Nipster: Der Scheitel des Bösen

18. Oktober 2014, 12:08
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Neonazis, die auf Jute, Vollbart und Ironie setzen: Der so genannte "Nipster" pflegt rechtes Gedankengut, sieht aber aus wie ein Hipster

Ausgerechnet ein Jutebeutel, in den 1970er-Jahren Markenzeichen der Ökobewegung, mittlerweile Standardausrüstung jedes urbanen Hipsters, schrieb im Jänner dieses Jahres Geschichte. Auf einem Neonazi-"Trauermarsch" in Magdeburg zogen unter dem Motto "ehrenhaftes Gedenken statt Anpassung an den Zeitgeist" tausend Rechtsextreme durch die Straßen der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt. Ein Pressefotograf schoss auf dem Bahnsteig ein Bild, das die Welt in Erstaunen versetzte.

Da stand ein modischer junger Mann, Vollbart, Röhrenjeans, verspiegelte Brille, Baseballkappe und Jutebeutel, auf dem stand: "Bitte nicht schubsen, ich hab einen Joghurt im Beutel". Kein unwitziger Spruch für eine Demon stration. Aber: Das soll tatsächlich ein Neonazi sein? Wo sind die klassischen Erkennungszeichen: die Glatze, die Springerstiefel, die Bomberjacke? Wo ist das ultra-maskuline Gehabe der rechten Szene? Gibt es plötzlich Ironie bei den Neonazis?

Undercut & Sneakers

Szenenwechsel: die Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Eine geballte Ladung Männlichkeit flimmert über die Bildschirme. Der Undercut, also die seitlich weg rasierten Haare, im englischen Sprachraum auch als "Hitler Youth" bezeichnet, steht hoch im Kurs. In der Mode wird gerade der Spornosexuelle gefeiert, die Rückkehr des muskulösen Mannes, der die schmale Silhouette der letzten Jahre ablöst. Auf Modenschauen in Mailand sieht man ein neues Männerbild, das besessen vom Körper ist, der zwischen Sportler und Pornostar gestählt wird. Bomberjacken bleiben weiterhin ein zentrales Kleidungsstück der Herbstsaison. Und New-Balance-Sneakers, wegen dem "N" auf dem Schuh, das als "national" ausgelegt wurde, lange Zeit ein Markenzeichen der rechten Bewegung, sind längst Mainstream geworden, was auch daran liegt, dass das US-Label bewusst gegen sein Neonazi-Image ankämpfte und Läden boykottierte, die der rechten Szene nahe standen.

Kontroversielle Bomberjacke

Für Außenstehende sind diese Entwicklungen ziemlich verwirrend: Wer ist hier eigentlich der Neonazi und wer der Fashionist? Modisch lässt sich die Welt nicht mehr so einfach decodieren. Neonazis sehen plötzlich wie Hipster aus, und als modisch interessierter Mann trägt man einen strammen Seitenscheitel und eine Bomberjacke. Scheinbar hat das alte Motto ausgedient: Zeig mir, was du anhast, und ich weiß, wo du politisch stehst. Die Ästhetik hat sich längst von der Weltanschauung getrennt.

Womöglich waren die Skinheads sogar die letzte Bewegung, die Mode und Identität unter einen Hut bringen wollten. Als wichtigstes Erkennungsmerkmal diente die Bomberjacke, bevorzugt die Militärjacke MA-1 der US-Marke Alpha Industries, deren Logo dem verbotenen Zivilzeichen der SA ähnelt.

Umdeutungen

Die Nylonjacke, 1958 für die U.S. Air Force entwickelt, tauchte bereits Anfang der 1960er-Jahre in Subkulturen auf, die anfangs allerdings das Gegenteil von rechts waren. Die ersten weißen Arbeiterkids aus East London teilten mit den schwarzen Einwanderern aus Jamaika ihren Musikgeschmack. Die schwarzen Rude Boys und die weißen Mods liebten Reggae und Ska, sie standen für eine Überwindung der ethnischen Herkunft. Erst Mitte der 1970er-Jahre wurde die Jacke dann mit rechter Gesinnung aufgeladen, um von den linken Skins später erneut umgedeutet zu werden. Was an diesem Beispiel deutlich wird: In der Mode wird immer geklaut. Wer vereinnahmt einen Trend für sich, wer behält die Deutungshoheit? Mode ist stets in Bewegung.

