Heinrich von Kleist: Tödlich komische Zufälligkeit

19. Oktober 2014, 09:00
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Kleists Gestalten finden so etwas wie Glück erst im Angesicht des Todes, ganz wie ihr Autor, der sein Leben lang ihm Nahestehende bestürmte, mit ihm zu sterben - und schließlich Henriette Vogel fand

Heinrich von Kleist war ein Mann des Unbedingten, im Leben wie im Schreiben, in der Liebe wie im Tod, aber dass es just die kunstsinnige Landrentmeistersgattin Henriette Vogel war, mit der er am 21. November 1811 im Alter von 34 Jahren Selbstmord beging, hatte etwas beinah Beliebiges. Er hatte sie erst ein Jahr zuvor kennengelernt, sie war, wie die Obduktion bestätigen wird, unheilbar an Gebärmutterkrebs erkrankt; die Freunde berichten von einem platonischen Verhältnis, der Ehemann ließ es jedenfalls zu.

1811 war Kleists Situation trist. Mit seinem Projekt der Berliner Abendblätter war er dank der Zensur bankrottgegangen. Es gelang ihm nicht, als Leutnant wieder in den Dienst des preußischen Königs zu treten. Mit seiner Familie, sogar mit seiner treuen Schwester Ulrike hatte er sich entzweit. Das "vaterländische" Drama, mit dem er Ruhm und Ehre zu erwerben hoffte, blieb ungedruckt, ungespielt - und unbedankt.

Er ist aber auch ein merkwürdiger General, dieser Prinz Friedrich von Homburg. "Träum ich? Wach' ich? Leb' ich? Bin ich bei Sinnen?", ruft er, als man ihm nach seiner eigenmächtigen, obzwar siegreichen Attacke bei Fehrbellin auf Befehl des Kurfürsten den Degen abfordert - die Fragen haben ihre Berechtigung. Er fällt um, als man ihn aus dem Schlafwandeln reißt, er fällt in Ohnmacht, als er zuletzt seine Begnadigung begreift.

Kleists Held - ein "schwaches Rohr", nach Bismarcks Urteil - wurde schon zu seinen Lebzeiten als Selbstporträt gesehen. Am anstößigsten wirkt er als Jammerbild der Todesangst, das um sein Leben bettelt: "Seit ich mein Grab sah, will ich nichts, als leben, / Und frage nichts mehr, ob es rühmlich sei!" Für damalige Ohren war solches schlicht unerhört. Ambivalenz galt definitiv nicht als preußische Tugend.

Dass Kleist, der empathische Psychologe, die Seelenlage seiner Zeitgenossen so schlecht einzuschätzen wusste, überrascht. Das Land Friedrichs II., in das er 1777 geboren wurde, war ein hochgradig militarisiertes. Kleists altadelige Familie war auch in dieser Hinsicht eine der ersten des Landes: Von 1640 bis 1892 entstammten ihr 23 preußische Generäle.

Kleist war, wie auf dem Totenbett nach Militär-Usus vermessen, 1 Meter 72, mittelgroß. Nach wahrer Größe strebte er zeit seines Lebens. Gemäß der Tradition seiner Familie hätte er sie als Soldat erringen sollen. Mit 14 Jahren trat Heinrich in das Regiment Garde Nr. 15 zu Potsdam ein, mit ihm machte er den Rheinfeldzug gegen die französischen Revolutionstruppen mit. Sieben Jahre lang diente der früh Verwaiste in einem System der Menschenabrichtung und Brutalität. 1799 nahm Kleist seinen Abschied und bekannte, "der Soldatenstand, dem ich nie von Herzen zugethan gewesen bin, weil er etwas durchaus Ungleichartiges mit meinem ganzen Wesen in sich trägt", sei ihm "verhaßt" geworden.

Kleist behielt jedoch den Ehrbegriff des Offiziers. So wollte er, als Der zerbrochne Krug in Weimar durchfiel, den Regisseur Goethe zum Duell fordern. Als sein König Friedrich Wilhelm III. ihn abblitzen ließ, meinte Kleist: "wenn er meiner nicht bedarf, so bedarf ich seiner noch weit weniger. Denn mir mögte es nicht schwer werden, einen andern König zu finden, ihm aber, sich andere Unterthanen aufzusuchen." Seine engsten, von ihm "mädchenhaft" umworbenen Freunde hingegen, Otto August Rühle und Ernst von Pfuel, erreichten, was Kleist versagt blieb: Ruhm und Generalsrang.

