Über eine Kärntner Indianerkindheit

17. Oktober 2014, 17:18
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Er lebt! Josef Winklers neues Buch "Winnetou, Abel und ich" ist ein außergewöhnliches Dokument literarischer Rezeption und Sozialisation

Die Werke Karl Mays, einst im Zentrum der deutschsprachigen Populärliteratur, werden zunehmend zum kulturellen Geheimwissen älterer Bevölkerungsteile. Nur selten begegnet man unter anglistischen Erstsemestern einem, der einen Winnetou gelesen hat, und nur wenige haben die Filme mit Pierre Brice und Lex Barker gesehen.

Meine beiden Söhne haben kaum Mitschüler im Gymnasium, mit denen sie sich über Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi austauschen könnten. Das ist traurig, denn gerade die Romane, die im Osmanischen Reich spielen, könnten zur Diskussion über Bilder des Anderen anregen, über das, was als "Orientalismus" bezeichnet wird und für das Verstehen unserer multiethnischen Gesellschaften zentral ist. Und auch wenn Jüngere May nicht mehr so intensiv lesen wie früher, leben nachfolgende Generationen weiterhin mit den Langzeitwirkungen der verschiedenen "Reiseerzählungen", die für das Imaginäre unserer Kultur bestimmend bleiben.

Josef Winklers gattungsloses neues Buch Winnetou, Abel und ich ist Ausdruck dieser Wirkung. Schon lange wusste man um die Bedeutung von Karl May bei Winklers Aus(t)ritt aus der bäuerlich-dörflichen Sprachlosigkeit. Schon die in der Trilogie Das wilde Kärnten versammelten Romane verweisen darauf. Die Selbstanalyse Winklers im vorliegenden Band ist ein außergewöhnliches Dokument literarischer Rezeption und Sozialisation.

Im autobiografischen Hauptteil des Buches begegnen wir wieder dem harten Vater, der sprachlosen Mutter und dem kainartigen Bruder, dem "nach Stall riechenden Hoferben und zukünftigen Ackermann". Die Mischung aus reaktionärem Katholizismus und ungebrochenen Traditionen der Hitlerzeit, überaus drastisch symbolisiert in der "Wehrmacht-Alcoso-Haarschneidemaschine Solingen", mit der der Vater "auf unseren Kinderköpfen eine Hitlerjungenfrisur zurechtschneiderte", ist bekannter Teil von Winklers Kärnten und seines Dorfs, das „von einem ganzen Reigen jugendlicher Selbstmörder heimgesucht“ wurde.

Aber gleichzeitig ist da auch Karl May, zunächst die Filme – Winnetou 1, der gemeinsam mit dem Lehrer und den (privilegierten) Lehrerkindern besucht wird – und dann die Bücher. May bietet dem literarisch heranwachsenden Winkler einen Weg zur Befreiung aus räumlicher und sprachlicher Beschränkung. Dabei, so zeigt sich wider Erwarten, waren die Eltern – sowohl die Mutter, die verkündet, es gäbe kein Geld für Bücher, als auch der Vater "mit seinem von Wind, Wetter und Sonne gebräunten, spitzen Teufelsgesicht" – keine Hindernisse. Der "Tate" finanziert, nach langem Betteln des Sohnes, den ersten Kinobesuch und die "Mame" toleriert zumindest die sich vermindernden Beträge in ihrer dem jungen Winkler zugänglichen Lederbrieftasche.

Die Sehnsucht nach der Welt ist sicherlich ein bedeutender Teil von Winklers starker "Gier nach Karl-May-Büchern". Aber für seine "Kärntner Indianerkindheit" bot May auch Identifikationsmöglichkeiten, vom Tod Winnetous und seiner Schwester, die er mit seiner eigenen Gefährdung und Marginalisierung gleichsetzen konnte, bis hin zur (homoerotisch gefärbten) Freundschaft zwischen dem weißen und dem roten Helden, nach der er sich sehnen mochte.

Dokumente dafür bietet der Rest des Bandes, der nicht nur die "mystisch-christlich-homoerotischen Deckblattbilder" von Sascha Schneider enthält, sondern auch Nacherzählungen der drei Winnetou-Bände und des Romans Weihnacht. Zunächst glaubt man sich mit Collagen aus den Highlights der Romane konfrontiert, die der lesefaulen Gegenwart die Lektüre der Schmöker erspart. Doch durch die Substitution des Ich-Erzählers Charlih / Old Shatterhand durch einen Erzähler in der dritten Person wird die generationenübergreifende, kulturrelevante Identifikation zwischen (jugendlichem) Leser und dem "Westmann" gestört. Dieser nun befreite Winkler’sche Erzähler sagt Dinge, die man bei May dann doch nicht lesen würde: "Winnetou umarmte und küßte Old Shatterhand, schwang sich auf sein Pferd und ritt, gefolgt von einer Anzahl Apachen, zum Rio Pecos hinunter."

Genauso wenig hätte Winnetou von der sehr europäisch-sozial demokratisch klingenden "Weiterbildung" Nschotschis in den Städten des Ostens gesprochen, auch wenn er bereit gewesen war, die Studiengebühren dafür in einem Pensionat für höhere Töchter zu zahlen, um sie seinem weißen Bruder zivilisierter und damit schmackhafter zu machen.

Was sich in diesen raffinierten Nach- und Neuerzählungen für den, der sich die Mühe macht, diese Texte vergleichend nachzuprüfen – ein durchaus vergnügliches Unterfangen – ergibt, ist eine Verfremdung, die den Leser Mays und dessen Reaktionen (in diesem Fall repräsentiert durch den Autor Winkler) in den Mittelpunkt stellt und damit der gewaltigen Kraft dieses Autors in unserer Kultur nachspürt. (Walter Grünzweig, Album, DER STANDARD, 18./19.10.2014)

Josef Winkler, Winnetou, Abel und ich. € 10,30 / 142 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2014.

Hinweis: Josef Winkler liest am 23. 10. um 20 Uhr im Grazer Literaturhaus aus dem besprochenen Band.

  • Raffinierte Nach- und Neuerzählung: Josef Winkler.
    foto: heribert corn

    Raffinierte Nach- und Neuerzählung: Josef Winkler.

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