Kehlmanns Klasse

17. Oktober 2014, 17:58
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Klassenzimmer. In den Bänken Dichterinnen und Dichter verschiedener Epochen

(Klassenzimmer. In den Bänken Dichterinnen und Dichter verschiedener Epochen. Zwischen ihnen auf und ab gehend, ein Notizbuch in Händen, Kehlmann.)

KEHLMANN: Ian?

(McEwan erhebt sich.)

KEHLMANN: Eine Frage, Ian... Es gibt bei deinen Romanen oft den Moment, wo man sich fragt: Bleibt das jetzt klassische Moderne?

McEWAN (nickt)

KEHLMANN: Aber dann greift der Plot, und es gibt eine Wendung ins Realistische, in die Tatsächlichkeit der Gefahr, wie es sie zum Beispiel bei Virginia Woolf oder Proust nicht gäbe. Ist der Plot deine Möglichkeit, dem zu entkommen, was du einmal "die schwere Hand des Modernismus" genannt hast?

McEWAN: Die kurze Antwort ist: Ja. Aber es ist nicht so einfach. Ich bin weniger an einem formellen Experiment als vielmehr am Narrativ interessiert und daran, wie unsere Gedankenwelt sich ändert, wie wir vom 20. ins 21. Jahrhundert gleiten. Ich absorbiere alles, was Proust und Joyce uns schon vorgeführt haben, aber ich gönne mir auch den Luxus, mich nach Balzac, Jane Austen, Dickens, Tolstoi zu richten, die das alles wunderbar vorgelebt haben.

KEHLMANN: Dieses Narrativ... Könntest du das bitte etwas genauer - (Gekicher. Ein Zettel ist von den anderen Dichtern unter den Bänken weitergereicht worden. Kehlmann hat es bemerkt, und nimmt ihn Proust, der ihn eben lächelnd liest, aus der Hand.)

KEHLMANN (liest vor): "Ian ist ein alter Angeber." (Zu Proust:) Findest du das lustig, Marcel?

PROUST (bockig): Ist doch wahr ...

JOYCE: Genau! Der soll selber denken, nicht uns absorbieren!

BALZAC: Vorgelebt, ha! Das hätte der ja nie ausgehalten, mein Leben!

TOLSTOI: Selbst wenn! Sowas wie "Krieg und Frieden" würde er doch nie zusammenbringen!

KEHLMANN: Findest du das nicht ein wenig überheblich, Leo? Du weißt, ich schätze "Krieg und Frieden", ich habe das auch immer wieder betont, trotzdem täte es dir nicht schaden, wenn du ein bisschen mitarbeitest, wenn wir über das Narrativ sprechen. Können wir jetzt weitermachen?

MANN (zeigt fingerschnippend auf)

KEHLMANN: Was gibt es, Thomas?

MANN: Bitt' hinaus.

KEHLMANN: Kann das nicht bis zur Pause warten?

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 18./19.10.2014)

Material: "McEwan im Gespräch mit Kehlmann: 'Eine Art rhetorische Yogaposition'" - Der Standard, 3. 10. 2014

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