Geschichtsschnittstellen, Wendebruchstücke

17. Oktober 2014, 17:28
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Der Mauerfall 1989

Der Mauerfall in Berlin ist eines der symbolhaftesten Ereignisse 1989. Der Block des Ostens zeigte Risse. Die DDR schwankte. Für alle, die die UdSSR freiwillig oder unfreiwillig verlassen hatten, war das ein atemberaubender, unglaublicher Moment.

Immerhin hatte man seine Heimat verlassen, und mit ihr Verwandte, Freunde, Bekannte, schlichtweg einfach alles, das einem ab Geburt dort vertraut gewesen war – wenn auch manches verhasst. Man hatte diese gehassliebte Heimat verlassen in der absoluten Gewissheit, niemals mehr wieder zurückzukehren. Wer damals den Eisernen Vorhang querte, der tat es in dem Wissen, dass dieser Prozess unter keinen Umständen umzukehren war. Vergleichbar mit dem Überschreiten eines magischen Portals in eine andere Welt, das nur für diese kurze Zeitspanne geöffnet wurde.

Die UdSSR währte ja bekanntlich ewig und mit ihr das aufgezwungene Exil. Europa staunte, aber das Staunen war kindlicher und naiver als diese Grundfestenerschütterung der Exilierten. "Das kann nicht sein", raunten die Verwandten. "Das ist absolut unmöglich." Ein fliegender Superheld, die Landung der Außerirdischen hätte nicht unerwarteter sein können. Die alte Welt geriet aus den Fugen. Viele reisten nach Berlin, um das Epizentrum der wundersamen Wandlungen persönlich zu überprüfen. Die Vorstellungen, wie es hinter dem Vorhang wirklich sei, waren noch nebelhaft, wabernd, nicht festgelegt. Die Mauer wurde eine Erwartungszone, dann eine Begegnungszone, schließlich eine historische Zone.

Das Berührendste damals: wie sehr man hüben wie drüben bereit war, an das Gute im Menschen zu glauben. An das Beste. Mit offenen Armen aufeinander zu: die erste impulsive Reaktion. Abwehrhaltungen entwickelten sich erst später. Theater, Konzerte und Lesungen entlang der Mauerstrecke. Puppenspieler aus England, Musiker aus Italien, Straßenkünstler von überall her. Das Herausbrechen der bemalten Mauerstücke. Menschen, die ihre Füße von der Mauer baumeln ließen und miteinander anstießen.

Die ungläubigen Blicke. All die Hoffnungen, Wünsche, Missverständnisse und all das Versagen, die noch folgen sollten: Noch wussten wir es nicht. Aufgeregte Telefonate. Alles sei nun möglich. Alles war Trunkenheit und Euphorie. Alles war, durchaus vergleichbar mit einem europaweiten Orgasmus, auf einmal eins. Touristen mitbetrunken von fremder Befreiung. Checkpoint Charlie: obsolet. Der Todesstreifen vor der Mauer: überwunden. Man streifte durch eine Stadt voller Superhelden. Manchmal wünsche ich mir
dieses Berlin zurück. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 18./19.10.2014)

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