Konjunktursorgen erschüttern Aktienmärkte

16. Oktober 2014, 20:56
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Der neue Stress an den Börsen ist Folge der lahmen Konjunktur sowie der Sorgen um Europas Krisenländer und Geldpolitik

Wien - Die Angst ist zurück. An den Finanzmärkten haben Aktien und Rohstoffe eine regelrechte Achterbahnfahrt hinter sich. Gemessen an den "Angstindizes", Volatilitätsbarometern wie dem US-VIX oder dem deutschen VDAX, haben Börsianer seit der Eurokrise nicht mehr mit so hohen Schwankungen an den wichtigsten Leitbörsen gerechnet.

"Torschlusspanik!" prangt etwa über einer aktuellen Analyse der Hongkonger Finanzexperten von GaveKal. Eine Stampede von Investoren habe aus riskanten Anlagen wie US- oder europäischen Aktien aussteigen wollen, so die Analysten. Dabei hätten sie die Kurse an den wichtigsten Leitbörsen regelrecht nach unten gerissen. Der deutsche Leitindex Dax hat vom Höchststand im Juni gut 16 Prozent verloren, der heimische ATX ist in einen "Bärenmarkt" gefallen und damit mehr als 20 Prozent im Minus. Am Donnerstag ging es erstmals seit 2012 wieder unter die Marke von 2000 Punkten. Der US-Leitindex S&P 500 notiert aktuell knapp 8,5 Prozent unter seinem Höchststand.

Laut Daten der Bank of America hat der aktuelle Kursrutsch seit den Höchstständen im September zu einem Verlust von 4,8 Billionen Dollar (3760 Milliarden Euro) an Marktwert geführt. Für Michael Hartnett, Chief Investment Strategist von Bank of America, gibt es für die massive Korrektur drei Gründe: "Der Crash ist getrieben von einem Ende von QE, einem Wachstumsschock und dem Verkauf großer Positionen im Energiebereich (...) und Europa."

Die Stressursachen

Geht es nach dem aktuellen Plan der US-Notenbank Fed, dann werden die Washingtoner Notenbanker im kommenden Monat das milliardenschwere Ankaufprogramm, das gerne als "Quantitative Easing" bezeichnet wird, beenden. Für die Finanzmärkte bedeutet das weniger Liquidität. Nikolaus Görg, Investmentstratege bei der Bank Gutmann, zeigt auf den US-Dollar als Stressindikator für die internationalen Finanzmärkte: "Ein steigender Dollar bedeutet Stress, weil viel Refinanzierung an den Dollar gekoppelt ist." Damit ist eine Aufwertung des Dollars gleichbedeutend mit einer schlechteren globalen Finanzierungssituation.

Am Donnerstag rückte Fed-Gouverneur James Bullard aus, um die Börsianer zu beruhigen. Die Fed könnte den QE-Ausstieg verzögern, wenn es die Konjunkturlage nötig macht. Das hat den Märkten wieder Auftrieb verliehen. Dass die Unsicherheit an den Märkten derzeit hoch ist, hat noch andere Gründe:

Wachstumssorgen Seit Monaten türmen sich schlechte Nachrichten über den Zustand der Weltkonjunktur. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat kürzlich die Aussichten für Schwellenländer wie China heruntergestuft. Die Quelle der Sorgen allerdings ist Europa: Die Konjunktur läuft deutlich schwächer als noch zu Jahresbeginn erwartet, zuletzt sind auch die Warnungen vor einer technischen Rezession in Deutschland (zwei Quartale Schrumpfung der Wirtschaftsleistung) lauter geworden. Die Wachstumssorgen lassen sich auch an den Anleihenzinsen ablesen: Sie sind deutlich gefallen. Die zehnjährigen Renditen in den USA sind auf rund zwei, jene in Deutschland gar auf nur noch 0,7 Prozent gefallen. Sie preisen damit kaum Wachstum ein.

Marktbereinigung Gerade für die Aktienmärkte lässt sich aber auch eine weniger schlimme Diagnose finden: Es handelt sich um eine längst überfällige Korrektur nach einer Rekordjagd an den internationalen Märkten. Der US-Leitindex S&P 500 erreichte just acht Minuten nach dem großen Börsengang des chinesischen Konzerns Alibaba im September sein Jahreshoch von 2019 Punkten. Um den Höchststand in ein Verhältnis zu bringen: Zum Jahresbeginn 2013 notierte der S&P 500 bei 1500 Punkten. Die Rekordstände seien nur zu rechtfertigen, wenn sich die Aussicht eines "strahlend blauen Himmels" bestätigt hätte, sagt Görg.

Die These der Marktbereinigung hält freilich noch eine weitere Schlussfolgerung für Investoren bereit. Die Korrektur könnte "gesund" sein, also den Einstieg in riskante Anlagen wie Aktien beflügeln. In diese Richtung geht etwa Robert Kovar, Mitglied der Geschäftsführung der Bawag-PSK-Invest: "Die fundamentalen Daten der Unternehmen in den USA und Europa sind durchaus in Ordnung. Die Kurse eignen sich jetzt als Einstiegsniveau."

Energie Der Kollaps des Ölpreises - Rohöl der Marke Brent kostet aktuell um 27 Prozent weniger als noch im Juni - hat vor allem Unternehmen aus dem Ölsektor massiv getroffen. In Europa ist der entsprechende Branchenindex, der Stoxx Oil & Gas, in den vergangenen drei Monaten um fast 20 Prozent gefallen. Der breit gestreute Stoxx 600 hat nur knapp mehr als zehn Prozent eingebüßt.

Europa Die jüngste Unsicherheit hat insbesondere auch europäische Märkte erfasst. Görg führt das auch auf die Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse zurück, die am 26. Oktober von der Europäischen Zentralbank vorgelegt werden. Ein zusätzlicher Auslöser dürften Meldungen gewesen sein, wonach sich aus den Salden des EZB-Zahlungsverkehrssystems Target-2 Rückschlüsse auf einen laufenden Kapitalabfluss aus Italien ziehen lassen. Der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sprach von 67 Milliarden Euro, die alleine in den Monaten August und September abgezogen wurden. Am Donnerstag sind die Zinsen für Krisenländer wie Spanien und Italien kräftig gestiegen.

Zudem sinkt das Vertrauen der Anleger in Griechenland, wo die Steuerreform noch immer nicht durchgezogen wurde. Die Anleihenzinsen sind daraufhin auf fast neun Prozent hochgeschnellt. Damit ist Griechenland wieder ins Visier von Investoren geraten.
(Lukas Sustala, DER STANDARD, 17.10.2014)

  • Börsianer sind am Mittwoch und Donnerstag regelrecht in Panik geraten. Aktien- und Rohstoffpreise haben kräftig nachgegeben, aufgrund von Wachstumssorgen sind auch die Zinsen sicherer Staatsanleihen gefallen.
    foto: epa

    Börsianer sind am Mittwoch und Donnerstag regelrecht in Panik geraten. Aktien- und Rohstoffpreise haben kräftig nachgegeben, aufgrund von Wachstumssorgen sind auch die Zinsen sicherer Staatsanleihen gefallen.

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