NS-Stollen: Licht auf die dunkle Seite des Bergkristalls 

17. Oktober 2014, 17:32
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Bei der Suche um das NS-Rüstungsprojekt "Bergkristall" haben Forscher Belege für eine größere Anlage gefunden

Linz – Andreas Sulzer ist die Aufregung deutlich anzusehen. Zwischen Rehbeuschel und Weißbier breitet der oberösterreichische Filmemacher am Tisch in der "Marktstub'n zu St. Georgen" seine jüngsten Recherche-Ergebnisse aus. Seit mehr als vier Jahren durchforstet Sulzer in mühsamer Kleinarbeit deutsche, russische und amerikanischen Archive. Mit einem Ziel: das Geheimnis um das einst größte NS-Bauwerk Österreichs zu lüften. Jetzt scheint der Filmemacher diesem Ziel einen entscheidenden Schritt nähergekommen zu sein.

Neues Atom-Gutachten

Bestätigt sieht Sulzer nämlich seine These, dass "Bergkristall" deutlich größer als die bislang bekannte Stollenanlage ist. Beweis dafür soll jetzt ein – in Zusammenarbeit mit einem Team rund um den Grazer Historiker Stefan Karner – entdecktes und bislang unter Verschluss gehaltenes Gutachten der "Studiengesellschaft für Atomenergie GmbH" aus dem Jahr 1968 sein. Gesucht wurde damals ein mögliches Endlager für radioaktives Material, die ehemaligen NS-Stollen schienen ideal.

Und tatsächlich offenbart die – dem Standard vorliegende – Expertise durchaus Erstaunliches: "... die Stollen sind in zwei übereinander liegenden Etagen angelegt" heißt es etwa in dem Gutachten. Bislang ist das Stollen-System in den offiziellen Unterlagen als eingeschossig kartiert. Die angebliche zweite Ebene ist in dem behördlichen Schreiben mit entsprechend großem Ausmaß festgehalten: 100.000 Kubikmeter Betonstollen (teilweise bis zu acht Meter hoch) und 200.000 Kubikmeter Sandstollen.

Zweite Stollenebene

Dem Gutachten sind auch zwei detaillierte Pläne der gesamten Stollenanlage beigefügt. Auch darauf ist sind deutlich zwei unterschiedliche Ebenen ersichtlich. Für Sulzer ist damit der Beweis erbracht, dass in St. Georgen noch einiges im Dunklen liegt: "Schon die geoelektrische Sondierung des Geländes hat gezeigt, dass Hohlräume vorhanden sind. Jetzt liegen konkrete Pläne vor und das Gutachten lässt den Schluss zu, dass die unbekannten Stollen 1968 auch begangen wurden."

Warum dann aber mehrere – zuletzt im Februar – von der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) finanzierte Bohrungen allesamt ergebnislos verlaufen sind? Sulzer: "Man hat an den falschen Stellen gebohrt." Und St. Georgens Bürgermeister Erich Wahl setzt nach: "Es gibt den begründeten Verdacht, dass die BIG dazu neigt, Dinge klein zu reden."

Was man so vonseiten der BIG nicht stehen lassen will. "Selbstverständlich hat die BIG großes Interesse an der Aufklärung, ob weitere unterirdische Stollensysteme existieren. Wir sind allen Hinweisen nachgegangen. Das werden wir auch in Zukunft tun. Bis dato hat aber nichts einer kritischen Überprüfung standgehalten", betont Sprecher Ernst Eichinger im Gespräch mit dem Standard.

Beim Land Oberösterreich hat die jüngste Entwicklung rund um die "Bergkristall"-Stollen für entsprechende Unruhe gesorgt. Anders lässt sich sonst nicht erklären, warum umgehend eine Expertengremium – darunter Historiker Bertrand Perz, Stollenspezialisten, Geologen, Vertreter der BIG und des Landes – einberufen wurde. Bereits am 5. November findet der erste runde Tisch unter der Federführung von Bezirkshauptmann Werner Kreisl in der BH Perg statt.

Zur Sicherheit Beton

Unter dem Decknamen "B8 Bergkristall" mussten Häftlinge der beiden angrenzenden KZ-Lager Gusen I und Gusen II in nur 13 Monaten Bauzeit ein unterirdisches Flugzeugwerk für die Großserienproduktion von Messerschmitt-Me-262-Düsenjagdflugzeugen errichten. In dem KZ waren 71.000 Menschen interniert, mehr als die Hälfte kam zu Tode. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 17.10.2014)

  • Unternehmen "Bergkristall" bedeutete für zigtausende KZ-Häftlinge den Tod. Mit Kriegsende zog unter Tage eine Champignon-Zucht ein, über Tage baute man auf dem einstigen Lagergelände Wohnhäuser.Foto: BIG/Helga Loidold

    Unternehmen "Bergkristall" bedeutete für zigtausende KZ-Häftlinge den Tod. Mit Kriegsende zog unter Tage eine Champignon-Zucht ein, über Tage baute man auf dem einstigen Lagergelände Wohnhäuser.

    Foto: BIG/Helga Loidold

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