Das große Fressen in noch größerer Leere

17. Oktober 2014, 17:21
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Das Beste kommt zum Schluss: Bei Boris Charmatz versuchen Tänzer vergeblich, ihre Lust zu entdecken, Ann Liv Young zeigt eine satirisch überzeichnete "Elektra" - zwei brillante neue Arbeiten beim ausklingenden Steirischen Herbst

Graz - Gegessen wird nicht nur, um den Hunger zu stillen. Sondern etwa auch gegen eine innere Leere oder zur Beruhigung, und gegen Angst. In seinem neuen Stück manger, das zurzeit beim Steirischen Herbst in der Grazer Helmut-List-Halle zu sehen ist, verarbeitet der herausragende französische Choreograf Boris Charmatz die Metapher des Essens.

Eine Stunde lang schlagen sich seine 14 Tänzerinnen und Tänzer die Mägen voll - aber nicht mit normalen Lebensmitteln, sondern mit leeren weißen Oblaten-Blättern, die wie echtes Papier aussehen. Gleich zu Beginn, wenn die Gruppe noch dasteht und versonnen an dem Esspapier knabbert, beginnen die Kauenden zu singen und sich dabei zu verbiegen, zu krümmen. Singend und immer gieriger mampfend scheinen ihre Körper zu schmelzen und zu Boden zu fließen. Dabei mutiert der Gesang in stoßartiges Stöhnen.

Aus der Gleichzeitigkeit des Zusichnehmens und Vonsichgebens entsteht eine kalte Ausschweifung. Die Stimmen geben Kakofonien von sich, während das blanke Papier als leerer Informationsträger verschlungen wird: Das Medium wird zur Mahlzeit, zur Droge, die Gruppe versinkt in ein "großes Fressen".

Der Gedanke an Marco Ferreris meisterhaften Film mit diesem Titel liegt auf der Hand. Auch da wird die innere Leere der Protagonisten zugevöllert - mit erlesensten Köstlichkeiten und dem Tod als Digestif.

Bei manger dagegen gibt es ein Open End und ausschließlich die fade Oblate. Vergebens suchen die Tänzer an ihren Körpern ein wenig Lust zu erlecken. Alle Wünsche, Freuden und Hoffnungen scheinen zu verschwinden. Aus der Kakofonie der Stimmen schält sich ein chorisches Skandieren wie bei einer Demonstration. Doch auch das bleibt fern, so wie einige sexuelle Bewegungen ins Leere laufen und auch das Lecken des Bodens nicht weiterhilft.

Charmatz stellt da eine choreografische Dystopie des Sozialen in einer äußerst entleerten Gesellschaft auf die Bühne. Am Ende wird das Publikum angeleuchtet, wie um anzudeuten: Diese Leere blüht uns allen. Ganz ähnlich sind bei Ann Liv Youngs Uraufführung Elektra im Dom im Berg Tänzer und Zuschauer durch eine Lichtsituation verbunden. Hier ist es allerdings ein morbides Orange, das alle Gesichter anhaltend steingrau erscheinen lässt.

Ferkelchen im Sand

Wenn sich die für ihre exzessiven Performances bekannte US-Amerikanerin eines so blutrünstigen Stoffs annimmt, wird es, möchte man meinen, für alle Anwesenden ernst. Aber was geschieht stattdessen? Ein entzückendes Ferkelchen wühlt, kaum nervös, aber desto vergnügter, im Sand. Dazu bauen sich Elektra, ihre Schwester Chrysothemis und Klytaimnestra, die Frau Mama, demonstrativ grimmig auf.

Zur Verdeutlichung schiebt Young auch noch die Schnulze Dance with my father von Luther Vandross nach: Sie wird live gesungen und bezieht sie sich auf den ermordeten Agamemnon. Fröhlich wedelt das Schweinchen mit seinem Schwänzchen eine - zusammen mit der New Yorker Regisseurin Annie Dorsen entwickelte - "Elektra"-Interpretation herbei, die mit Popkultur-Elementen und satirischen Überzeichnungen dem Sophokles-Stoff neue Ebenen entlockt.

Die Frage ist nicht mehr, ob sich die Elektra als Stoff für die Gegenwart eignet, sondern eher, ob das - wie bei Charmatz dargestellt - verblassende Heute einem Stoff wie dem der Elektra überhaupt noch gerecht werden kann. Young zeigt: Es geht.

Ein Sturm kommt auf. Mutter und Töchter werden von den Lüften gezaust und brummen in grauser Verlangsamung "You're the one that I want". Ein Schwert dringt in Zeus' Herz. Das Herz: ein Kohlkopf. Orest ist ein Tarzan. Er macht Klytaimnestra am Ende tot. "The piece is over", sagt Chrysothemis dann noch. Und: "God bless America."

Am Freitag zog die Intendantin des Steirischen Herbstes, Veronica Kaup-Hasler, bei einer Pressekonferenz bereits Bilanz: Mit rund 50.000 Besuchern noch vor dem letzten Festival-Wochenende sei sie sehr zufrieden. Die Auslastung der szenischen Produktionen und Konzerte lag bei über 90 Prozent. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 18.10.2014)

Beide Stücke noch bis Samstag.

  • Der Hunger wäre da, aber die Mahlzeit bleibt unbefriedigend: In Boris Charmatz' "manger" bleiben nicht nur die Mägen leer.
    foto: wsilveri

    Der Hunger wäre da, aber die Mahlzeit bleibt unbefriedigend: In Boris Charmatz' "manger" bleiben nicht nur die Mägen leer.

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