Der böse Uncle Sam

Kommentar der anderen17. Oktober 2014, 17:09
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Immer gegen die Amis? Anti-Ismen entspringen einer Mischung aus politischem Kalkül und mentaler Schieflage, in der Minderwertigkeitsgefühle und Neid stecken. Ein Vorschlag zur Entsorgung des Antiamerikanismus

Seit Wladimir Putins neoimperialistischer Politik polarisiert sich die europäische und globale Konstellation in einer Weise, die manche Beobachter an den Kalten Krieg erinnert. Mit dem Konflikt zwischen Westen und postkommunistischem Russland sowie den Tragödien im Nahen Osten wird ein altes Gespenst reaktiviert: der Antiamerikanismus. Die neutralistische Rhetorik hierzulande verstärkt einen Impuls, den es in ganz Europa gibt. Wenn man einmal von Wirtschaftsinteressen von Strabag und OMV absieht, dann ist dieses antiamerikanische Ressentiment hierzulande ein Remake aus dem Kalten Krieg und der stürmischen Zeit nach 1968: keine Demonstration damals in Europa, die nicht gegen den großen Bruder jenseits des Atlantiks gerichtet war.

Diese aggressive Kritik ist, wie auch im Falle Israels, nicht eine, die einer Besorgtheit entspringt, die auch dem Gegenüber gilt, vielmehr markiert sie dieses als prinzipiell bedrohlich. Jede Anklage begründet, warum man sich tendenziell feindlich gegenüber dem Andern verhält, seien das Andere nun die USA, Israel oder die EU. Die Übergänge im europäischen Rechts- wie Linkspopulismus sind fließend. Neutralität, eine militärische und diplomatische Konstellation, wird dabei als politisch-ethische Indifferenz missverstanden.

Wie ein Pawlow'scher Reflex

Mit Antiamerikanismus meine ich selbstredend nicht, dass man nicht fragwürdige politische Entscheidungen, problematische Schieflagen und Entwicklungen kritisch kommentieren darf. Antiamerikanismus ist ein penetrantes, reflexartiges und identitätsstiftendes Feindbild, das so automatisch wirksam ist wie ein Pawlow'scher Reflex, bei dem die US-Gesellschaft und -Politik als geldgieriges und zugleich rückständiges Entenhausen erscheinen, das die Welt spinnenartig mit einem Geheimdienstnetz überzieht. Insofern ist es nicht weiter erstaunlich, dass Putins Lügen, an die er wohl weniger glaubt als seine Versteher im Westen, offene Ohren finden. Die Amerikaner und ihre Geheimdienste erscheinen nun als jene böse Macht, die sich zusammen mit finsteren Gruppen in der Ukraine gegen Russland verschworen haben.

Feindbilder sagen über deren Konstrukteure mehr aus als über die fremde Kultur. Das wird im Falle des Antiamerikanismus schlaglichtartig sichtbar, wenn man in Rechnung stellt, dass es das Phänomen umgekehrt, den Antieuropäismus, von einigen Animositäten der Bush-Administration angesichts der fatalen Kriegsentscheidung gegen Saddam Hussein abgesehen, nicht gibt. Was den Antiamerikanismus so erstaunlich macht, ist die Allgegenwart der US-Kultur in nahezu allen europäischen Ländern, in der Sprache, in der Popularkultur, in der Esskultur. Ganz offenkundig übt das ungeliebte kapitalistische US-Amerika eine große Anziehungskraft aus, etwas, das ganz ohne amerikanische Übermacht, Militär, Finanzkapital und Geheimdienste vonstattengeht.

