Glücklicher falscher Moment für Peking-Besuch 

18. Oktober 2014, 09:00
6 Postings

Eine 120-köpfige österreichische Delegation aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft besucht in diesen Tagen China.

Ein guter Teil der Bundesregierung schickt sich an, Peking zu erkunden. Was tun Chinas höchste Funktionäre von Partei und Regierung? Sie gehen in Deckung, verstecken sich. Natürlich nicht vor der Invasion aus Wien, sondern weil sie sich ausgerechnet zum gleichen Zeitpunkt zu ihrem Sonderparteitag versammeln.

Das unglückliche Zusammentreffen brachte Wien nicht von den Reiseplänen ab. Am Wochenende fliegen vier Delegationen zur größten Chinareise seit dem Konflikt 2012 über den Dalai-Lama-Besuch. Mit von der Partie sind Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, Außenminister Sebastian Kurz, Agrarminister Andrä Rupprechter und Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl. Sie führen eine 120-köpfige Wirtschafts- und Wissenschaftsdelegation an.

Doch sobald die Österreicher aus Anlass von 50 Jahren Kooperation beider Wirtschaftskammern eintreffen, ziehen sich die Chinesen zurück. Rund 400 ihrer mächtigsten Männer und Frauen versammeln sich zur geheimen ZK-Klausur. Sie beraten unter Parteichef Xi Jinping vom 20. bis 23. Oktober, wie sie ihre Wirtschaftsreformen durch mehr Rechtsstaat absichern und wie weit sie dabei gehen können.

Eigentlich für niemanden zu sprechen

Erst Ende September gab die Partei den Termin für ihre Sitzung bekannt, während der die Spitzenfunktionäre eigentlich für niemanden zu sprechen sind. Daraufhin wurden mehrere Peking-Besuche gestrichen: Man verschob die Visite des bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und jenen des EU-Agrarkommissars.

Nur die seit Frühsommer planenden Österreicher blieben stur. Und genau das könnte nun sein Gutes haben. Nicht nur die Österreicher bemühen sich, das Beste aus der Lage zu machen. Auch Peking scheint mitzuspielen: Immer mehr hochrangige Termine dürften zustandekommen, erfuhr der Standard. Mitterlehner soll etwa Vizepremier Wang Yang treffen können, Kurz seinen Amtskollegen Wang Yi und Rupprechter die Pekinger Fachminister.

"Sai ba si di an - ku er ci"

In der Online-Community hat der 28-jährige Kurz ein positives Image. In der patriarchalischen Volksrepublik muss man schon doppelt so alt sein, um Außenminister werden zu können. Wang Yi (61) ist der richtige Ansprechpartner für ihn, wenn es um Antworten zur Positionierung Chinas in der Ukraine-Frage, um Pekings Spagat zwischen der EU und Russland und die asiatische Sicherheitsarchitektur geht. Und auch bei der Menschenrechtsfrage: Peking weiß, dass Kurz - in komplizierter Transkription "Sai ba si di an - ku er ci" - auch Integrationsminister ist.

Für Wien ergibt sich die Chance, aus dem politischen Leerlauf direkt in einen fliegenden Start überzugehen. Peking sieht das offenbar auch so. Vor allem würden die Österreicher offene Türen finden, weil die wirtschaftlichen Beziehungen florieren, schreiben Blätter wie Business News.

Solche Signale helfen auch, den unglücklichen Zeitpunkt zu überwinden. "Anfangs waren die Vorbereitungen angesichts der Ungewissheiten ein Horror," gesteht der WKO-Wirtschaftsdelegierte in Peking Martin Glatz ein. "Wir sind jetzt viel positiver gestimmt."

Erkundung des Marktes

2014 wird der beiderseitige Handel erstmals auf mehr als zehn Milliarden Euro klettern und sich so innerhalb von zehn Jahren vervierfacht haben. Österreichs Exporte konnten 2014 bisher um 10,9 Prozent zulegen - auf fast zwei Milliarden Euro. Die Importe stiegen um 4,4 Prozent auf als 3,9 Milliarden Euro.

Bei Importen ist China der viertgrößter Handelspartner, bei Exporten ist es erstmals Top Ten und verdrängte Russland.

Immer mehr hochspezialisierte Unternehmen würden sich für China interessieren; und die Hälfte der Firmen in der Wirtschaftsdelegation sind erstmals dabei, sagt Glatz. Sie wollen China als neuen Markt erkunden. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 18.10.2014)

  • Auch wenn in Peking die chinesische KP hinter verschlossenen Türen tagt,  so wird man sich doch Zeit für die Gäste aus Österreich nehmen.
    foto: reuters / petar kujundzic

    Auch wenn in Peking die chinesische KP hinter verschlossenen Türen tagt, so wird man sich doch Zeit für die Gäste aus Österreich nehmen.

Share if you care.