Eder: "Irgendwann ist das Ende absehbar"

Interview20. Oktober 2014, 05:30
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Die Voestalpine investiert massiv außerhalb Europas. Vorstandschef Eder glaubt nicht daran, dass Forschung und Entwicklung ohne Stahlerzeugung in Europa zu halten sind

STANDARD: Sie sind neuerdings Weltstahlpräsident und kommen damit wohl der heimischen Politik als pointierter Kritiker abhanden. Sind Sie zuversichtlich für Ihre Branche, wenn Sie das Bekenntnis der EU-Politik zur Industrie in Europa hören?

Wolfgang Eder: Aus der Vergangenheit wissen wir, dass Ansagen im Vorfeld von wichtigen Politereignissen – und der Rat am 23./24. Oktober ist so etwas – meist taktisches Geplänkel sind. Ich hoffe, dass es bei der Frage der Emissionsreduktion eine sachliche Basis für die Entscheidung gibt, die eine ausgewogene Betrachtung von Wachstum, Beschäftigung und Umweltschutz berücksichtigt, damit die Industrie eine Zukunft erhält.

STANDARD: Sie sprechen von der bevorstehenden EU-Entscheidung über höhere Klima- und Umweltziele für Europa. Lassen Sie uns zur Klima- und Umweltpolitik später kommen. Sie reisen demnächst zur Roadshow in die USA. Voestalpine investiert dort mehr als eine halbe Milliarde Euro. Was macht die USA derzeit zu einem besseren Standort?

Eder: Das ist leicht erklärbar. Wir verabschieden jetzt Jahr für Jahr aufgrund immer schwierigerer Rahmenbedingungen in Europa neue Kostenoptimierungs- und Effizienzsteigerungsprogramme, mit denen wir zunehmend an Grenzen stoßen. In den USA gibt es dagegen unabhängig vom herrschenden politischen Mainstream ein klares positives Statement zur Wirtschaft. Wer immer dort am Ruder ist, wird nichts unternehmen, was der Wirtschaft maßgeblich schadet.

In Europa passiert aber genau das. Es gibt einen massiven Zug der Industrie in Richtung USA, weil es dort langfristig kalkulierbare Rahmenbedingungen gibt, und das, obwohl es gleichzeitig im Gegensatz zu Europa sicher ein schwierigeres Umfeld gibt, was die Qualifikation der Menschen betrifft. Wir wissen auch genau, was wir an unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen haben. Das ist Engagement, Wissen, eine immer noch gute Ausbildung. Das alleine lässt uns aber auf Dauer nicht überleben. Was ich erheblich kostengünstiger im Ausland machen kann, muss ich also – letztlich, um das, was wir in Österreich heute haben, abzusichern –auch dort machen. Das ist der Grund, warum wir in Texas das Werk bauen.

STANDARD: Da muss man aber auch die Kirche im Dorf lassen. Die Industrie ist immer schon dorthin gewandert ist, wo auch Kunden sitzen.

Eder: Die Industrie wandert nach China oder in die USA. Wir gehen sogar nach Südafrika, weil dort wichtige Kunden sitzen. Solange das global gesehen in der Balance bleibt und Europa seine Fertigung und die Innovationszentren behält, spricht überhaupt nichts dagegen. Aber es ist eine Illusion zu glauben, dass man Forschung und Entwicklung von der Produktion abkoppeln und nur sie in Europa behalten kann. Die Basischemie etwa ist in Europa kaum mehr existent.

Da wurde in den letzten zehn Jahren fast nur noch in China und in den USA investiert – einschließlich Forschungs- und Entwicklungskapazitäten. Beim Stahl sind wir dort, wo die Chemie vor zehn, fünfzehn Jahren gewesen ist. Letztlich verlieren wir mit dieser Abwanderung auch Wissen, weil die jungen Menschen dorthin gehen, wo sie ihre Chancen haben. Mit steigender Attraktivität des Standortes löse ich alle diese Probleme. In Europa steigt die Standortattraktivität gerade nicht.

foto: reuters/foeger
Wolfgang Eder: "Beim Stahl sind wir dort, wo die Chemie vor zehn, fünfzehn Jahren gewesen ist. Letztlich verlieren wir mit dieser Abwanderung auch Wissen, weil die jungen Menschen dorthin gehen, wo sie ihre Chancen haben."