Kleist, der seinen Lebensplan immer wieder umschrieb, fühlte das Urteil der Familie im Nacken. Seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge beschied er zum Lebewohl aus der Schweiz: "Ihr Weiber versteht in der Regel ein Wort in der deutschen Sprache nicht, es heißt Ehrgeiz. Es ist nur ein einziger Fall in welchem ich zurückkehre, wenn ich der Erwartung der Menschen, die ich thörigter Weise durch eine Menge von prahlerischen Schritten gereizt habe, entsprechen kann."

So wechselt Kleist einmal mehr das Terrain des Lorbeererwerbs und bewaffnet seine Figuren zum Stoßtrupp seiner widerstreitenden Ideen und Affekte. Er entfesselt die Amazonenkönigin Penthesilea zum totalen Krieg, den sie in der Wirrsal der Gefühle gegen Achill, sich selbst und ihre Liebe führt: Sie, die ihre Zähne mit den Hunden in die Brust des Geliebten schlägt, ist der rabiateste Soldat in Kleists Werk: "Küsse, Bisse, / das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das Eine für das Andre greifen."

Auf andere Weise hemmungslos marschiert Michael Kohlhaas, "einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit", in seinem "Rechtgefühl" gekränkt, gegen die Obrigkeit, auch er über Leichen. Die Geschichte des Rosshändlers, der den Raub zweier Rappen rächt, führt ins Herz der Kleist'schen Finsternis.

Der zarte Berserker

Kleist stellte sich als Dichter in den Dienst der geistigen Landesverteidigung gegen den Erzfeind: Napoleon. Der Cheruskerfürst Herrmann, der in der Herrmannsschlacht, der "größten Partisanendichtung aller Zeiten" (Carl Schmitt), den römischen Eindringling Varus besiegt, ist alles andere als eine Lichtgestalt. Den Hass besingt auch Kleists Ode Germania an ihre Kinder: "Nur der Franzmann zeigt sich noch / In dem deutschen Reiche; / Brüder, nehmt die Keule doch, / Daß er gleichfalls weiche." Mit der Keule dichtend, war Kleist nicht so breitenwirksam wie erhofft: Als Schlachtenbummler bei Aspern 1809 machte er sich den Österreichern als Spion verdächtig - die zum Ausweis seiner Gesinnung vorgelegten Gedichte beschleunigten erst recht seine Verhaftung.

Dem zarten Berserker Kleist war das Entsetzliche seines Kohlhaas nicht fremd. Wie im Splatter-Movie spritzt bei ihm die Gehirnmasse. Kleists Tod war der eines Offiziers, und ihm ging ein Mord voraus. Die Exerzierordnung der preußischen Garde scheint seinen lückenlosen Sätzen eingedrillt. Doch der ewige Soldat Kleist glaubt sich selbst seinen Glauben an die Ordnung nicht. Durch die Lücke des Zweifels dringen allemal Chaos und Gewalt.

Der berühmteste Gedankenstrich der Literaturgeschichte steht für das Unerhörte: "Hier - traf er (...) Anstalten, einen Arzt zu rufen", heißt es in Die Marquise von O.... über den russischen Offizier, der, Engel und Teufel in einem, die Pause nützt, um die Bewusstlose, die er soeben vor der Soldatenmeute gerettet hat, höchstpersönlich zu vergewaltigen. So akkurat der Dichter seine Satzzeichen setzt, so wenig vertraut er dem Kunstmittel Sprache. Sosehr Leidenschaften seine Figuren regieren, so wenig gibt ihr Autor vor, ihnen unters Schädeldach zu blicken. Er zeigt, was an der Oberfläche geschieht: Tränen fließen, Gesichter erröten, Frauen wie Männer fallen in Ohnmacht.