Der Antiamerikanismus ist, wie fast jeder Anti-Ismus, eine Mischung aus politischem Kalkül und mentaler Schieflage, in der etwas von Neid und Minderwertigkeitsgefühl steckt. Er funktioniert als Ausrede und als Sündenbock- Mechanismus. Niemand schränkt die Europäer ein, eigenständige Politik im Nahen Osten zu verfolgen, niemand hindert uns daran, marktkapitalistische Vergesellschaftung sozial und ökologisch zu modifizieren und zu transformieren. Niemand verbietet uns, das europäische Savoir-vivre dem US-amerikanischen vorzuziehen. Was uns davon abhält, das ist die verfestigte strukturelle Abneigung gegen das angeblich übermächtige Amerika, in der wir es uns gemütlich eingerichtet haben: Amerika wird zur Ausrede, nichts zu ändern und an dem liebgewordenen Ressentiment festzuhalten. Weil die EU nicht als ein geschlossenes Subjekt zu handeln imstande ist, verschiebt sie die Verantwortung auf die USA: Das war in Bosnien und im Kosovo nicht anders als heute in kurdischen Regionen des Nahen Osten. Oder in der Ukraine.

Wenn wir seit dem Vietnamkrieg gerne mit dem Finger auf Amerika zeigen, dann vielleicht auch, weil viele ehemalige imperiale und koloniale Mächte nicht an ihre eigenen zum Teil ungeheuren kolonialen Verbrechen rühren möchten. Immerhin hat es in der US-Gesellschaft tiefgreifende Debatten über die Kriege in Südostasien gegeben, mir ist nicht bekannt, dass das postkommunistische Russland sich im gleichen Maße seinen dunklen Seiten zugewandt hätte, zu denen auch das Aushungern des ukrainischen "Brudervolkes" unter Stalin gehört.

Dass das "neutrale" Österreich sich in einer Mittellage zwischen Obamas Amerika und Putins Russland befindet, ist eine unfromme Selbsttäuschung. Die Zweite Republik verdankt den USA viel, demokratische Strukturen, effiziente Wirtschaftshilfe (statt Reparationszahlungen), Jazz und Popmusik, und ein gerütteltes Maß an Sicherheit. Ich weiß nicht recht, was wir Moskau verdanken, denn die hochkarätige russische Literatur z. B. ist ausnahmslos im Widerstand gegen den Totalitarismus entstanden.

Nachdem wir stets Negativseiten parat haben, Hedgefonds, Neoliberalismus, Todesstrafe und evangelikale Weiße, sollten wir probehalber die Tugenden Amerikas zur Kenntnis nehmen, die unblutige Revolution anno 1776, die Stabilität der demokratischen Einrichtungen, die alle ökonomischen und politischen Krisen überdauert haben, die Fähigkeit zu Aussöhnung und Selbstkorrektur sowie zur Umgestaltung der Gesellschaft, der Wille zur Überwindung des Rassismus und zur Gleichstellung der Geschlechter, die antihierarchische Dimension, der Erfindungsreichtum von friedlichen Formen politischer Unbotmäßigkeit. Viele Themen, die wir heute diskutieren, von der Ökologie bis zur Geschlechterpolitik, haben von der US-Gesellschaft ihren Ausgang genommen.

"Hässlicher Amerikaner"

Wir sollten den "hässlichen Amerikaner" nicht nur aus dem Bedürfnis nach Differenzierung entsorgen, sondern auch, weil er uns im Wege steht. Wenn wir die Tatsache akzeptierten, dass Amerika Partner und Konkurrent ist, dann wären wir eher imstande, uns dort abzugrenzen, wo es wirklich um unsere Interessen geht. In vielen Fällen, in der Ukraine oder in Nahost, haben wir sehr ähnliche Anliegen: das Insistieren auf dem Völkerrecht, das Verhindern von Genozid, Hilfe zur Selbsthilfe beim Aufbau moderner Zivilgesellschaften. Es ist legitim, von einer Welt ohne Vormacht zu träumen, aber ein demokratischer Hegemon ist allemal erträglicher als eine postmoderne Tyrannis. (Wolfgang Müller-Funk, DER STANDARD, 18.10.2014)

Wolfgang Müller-Funk ist Professor für Kulturwissenschaften an der Uni Wien. Im Oktober erscheint eine Auswahl von Aufsätzen und Kommentaren unter dem Titel "Jenseits von Resignation und Nostalgie" bei Sonderzahl.

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