Prozess in Wien: Taxler mit Fingerbruch

18. Oktober 2014, 12:00
24 Postings

Ein rabiater Fahrgast soll einen Wiener Taxilenker in beide Hände gebissen und ihm dabei zwei Finger gebrochen haben. Ein Fall mit Ungereimtheiten

Wien - Dietmar B. sagt zu Richter Michael Tolstiuk, die falsche Routenwahl des Chauffeurs habe dazu geführt, dass er am 18. September 2013 seine Taxifahrt mit Bahri A. abrupt beendet hat. Er sei damals aus dem Wagen gestiegen, habe sich geweigert, die 14,20 Euro Fuhrlohn zu zahlen und sei weggegangen. Ganz einfach.

Vor Gericht sitzt er mit einer Anklage wegen schwerer Körperverletzung (Strafdrohung bis zu drei Jahre Haft), da der Taxilenker eine ganz andere Geschichte erzählt. B. habe ihn grundlos ins Gesicht geschlagen und in beide Hände gebissen, sodass zwei Finger gebrochen wurden.

Eine Darstellung, die wiederum Verteidiger Normann Hofstätter nicht recht glauben mag, was er mit einigen Ungereimtheiten in medizinischen Befunden und polizeilichen Akten zu begründen versucht.

"War ein schlechter Tag"

Der 49-jährige Angeklagte kann recht wenig zur Wahrheitsfindung beitragen, außer dass es sicher zu keinen Handgreiflichkeiten gekommen ist. "Ich war müde, es war ein schlechter Tag, ich wollte nur noch heim", schildert er und deutet an, dass sein Alkoholpegel im Blut beträchtlich gewesen sei.

Daher interessiert sich Tolstiuk besonders für die Aussagen des Taxifahrers. Der kann sich recht detailliert erinnern. Er sei per Funk angefordert worden, der Fahrgast sei nüchtern gewesen.

Zu ersten Unstimmigkeiten sei es gekommen, als der Angeklagte im Auto rauchen wollte. Dann sei er über Ausländer hergezogen und habe schließlich aussteigen wollen. "Ich bin abgebogen, um anzuhalten, da hat er mir plötzlich mit der Faust unter das rechte Auge geschlagen."

Er habe sich verteidigen wollen, sagt der Zeuge, dabei habe ihn B. zuerst in die rechte Hand gebissen, wodurch zwei Finger brachen, und dann in die linke, wo ebenfalls eine blutende Wunde entstand.

Zwei blutige Hände

"Und wo sind Sie dann hin?", fragt Tolstiuk. "Sie haben zwei blutende Hände - sind Sie zur Polizei oder ins Spital gefahren?" Ist er nicht. "Ich habe mich mit Erfrischungstüchern abgewischt und die Hand verbunden."

Erst zwei Tage später sei er ins Krankenhaus gegangen, da seine E-Card nicht funktionierte, habe es schließlich fünf Tage gedauert, bis er die Diagnose Knochenbruch bekam und am folgenden Tag operiert wurde.

"Konnten Sie in der Zeit arbeiten?", interessiert den Richter. "Ich hätte lenken können, wenn ich gewollt hätte, aber es hat wehgetan. Ich war im Krankenstand", lautet die Antwort. Dort blieb er zwei Monate lang.

Anzeige fünf Tage später

Hier hakt Verteidiger Hofstätter ein. Denn erst fünf Tage später erstattete der Zeuge Anzeige. Um fünf Uhr morgens kam er in die Polizeiinspektion. Und dort hielt ein Beamter in einem Amtsvermerk fest, dass der Lenker erklärt habe, er sei müde und komme gerade von der Arbeit.

Der Zeuge widerspricht: "Ich habe gesagt, dass ich schlaflos bin, da ich generell immer Nachtschichten fahre, aber nicht an diesem Tag", behauptet er.

Der Polizist wiederum kann sich noch recht genau an das Gespräch erinnern und bleibt dabei, dass sein Amtsvermerk korrekt sei. Ein weiterer Beamter sei dabei gewesen.

Interessant auch, dass er auch sagt, das angebliche Opfer habe sich durchaus auf Deutsch verständlich ausdrücken können, sonst hätte der Sachverhalt gar nicht so genau aufgenommen werden können. Vor Gericht ist allerdings ein Dolmetscher nötig.

Andere Version im Spital

Dieser Umstand spielt auch eine Rolle bei den Krankenakten. Nach seinem ersten Besuch findet sich dort, dass er gesagt habe, er sei von Fahrgästen attackiert worden. Am nächsten Tag, als er operiert wurde, findet sich plötzlich die Information, er habe sich bei einem Sturz verletzt.

"Wo kommt das plötzlich her?", fragt die medizinische Sachverständige Elisabeth Friedrich. "Das höre ich jetzt zum ersten Mal", sagt der Zeuge. Er habe aber auch im Krankenhaus deutsch gesprochen.

Richter Tolstiuk will die Sache penibel klären. Er will den zweiten Polizisten als Zeugen vernehmen, die in der Inspektion aufgenommenen Farbfotos der Verletzung sehen und von der Taxifirma wissen, ob und wie lange der Lenker im Krankenstand war. Daher vertagt er auf Dezember. (Michael Möseneder, derStandard.at, 18.10.2014)

Share if you care.