Dass Kleist sich mit solcher Inbrunst mit der "gebrechlichen Einrichtung der Welt" beschäftigte, macht ihn auch 200 Jahre nach seinem Tod so unvergleichlich modern. Es ist sein auf jede Tröstung verzichtender Blick in den Abgrund, der ihn den Klassikern entfremdet und der Romantik naherückt. Zerrissenheit, Zufall, Verwechslung und Verwirrung der Gefühle kennzeichnen Kleists Novellen wie seine Stücke, auf die Spitze getrieben in der Beischlaftäuschung in Amphitryon, dem "Lustspiel", in dem eine Frau erfahren darf, wie es ist, den Gatten gegen einen Gott zu tauschen - ihr Schlusswort "Ach", als sie den Amphitryon zurückbekommt, sagt nichts und alles. Kleist ist fasziniert von unsicheren Identitäten, sein Witz stellt alles infrage, wie sein diabolisches Lustspiel Der zerbrochne Krug ebenso beweist wie die knappen "Anekdoten" des Zeitungsmachers Kleist.

Er gesteht: "Froh kann ich nur in meiner eigenen Gesellschaft sein, weil ich da ganz wahr sein darf." Unmöglich, ihn einer Partei zuzuschlagen: Ist er ein Kritiker der Obrigkeit, des Kolonialismus, des Militarismus, der Kirche, der Religion? Kleist ist radikal jenseits. Die Kleist'sche Utopie, sie wird im Prinzen von Homburg von einer Frau, Prinzessin Natalie, ausgesprochen: "Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen, / Jedoch die lieblichen Gefühle auch." Ein frommer Wunsch, im Staat ebenso wenig zu realisieren wie in einer Menschenbrust.

Kleists Gestalten finden so etwas wie Glück erst im Angesicht des Todes, ganz wie ihr Autor, der sein Leben lang ihm Nahestehende bestürmte, mit ihm zu sterben - und schließlich Henriette Vogel fand. Jessica Hausners biografische Fantasie zeigt Kleists frivole Partnerwahl als tödlich komische Zufälligkeit und dreht die Schraube noch weiter. Das historische Geschehen lässt keinen Zweifel am suizidalen Einverständnis des Paares. "Wie zwei fröhliche Luftschiffer", so Kleist, erhöben sich seine und Henriettes Seele über die Welt. Am 20. November nahm man zwei Zimmer in Stimmings Gasthof am Wannsee, verbrachte die Nacht mit Briefeschreiben. Am nächsten Tag waren beide vergnügt, ja ausgelassen, tranken Wein und viel Kaffee mit Rum, ließen sich trotz der Kälte einen Tisch und Sessel ans Ufer stellen; dort erschoss Kleist Henriette Vogel und eine Minute danach sich selbst. Die Szene - beide auf den Knien liegend - war wohl arrangiert nach einem Bild von Simon Vouet, das Kleist in Châlons-sur-Marne bewundert hatte: Zwei Engel empfangen die Seele der "Sterbenden heiligen Magdalena".

Vom "Triumpfgesang" seiner Seele schreibt Kleist im Abschiedsbrief an seine Cousine Marie und tadelt seine Schwester Ulrike, die die "Kunst" nicht verstanden habe, "ganz für das, was man liebt, in Grund und Boden zu gehn". Und doch versöhnt er sich mit ihr "Am Morgen meines Todes": "Du hast an mir gethan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war." Im allerletzten Brief hat Kleist noch eine prosaische Bitte: "Ich habe nämlich vergessen, meinen Barbier für den laufenden Monat zu bezahlen, und bitte, ihm 1 Rth. à 1/3 C zu geben." (Daniela Strigl, Album, DER STANDARD, 18./19.10.2014)

Der Kleist-Film "Amour Fou" von Jessica Hausner ist am 23. 10. der Eröffnungsfilm der Viennale. Filmstart ist am 7. 11.

  • Eine Szene aus Jessica Hausners Film "Amour Fou": "Wie zwei fröhliche Luftschiffer", so Kleist, erhöben sich seine und Henriettes Seele über die Welt.
    foto: stadtkino wien

    Eine Szene aus Jessica Hausners Film "Amour Fou": "Wie zwei fröhliche Luftschiffer", so Kleist, erhöben sich seine und Henriettes Seele über die Welt.

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