STANDARD: Was die Umweltauflagen in den USA betrifft, so sind die allerdings um nichts weniger streng als bei uns.

Eder: Das ist richtig. Die einzige Ausnahme ist das Thema CO2. Die anderen Auflagen sind teilweise sogar strenger als bei uns. Wasser ist in Texas zum Beispiel sehr kostbar, da sind wir in Österreich mit den Standards sicher drunter. Was die USA so attraktiv macht, ist zweifellos nicht die Möglichkeit von Umweltdumping, sondern die Kalkulierbarkeit. Da passiert nicht über Nacht etwas, ohne etwa die technische Machbarkeit neuer Vorschriften zu berücksichtigen. Die Amerikaner gehen nicht über die Grenzen des technisch und wirtschaftlich Realisierbaren hinaus.

STANDARD: Neben den USA liegt bis 2020 auch auf China ein großer Fokus, es geht um 15 neue Werke rund um Bahntechnik, Automobilindustrie und Edelstahl. Da wird eine halbe Milliarde investiert. Wie geht es mit Linz und Donawitz weiter?

Eder: In den letzten 15 Jahren haben wir in den Standort Linz vier Milliarden Euro investiert. In Donawitz in der Relation etwa das Gleiche, ähnlich in Kapfenberg. Wir investieren also massiv in unsere österreichischen Standorte. Aber es gibt zunehmend Anlagen, die in etwa zehn, zwölf Jahren an das Ende ihrer Lebenszeit kommen. Da muss man in fünf Jahren entscheiden, was tun.

STANDARD: Womit wir wieder bei der Klimapolitik wären, wo tatsächlich eine Weichenstellung bevorsteht. Fast die ganze Stahlbranche in Europa leidet, die Voestalpine schreibt gute Zahlen – und ist in Sachen Umweltstandards ein Vorzeigewerk. Da kann es doch nicht so schwierig sein, seine Innovationskraft für neue Technologien einzusetzen?

Eder: Nichts anderes machen wir. In der Stahlerzeugung gibt es eine weltweit nach wie vor dominierende Technologie, die im Wesentlichen auch hier in Linz erfunden wurde, die sogenannte integrierte Produktion. Hochofen, LD-Stahlwerk (Sauerstoffblasverfahren zum Frischen, also zur Stahlerzeugung durch Umwandlung von kohlenstoffreichem Roheisen in kohlenstoffarmen Stahl, Anm.), Walzwerke. Basis sind Erz und Kohle. Dieses Verfahren brauche ich heute, um die absoluten Spitzenqualitäten zu erzeugen.

Mit dem Elektroofenverfahren gibt es grundsätzlich eine zweite Möglichkeit, wo man im Wesentlichen über eingeschmolzenen Schrott, also via Recycling, auch Stahl erzeugen kann. Man braucht dafür aber enorm viel Strom, und man erzielt nicht die Qualität, die zum Beispiel für hochqualitative Autobleche notwendig ist. Es wird aber trotzdem daran gearbeitet, am Elektroofen die Qualität zu steigern, da er ein vergleichsweise günstiges Kostenbild ausweist. Da ist auch Corpus Christi ein ganz wichtiger Meilenstein. Nur, diese Technologie ist in Europa aufgrund des hohen Stromverbrauchs bisher nur mit forcierter Atomkraft darstellbar. Nach europäischem Verständnis treibe ich damit den Teufel mit dem Beelzebub aus.

STANDARD: Es gibt ja immer noch die berühmte Carbon-Capture-and-Storage-Methode (CCS), worin vielfach das Heil gesehen wird.

