeit der Nutzung sortiert.

screencast: andreas proschofsky / derstandard.at
Über ein Update bei Android TV ist auch bereits die Android-5.0-Version von Google Play Movies durchgesickert. (Anm.: Die Animation ist nur in der Vollversion von derStandard.at sichtbar).

All dies bei einer nochmal spürbar gesteigerten Performance: Die neue Runtime ART und all die anderen Optimierungen entfalten also bereits ihre volle Wirkung. Vom App-Start über den Programmwechsel bis zur Tastatureingabe - überall ist das System deutlich flotter als Android 4.4. Auch die vielen Animationen des Material Design laufen auf den Testgeräten praktisch durchwegs flüssig. Ebenso wie das wohl bisher ambitionierteste Easter Egg in der Android-Geschichte.

Entwicklung

Für Entwickler bietet die zweite Preview ebenfalls noch einmal umfangreiche Neuerungen. Darunter nicht zuletzt Schnittstellen, um viele der neuen Möglichkeiten - etwa des Material Designs - auch auf älteren Android-Versionen nutzen zu können. Ein echtes Highlight für die weitere Entwicklung, findet sich ebenfalls in den Versionsnotizen: Ab sofort soll das Chromium Webview über den Play Store auf dem aktuellen Stand gehalten werden. Damit können Apps, die Browserinhalte integrieren, sich künftig darauf verlassen, dass die Nutzer immer die aktuellste Webview-Version haben - und entsprechend aktuelle Schnittstellen verwenden. Auch aus einer Sicherheitsperspektive ist dies ein echter Gewinn.

screenshots: andreas proschofsky / derstandard.at
Der Task Switcher von "Lollipop", eine neue Version von Google Now und der Play Store. Deutlich sichtbar auch die individuellen Highlight-Farben.

Zu all dem kommen all die Änderungen, die bereits mit der ersten Preview eingeführt wurden. Also etwa die Darstellung von Benachrichtigungen am Lock Screen, der grundlegende Umbau der Schnelleinstellungen, die adaptive Helligkeitsanpassung, der neue Task Switcher, der Battery Saver-Modus und die zahlreichen Optimierungen in Fragen Akkulaufzeit. All dies wurde aber bereits an andere Stelle ausführlich beschrieben, soll hier also nicht noch einmal im Detail wiederholt werden.

Das ist Android 5.0. Fast.

Die aktuelle Preview ist übrigens wirklich "final", heißt: Eigentlich handelt es sich dabei um das fertige Android 5.0, wie auch ein Blick auf die Versionsnummer verrät. Allerdings hat sich Google einen Trick einfallen lassen, um für Anfang November doch noch die eine oder andere Überraschung übrig zu haben. Die mitgelieferte Softwareausstattung ist nämlich minimal, sie setzt sich aus all jenen Komponenten zusammen, die im Android Open Source Project (AOSP) frei entwickelt werden. Die zahlreichen proprietären Programme von Google fehlen hingegen und müssen erst manuell nachinstalliert werden - allerdings damit auch nicht in den für Android 5.0 geplanten Versionen sondern denen, die im Play Store aktuell sind.

screenshots: andreas proschofsky / derstandard.at
Der "Lollipop"-Dialer, der neue Sharing-Dialog, der nach Häufigkeit der Nutzung sortiert, und die Informationen zur Version.

Dies hat übrigens durchaus interessante Nebenwirkungen: So ist neben dem alten Android Browser auch eine nicht mehr aktuelle Kalenderversion sowie die uralte Musik-App aus Android 2.x-Zeiten mit dabei. Diese Apps dürfen weitgehend ignoriert werden, zum Teil stürzen sie sogar ab. Die wirklich für Android 5.0 gedachten Bestandteile erwiesen sich - im zugegebenermaßen recht kurzen Testzeitraum - hingegen als sehr stabil.

Verfügbarkeit

Die finale Developer Preview steht für Nexus 5 und Nexus 7 (2013) in Form eines vollständigen Systemimages zur Verfügung. Dabei muss das Smartphone oder Tablet neu eingerichtet werden. Auch ein Update auf die offizielle Version 5.0 ist von Google nicht geplant. Wer die neue Testversion ausprobieren will, muss also damit rechnen, in zwei Wochen das Gerät erneut frisch aufzusetzen. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 19.10.2014)

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