Womöglich ist das gerade heiß diskutierte Phänomen des "Nipsters", einer Mischung aus Neonazi und Hipster, nur ein Medienhype. Fakt ist allerdings, dass sich die rechte Szene modisch in den letzten Jahren stark verändert hat. Sicher, man findet sie noch, die pöbelnden Glatzköpfe, aber es gibt auch jene, die bieder wie der
unauffällige Nachbar angezogen sind, die mit Anzug oder Kapuzen-Shirt auftreten.

Rassismus und Bio-Joghurt

Das amerikanische Magazin Rolling Stone widmete dem Phänomen des Nipsters einen langen Text, für den ein Reporter sogar bis in die deutsche Oberpfalz reiste, um Patrick Schröder zu treffen, einen "netten Neonazi", der wie ein hipper Jugendlicher aussieht. Er möchte rechtsgesinnten Freunden beibringen, sich cooler zu kleiden, um unauffälliger im Mainstream leben zu können. Der Nipster ist nicht selten vegan und setzt sich für Tierrechte ein – schließlich war Hitler ja auch Vegetarier. Rassismus und linksdrehendes Joghurt gehen Hand in Hand. Antiimperialismus, Globalisierungskritik und Umweltschutz sind zentrale Anliegen, gemischt mit einem Rassismus, der sich als Ethnopluralismus tarnt, eine Ideologie der Neuen Rechten, die eine strikte Trennung der "Kulturen" fordert.

Die Mischung aus Hipster und Neonazi ist idealtypisch: Schließlich wird dem Hipster, einem durchwegs bourgeoisen, weißen Konstrukt, stets ein Hang zur Ironie nachgesagt. Der Hipster distanziert sich von allem und jedem. Er repräsentiert wahrscheinlich die erste Jugendbewegung, die gar keine sein möchte, die sich sogar von sich selbst abgrenzt.

"Diese Subkultur verachtete die Moral, liebte den Konsum und huldigte dem Lifestyle", schrieb Mark Greif 2012 in seinem Text Nachruf auf den weißen Hipster. Hinter seiner Vorliebe für eine ironisch-distanzierte Weltbetrachtung verbergen sich allerdings auch unreflektierte Klischees. Die deutsche Musikzeitschrift Spex thematisierte diesen "Hipster-Sexismus": Ist eine Baseball-Kappe mit der Aufschrift "Wifebeater" tatsächlich lustig? Die ironische Misogynie der Hipster ist letztlich bloß längst überwunden geglaubte Frauenfeindlichkeit, befindet Spex.

Hipster-Hitler-Karikaturen

Apropos Hardcore-Ironie: Das US-Webcomic Hipster Hitler zeigt den Diktator als coolen Nerd, der es liebt, T-Shirts mit zweideutigen Sprüchen zu tragen: etwa "I love Juice", was im Englischen klingt, als würde er Juden lieben. Ein anderes T-Shirt ziert die Aufschrift "Eastside Westside Genocide".
Die Hipster-Hitler-Karikatur trägt Hornbrille und Old-School-Turnschuhe. Der Brachialhumor dieser online veröffentlichten Graphic Novel bringt auf den Punkt, was am Hipster so problematisch ist: Er macht sich über alles lustig. Der Genozid ist bloß ein x-beliebiges Zitat aus einem popkulturellen Fundus. Oder wie sagt Hipster-Hitler auf einem seiner vermeintlichen Fun-Shirts? "You Make Me Feel Like Danzig". (Karin Cerny, DER STANDARD, 18.10.2014)

  • Modisch lässt sich die Welt nicht mehr so einfach decodieren.
    foto: shutterstock/aleshyn andrei

    Modisch lässt sich die Welt nicht mehr so einfach decodieren.

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