Putin und der fallende Ölpreis

Kolumne17. Oktober 2014, 17:12
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In der Weltsicht der Putinisten stecken hinter den wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Amerikaner

Putin und die Seinen zeigen Wirkung: Der Chef selbst bezichtigte vor kurzem den amerikanischen Präsidenten Obama wegen der Sanktionen der "Erpressung".

Unmittelbar danach gab Putins Chef des nationalen Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew, der regierungsnahen Zeitung Rossijskaja Gaseta ein Interview, in dem er die USA beschuldigte, den Zusammenbruch der UdSSR Mitte der Achtzigerjahre durch ein Komplott zwischen Ronald Reagan und Saudi-Arabien verursacht zu haben, mit dem der Ölpreis nach unten getrieben worden sei.

Fast gleichzeitig veröffentlichte der offizielle Thinktank Russisches Institut für Strategische Studien (RISS) eine Analyse, die sich erstens die Verschwörungstheorie über die Ursache des Untergangs des Sowjetimperiums zu eigen macht und zweitens behauptet, dass derlei wieder im Gange sei. Obama und die Saudis hätten sich verschworen, den Ölpreis nach unten zu treiben, um "Wladimir Putin durch eine für den Westen annehmbare Figur aus dem heutigen politischen Establishment Russlands zu ersetzen" (zitiert nach: FAZ).

Verifizierbar daran ist zunächst, dass der Ölpreis tatsächlich gefallen ist - von etwa 110 auf 83 Dollar pro Barrel; und dass dies die russische Wirtschafts- und Budgetplanung gewaltig durcheinanderbringt. Russland bezieht etwa 50 Prozent seiner Staatseinnahmen aus der Öl- und Gasförderung.

Ob die Sowjetunion wirklich wegen des verfallenden Ölpreises und aufgrund einer US-Strategie zusammengebrochen ist? Wer damals die UdSSR bereiste, musste zu dem Schluss kommen, dass ein derart aberwitziges Wirtschaftssystem auf keinen Fall von Dauer sein konnte. Der Absturz des Ölpreises, ob bewusst herbeigeführt oder eine Folge des Marktes, mag den letzten Anstoß gegeben haben.

Ob man Präsident Obama zutraut, heute einen Plan von solcher Tragweite zu entwerfen und strategisch umzusetzen, ist eine Frage, wie man seine Leadership bewertet. Aber die Realität ist jedenfalls, dass der Ölpreis fällt - wegen des schwachen Wirtschaftswachstums weltweit, weil die Saudis die Produktion eher ausweiten - und weil die USA durch Fracking bei Öl und Gas ihre Importabhängigkeit drastisch verringern.

In der Weltsicht der Putinisten stecken jedenfalls hinter den wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Amerikaner - wie, laut Patruschew, hinter praktisch allen Fehlleistungen der UdSSR und Russlands seit Anbeginn.

Dass Putin die Jahre hoher Ölpreise (die einen Wohlstandszuwachs für viele Russen brachten) nicht genutzt hat, um die russische Wirtschaft zu diversifizieren; dass die Sanktionen eine Reaktion des Westens auf die Aggression gegen die Ukraine sind (so wie die Gründung der Nato eine Reaktion auf Stalins Unterwerfung Osteuropas war); das ist für die putinistische Mentalität unbegreiflich. Eine tragische Realitätsverweigerung wie in der alten Sowjetunion. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 18.10.2014)

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