Aufgebrachte Eltern: Eine Lehrerin in Not

Kolumne19. Oktober 2014, 17:00
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Über den Spagat zwischen Verantwortlichkeit oder Schutz. Und warum es meist nicht darum geht, wer recht hat

Frage: Ich bin Lehrerin einer großartigen Klasse mit 23 Kindern, und wir geben in unterschiedlichster Weise unser Bestes, sowohl in professioneller als auch in sozialer Hinsicht.

Erst kürzlich musste ich mich dem Vorwurf einer Mutter stellen, die mich beschuldigte, dass ich nicht genug für ihre Tochter tue. Die Mutter meint, dass sich ihre Tochter sozial nicht entwickelt, und ist darüber sehr aufgebracht. Es gibt hier zwei Probleme:

1) Ich glaube nicht, dass das Problem so groß ist, wie es die Mutter darstellt. Aber da ich nicht alle Kinder draußen im Schulhof sehe, kann ich der Mutter auch keine Rückmeldung geben, wann ihre Tochter mit wem gespielt hat. Die Tochter erzählt zu Hause ihrer Mutter kaum, mit wem sie gespielt hat (ich denke, das ist normal für Kinder zwischen sechs und sieben Jahren), und so glaubt die Mutter, dass ihre Tochter ganz alleine und verlassen ist.

2) Die Mutter glaubt meinen Aussagen nicht, sondern nur ihrer Tochter (die sich ja nicht immer erinnert, mit wem sie gespielt hat). Ich muss gestehen, dass es nicht einfach für mich ist, mit dieser Situation umzugehen, weil die Mutter wirklich sehr wütend wird und weniger nette Worte zu mir sagt, bevor sie auflegt. Ich habe versucht, sowohl die Mutter und auch den Vater nochmals zu kontaktierten, aber leider antworten sie nicht auf meine Anrufe.

Können Sie mir weiterhelfen?

Antwort: Es gibt Eltern, die über alle Maßen um das Wohlergehen und die Entwicklung ihres Kindes bemüht sind. Was dabei geschehen kann, ist, dass sie bei jeder Gelegenheit mit ihren Schlüsselpartnern wie zum Beispiel Lehrer und Lehrerinnen in Konflikt treten. So begeben sie sich selbst in eine Isolation, von der sie befürchten, dass sich ihr Kind bereits darin befindet oder dorthin entwickelt

Das ist in vielerlei Hinsicht ein klassischer Konflikt zwischen Eltern und Lehrern. Es verändert sich der Inhalt, aber die Kommunikation steckt aus dem gleichen Grund fest: Beide, sowohl Eltern wie Lehrer, beschreiben ihre eigenen Erfahrungen. Wenn diese unterschiedlich sind, dann entsteht ein Machtkampf darüber, wer recht hat. Schulen haben über Generationen ihre institutionelle Macht ausgenutzt. Seit ungefähr zehn Jahren beginnen nun Eltern, sich zu wehren. Oft finden sich jedoch beide Seiten in einem Verteidigungsmodus wieder.

Gefangen zwischen Erwachsenen

Mir geht dieses Problem immer sehr nahe, denn es ist so weit verbreitet – und auch zerstörerisch. Es ist einfach schlecht für das Kind, zwischen zwei Erwachsenen gefangen zu sein, die sich über ein Jahrzehnt hinweg die Verantwortung teilen. Nicht ganz so schlecht wie zwischen zwei Elternteilen, aber sicherlich unangenehm und etwas, das dem Kind viel Energie kostet und es ihm schwer macht, überhaupt in die Schule zu gehen.

Beide Erwachsene schieben die Verantwortung von sich weg. Dabei ist es wichtig, dass seitens der Lehrer / der Schule die primäre Verantwortung darin liegt, die Qualität der Beziehung zu den einzelnen Eltern aufzubauen (oder abzubauen). Das gilt auch dafür, wenn – wie in Ihrem Fall – das elterliche Verhalten als unangenehm empfunden wird.

Das heißt nicht, dass es Ihr Fehler ist, dennoch ist es Ihre Verantwortung, eine Veränderung in der Kommunikation anzustreben. Deshalb ist es sowohl sensibel als auch mutig, dass Sie weiterhin versuchen, die Eltern zu einem Dialog einzuladen.

Viele Lehrer fühlen sich in dieser Art von Konflikten machtlos. In vielen Lehrerausbildungen wird weder gelehrt, wie ein aufrichtiger Dialog mit Eltern geführt werden kann, noch wie Verantwortung und Führung zu übernehmen sind. Daraus entwickelt sich eine Kultur, die eher eine informelle Zusammenarbeit zwischen Schule und dem Zuhause der Kinder praktiziert.

Kooperation suchen

Im aktuellen Konflikt geht es nicht darum, wer recht hat – weder sachlich noch moralisch. Auch wenn wir davon ausgehen, dass die Mutter im Recht ist, so ist sie doch vom Wohlwollen und einer aktiven Kooperation der Schule abhängig, um die Situation verändern zu können.

Es ist das Recht der Eltern, irrational zu sein, bis sie sich wohlfühlen – das gilt jedoch nicht für Fachleute.

Ja, vielleicht ist diese Mutter grob und übertrieben fürsorglich und besorgt. Vielleicht ist die Situation zu Hause angespannt, oder sie fühlt sich einfach nicht wohl mit Ihnen. Egal was es ist, es liegt an Ihnen, einen Dialog herzustellen. Bis dahin dürfen Sie nicht über die Motive der Mutter oder die Situation der Familie psychologisieren. Bleiben Sie dran, Sie wollen sich engagieren und zusammenarbeiten.

Sollten meine Vermutungen bezüglich einer unsicheren, kontrollierenden, überfürsorglichen Mutter der Wahrheit entsprechen, so wird sich herausstellen, dass die Mutter recht hatte, was die soziale Situation ihrer Tochter betrifft. Kinder überfürsorglicher Eltern sind auch vernachlässigte Kinder, und diese werden sehr leicht zu Opfern im sozialen Kontext.

Deshalb empfehle ich Ihnen, Unterstützung von einem guten Kollegen oder einer guten Kollegin, dem Schulpsychologen oder dem Direktor zu suchen, sodass es Ihnen gelingt, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben und die Eltern zu erreichen.

Keine Feinde

Es ist jedoch nicht klug, den Kollegen oder die Kollegin zum nächsten Treffen einzuladen. Dies würde ziemlich sicher die Erfahrung der Mutter – nämlich sich in einem Machtkampf zu befinden – stärken und damit ihre Aggressivität ihren "Feinden" gegenüber erhöhen. Eine Alternative könnte sein, einen erfahrenen Kollegen oder Schulpsychologen hinzuzubitten. Allerdings nur unter der klar ausgesprochenen Begründung: "Ich habe X zu dem Gespräch eingeladen, weil Sie das Gefühl haben, dass ich Sie nicht höre oder verstehe. Er oder Sie ist also Ihr 'Anwalt', nicht meiner."

Es ist eine schwierige, aber auch extrem wichtige Mission, und ich hoffe, dass Sie die Stärke in sich selbst finden oder Unterstützung bekommen, um dieser Mutter dabei zu helfen, sowohl ihre Haltung als auch ihren Ton zu ändern. (Jesper Juul, derStandard.at, 19.10.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 2. November.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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