"Anständig und tapfer sein - und gütig" 

19. Oktober 2014, 15:46
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"Der Anständige": Tagebücher und Briefe von Heinrich Himmler und dessen Familie: eine Parallelwelt des Grauens, im Kino und im ORF am 14. November

Wien - Vieles in diesem Film ist nicht zu fassen: "Heute fuhren wir in das Konzentrationslager nach Dachau. Mutti, Tante Lydia, Tante Frieda, Röschen, Inge und ich. Dort haben wir alles angesehen. Die große Bäckerei, Mühle. Dann die Bücher. Bücher vom 16. Jahrhundert an bis jetzt! Dann die ganzen Bilder, die Sträflinge gemalt haben. Herrlich! Dann haben wir gegessen. Viel. Dann hat jeder etwas geschenkt bekommen. Schön ist's gewesen!" So schreibt das Mädchen Gudrun in ihr Tagebuch. Es ist Juli 1941.

Gudrun, genannt "Püppi", ist elf, als sie den Ausflug in ihrem Tagebuch notiert. Ihr Vater Heinrich Himmler, "Reichsführer-SS", ordnet in diesem Jahr die Errichtung von Gaskammern an. Seiner Tochter schreibt er: "Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein - und gütig." Ihr und seiner Ehefrau Marga ("meine gute Mami") schickt er regelmäßig Pakete mit "Leckerli".

Es ist eine grässliche Parallelwelt, die sich im Film Der Anständige dem Zuschauer eröffnet. Die Dokumentaristin Vanessa Lapa verwendet private Dokumente der Himmlers, die in Israel aufgetaucht sind, nachdem sie vierzig Jahre unter dem Bett des Chaim Rosenthal in einer Privatwohnung lagen. Über dessen Sohn gelangten sie zu Lapa.

Echtheit bestätigt

Die Echtheit der Dokumente ist bestätigt, erzählte Lapa bei der Präsentation im Wiener Votivkino: Chemische Zusammensetzung und Handschrift passten. Den entscheidenden Beweis erbrachte die Tatsache, dass Himmler seine Briefe an Marga stets nummerierte und diese mit jenen der Ehefrau übereinstimmten, die im Archiv in Koblenz aufbewahrt sind. Gelesen werden die Texte von Tobias Moretti als Heinrich und Sophie Rois als Marga. Lotte Ledl, Pauline Knof, Florentin Groll und Morettis Kinder Antonia und Lenz übernahmen weitere Rollen.

Die pervertierte Auffassung Himmlers von "Anstand" und "Ordnung" war schon einmal Filmthema. 2000 las Manfred Zapatka in Romuald Karmakars Einpersonenstück Das Himmler-Projekt emotionslos Himmlers Geheimrede vor SS-Generälen über die Ermordung der Juden. Lapa montiert nun bearbeitete Archivaufnahmen, Szenenfotos und Texte zu einem Kompendium des Grauens. Wenn Himmler etwa über Homosexuelle hetzt, sieht man muskelbepackte Männer in Turnhosen tatkräftig Baumstämme heben. Bilder von Erschießungen begleiten Erlebnisberichte von beschaulichen Tagen auf dem Land.

Die Himmlers waren eifrige Schreiber. Bis ins kleinste Detail zeichneten sie auf und teilten sich mit: Der Ton ist bisweilen kindisch-schwärmerisch ("Mein guter, wilder Geliebter!"), traniger Nazi-Slang ("Papi glaubt so fest an den Sieg, es wäre gar nicht auszudenken, wenn wir verlieren würden.") und zynisch gelogen ("Diese Reichtümer - der Juden, Anm. - wurden selbstverständlich restlos an das Reich abgeführt.")

Gudrun Burwitz, geborene Himmler, ist inzwischen 85. Über den Verein "Stille Hilfe" unterstützte sie ehemalige SS-ler.

Jahrelange Recherche

Sieben Jahre arbeiteten Lapa und ihr Team an dem Film. Realisiert haben ihn Felix Breisach und der ORF. Lapa recherchierte in rund 180 Archiven, sichtete 2000 Stunden Film und hunderte Dokumente. Das Projekt dürfte nicht einfach zu finanzieren gewesen sein. Als Lapa im Votivkino Dankesworte aussprach, kämpfte sie mit den Tränen. Es ist ihr nicht zu verdenken.

Der ORF zeigt den Film im Rahmen eines Themenabends am 14. November. Ins Kino kommt Der Anständige am 24. Oktober.

"Papi glaubt so fest an den Sieg, es wäre gar nicht auszudenken, wenn wir verlieren würden", schreibt Heinrich Himmlers Tochter in ihr Tagebuch. Die Himmlers waren eifrige Schreiber. (Doris Priesching, DER STANDARD, 18./19.10.2014)

  • "Papi glaubt so fest an den Sieg, es wäre gar nicht auszudenken, wenn wir  verlieren würden", schreibt Heinrich Himmlers  Tochter in ihr Tagebuch. Die Himmlers waren  eifrige Schreiber.
    foto: orf/realworks

    "Papi glaubt so fest an den Sieg, es wäre gar nicht auszudenken, wenn wir verlieren würden", schreibt Heinrich Himmlers Tochter in ihr Tagebuch. Die Himmlers waren eifrige Schreiber.

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