Eder: Jeder, der heute behauptet, dass es in zehn oder fünfzehn Jahren ohnehin die CO2-freie Stahlerzeugung gibt, glaubt an Utopien. Seit Jahrzehnten gibt es eine weltweite Kooperation der renommierten Stahlunternehmen, um gemeinsam einen Durchbruch zu finden. Es gibt ihn bisher nicht. Und er zeichnet sich leider auch nicht ab. Was heute als Lösung verkauft wird, ist das genannte CCS. Wenn ich die alten Öl- und Gaskavernen wieder befülle, kann ich sozusagen einen Teil des CO2 statt in die Luft in die Erde blasen. Das ist keine Lösung und auch keine neue Technologie. Das ist nur eine andere Art der Verwahrung von CO2 – was wir brauchen, ist CO2-Vermeidung.

STANDARD: Die Klimaerwärmung ist aber auch nicht wegzuleugnen. Die Voestalpine gilt als hochprofitabel und muss sich doch diese Umweltstandards leisten können?

Eder: Wenn das EU-Ziel von 40 Euro je Tonne CO2 tatsächlich ab 2020 wirksam wird, dann reden wir nach heutiger Rechtslage ab 2020 zusätzlich von einer Kostenbelastung von deutlich über 200 Millionen Euro im Jahr. Das ist nicht darstellbar, weil das in etwa der EBIT, also das operative Ergebnis ist, das wir heute in der Stahldivision machen. Da bleibt mir dann nichts mehr zu investieren, und damit wird auch die Erhaltung infrage gestellt, irgendwann ist das Ende absehbar. Ich kann natürlich als Europa sagen, ich verzichte auf Stahl. Der soll woanders in der Welt gemacht werden.

STANDARD: Österreich ist ja tatsächlich nicht der einzig mögliche Standort für Stahl.

Eder: Natürlich gibt es vor allem im näheren und ferneren Osten jede Menge an Werken, allerdings liegen dort die Emissionen in Größenordnungen, die wahrscheinlich das Zwei- und Dreifache unserer Werte ausmachen. Wenn ich dennoch in Europa beschließe, 2050 nur noch fünfzehn Prozent der Emissionen vor 1990 haben zu wollen, dann bedeutet das für eine Reihe von Industrien eben das Abwandern in diese Regionen mit allen zweifelhaften Begleiteffekten. Das ergibt sich zwangsläufig aus der Mathematik.

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Eder: "Es wäre aber ein absoluter Irrsinn, die wohl umweltfreundlichsten Stahlstandorte der Welt zu opfern."

STANDARD: Aber Sie betonten ja wiederholt, dass die Stahlsparte nur noch ein Drittel zum Umsatz beiträgt?

Eder: Das stimmt – und etwa ein Viertel unserer Mitarbeiter arbeitet im Stahlsektor. Am Standort Linz sind es knapp 11.000 Menschen. Aber hier werden zum Teil Stähle erzeugt, die niemand anderer kann. Die sind wiederum die Basis für all das, was unter die Bezeichnung Downstream fällt, zum Beispiel Autoteile aus höchstfesten Stählen, die heute das Nonplusultra im automobilen Crash-Management sind. Große Teile der Fahrgastzelle renommierter Hersteller kommen heute von uns.

Das Basismaterial können wir uns auch nicht woanders besorgen. Auch das Verfahren der Verformung, das noch einmal zur zusätzlichen Härtung beiträgt, haben wir selbst entwickelt. Wir haben mit dem patentierten Stahl und mit einem patentierten Prozess ein hochattraktives Produkt, das wir aus keinem anderen Stahl machen können. Ganz Ähnliches gilt etwa auch für die Kombination Stahlerzeugung und Schienenproduktion in Donawitz. Das heißt: Zu sagen, eine Voestalpine könne ohne Stahl zu zwei Dritteln weiterleben, das funktioniert nicht. Man würde einen großen Teil auch der restlichen zwei Drittel damit infrage stellen.

STANDARD: Aber Sie können ja nicht nur Nein sagen. Auch die Klimaerwärmung ist ein Faktum, das man nicht wegleugnen kann. Haben Sie eine Lösung?

Eder: Was uns als Lösung für die CO2-intensive Industrie vorschwebt, könnte man auch auf Volkswirtschaften übertragen. In der Stahlindustrie schaut das so aus: Die umweltfreundlichsten, das heißt technologisch fortschrittlichsten zehn Prozent der Branche in Europa werden von Zertifikatsverpflichtungen, also CO2-Zahlungen, freigestellt. Dann gibt es abgestuft nach Verschmutzungsgrad ein Pönalesystem, die schlechtesten müssen für 100 Prozent ihrer Emissionen zahlen. Das wäre ein selbstoptimierendes System, weil die Schlechten dann aus Überlebensgründen gezwungen sind, möglichst schnell umweltmäßig tätig zu werden. Das führt dazu, dass das Gesamtniveau steigt. Damit könnten sich auch die Besten nicht zurücklehnen. Ich hätte damit ein selbstregulierendes System, das permanent die Ansprüche erhöht.

STANDARD: Das klingt nach dem Florianiprinzip: Fangt doch bei den anderen an.

Eder: Es wäre aber umgekehrt ein absoluter Irrsinn, die wohl umweltfreundlichsten Stahlstandorte der Welt zu opfern. Die Kapazitäten von rund siebeneinhalb Millionen Tonnen, die wir hier erzeugen, würden dann in eine Region wandern, wo sie nach Umweltstandards produziert würden, die in Europa vielleicht vor 30 oder 40 Jahren gegolten haben. Das passt alles nicht zusammen. Es ist mehr als naiv, zu glauben, dass Europa mit seinen noch elf Prozent Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen die Welt retten kann. Das einzig Richtige wäre, zu sagen: Rollen wir doch die europäischen Standards weltweit aus, das würde der Umwelt wirklich helfen.

STANDARD: Wäre es nicht andererseits ein guter Zeitpunkt, die von Ihnen immer wieder angesprochenen Überkapazitäten in der Stahlbranche abzubauen? Zeit also, um den ohnedies überfälligen Strukturwandel einzuleiten?

Eder: Sie rennen bei mir offene Türen ein. Diskutieren Sie das einmal mit der europäischen Politik. Reden Sie zum Beispiel mit dem französischen Exminister Arnaud Montebourg. Demnach sind Hochöfen so etwas wie das Signal des Lebens oder Sterbens einer Region. Ich frage mich, warum. Es werden Autostandorte mit mehr als 10.000 Leuten nach zwölf Monaten Diskussion in einem geordneten Prozess geschlossen. Obsolete Stahlstandorte mit einem Bruchteil an Beschäftigten werden nach 15 Jahren noch nicht zugesperrt, weil man nicht in der Lage ist, einen ähnlich geordneten Prozess für sie zu schaffen, weil das die Politik nicht will.

Man tut den betroffenen Menschen damit nichts Gutes. Es ist schon einigermaßen befremdlich: Auf der einen Seite sorgt die europäische Politik dafür, dass wir Klimaauflagen bekommen, die am Ende des Tages die Existenz infrage zu stellen drohen, auf der anderen Seite sind es dieselben Politiker, die verbieten, dass die Stahlindustrie in Europa restrukturiert wird. Es ist schwer nachzuvollziehen, was die Politik will. Die Quadratur des Kreises werden wir aber jedenfalls nicht schaffen.

STANDARD: Aber in Österreich wird das meiste ohnehin nicht so heiß gegessen wie gekocht.

Eder: So würde ich das nicht sehen. Wir sind immerhin das einzige Stahlunternehmen überhaupt, das von 2007 bis 2012 schon für CO2 gezahlt hat, und zwar 20 Millionen Euro.

STANDARD: Dazu passen gut die Querelen rund um die ÖIAG und die OMV. Wie geht es Ihnen damit?

Eder: Dazu kann ich nur einmal mehr wiederholen: Der 31. August 2005 war einer der schönsten Tage in meinem Berufsleben, denn da hat die ÖIAG die letzte Voestalpine-Aktie abgegeben. (Regina Bruckner, DER STANDARD, 20.10.2014)

Wolfgang Eder (62) ist seit 2004 Vorstandschef der Voestalpine, wo er seit 1978 in mehreren Funktionen tätig ist. Sein Vertrag als CEO der Voestalpine, die zuletzt mit mehr als 48.000 Mitarbeitern über elf Milliarden Euro umsetzte und rund 790 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftete, läuft bis zum Jahr 2019.

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