Giacometti-Retrospektive: "Es ist kein Endgültiges möglich"

16. Oktober 2014, 17:31
13 Postings

Der Schweizer Alberto Giacometti gilt als bedeutendster Bildhauer des 20. Jahrhunderts: Die Retrospektive zu seiner Plastik, Malerei und Zeichnung im Leopold-Museum ist groß und fantastisch geworden

Wien - Routiniert und vorsichtig wickelt Alberto Giacometti (1901-1966) ein feuchtes Tuch um den Ton einer unfertigen Figur. In der nächsten Nacht würde er weiter daran arbeiten, weiter suchen. Oft sogar über Monate hinweg modellierte der Schweizer Bildhauer eine einzige Figur. Eine Obsession, die den befreundeten Verleger, Maler und Filmdokumentarist Ernst Scheidegger irritierte, schien es ihm doch, als wüsste Giacometti ganz genau, was er tut und was er will. "Es ist kein Endgültiges möglich", antwortet ihm Giacometti in seinem winzigen Pariser Atelier, angeräumt und voller Gipsstaub.

Selbst wenn ihm jemand tausend Jahre Modell gesessen hätte, müsste er ihm sagen, "es ist alles noch falsch, aber ich komme der Sache ein wenig näher". Giacometti war wie Samuel Beckett, schrieb der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss, "von der Idee besessen, das Undarstellbare darzustellen". Im Anzug sitzt der Künstler dort, arbeitet und raucht; rundherum schmutzig-graue Wände, die Stimme ist rau, sein Französisch klingt hart und abgehackt, so als wäre es nicht in Paris geformt worden, sondern von der schroffen Landschaft im Bergell in der italienischsprachigen Schweiz, seiner Heimat, in die er regelmäßig zurückkehrte.

Das Arbeiten nach der Natur und das Schaffen aus der Erinnerung - es widerspricht sich bei Giacometti nicht. Das Wahre liegt tiefer verborgen, und so "grub" er immer wieder bei denselben Modellen - seiner Frau Annette oder seinem Bruder Diego. Je besser er den Menschen kannte, dem er Gestalt gab, umso mehr gab es zu ergründen. Und trotzdem fand er irgendwann ein Ende - obwohl die intensiv durchgekneteten Antlitze und Körper in ihrer plastischen Aufgewühltheit spontan wirken.

Die bis zur Zerbrechlichkeit gelängten, zum Schatten ihrer selbst gewordenen Figuren, die Giacomettis Spätwerk ab 1947 prägen, werden im Leopold-Museum in fast sakralem, mystischem Rahmen präsentiert. Der warme, goldene Bronzeton der Wände spiegelt aber auch das Metallische, Harte seines Werks, erinnert an die Fertigung der Bronzen. Ein White Cube hätte nur mehr harte Kontraste und dunkle Silhouetten wahrnehmen lassen, erklärt Kurator Franz Smola.

Den sinnlichen Auftakt dieser ersten großen Giacometti-Retrospektive seit der Kunsthallenschau 1996 dominieren drei von seinen großen Frauenfiguren - ausgezehrt, verformt, statisch statt aktiv und schreitend wie die männlichen Figuren. Die erste davon, 1947 entstanden, entgeht neben den weiblichen Hünen (deren Größe sich angeblich von den Maßen einer Arbeitsleiter ableitet) fast der Aufmerksamkeit. Giacomettis berühmtester Schreiter (L'homme qui marche, 1961) war sogar kurze Zeit einmal - von Februar bis Mai 2010 - das teuerste bei einer Auktion versteigerte Kunstwerk der Welt (104 Millionen Dollar); dann kam Pablo Picassos Nu au plateau de sculpteur (1932) unter den Hammer. Auch dessen Höchstpreis wurde inzwischen überflügelt. Teuerste Skulptur ist der edle Schreiter vorerst jedoch geblieben. Zu sehen ist er in der dem Pionier der Moderne gewidmeten Schau zwar nicht, aber das spielt keine Rolle. Denn die Güte der hier insbesondere dank der Schätze des kooperierenden Kunsthauses Zürich versammelten Werke ist beachtlich.

Man beginnt eine Reise, die über die Anfänge im kunstsinnigen Umfeld - Vater Giovanni war Maler - über Albertos kubistische und surrealistische Phase, die zwölfjährige Schaffenskrise bis zur späten Plastik führt. Von Pablo Picasso, Juan Gris, Jacques Lipchitz und Henri Laurens stammen die kubistischen Vergleichswerke, die zwar Giacomettis Ebenbürtig-, aber nicht Einzigartigkeit beweisen. Beim Surrealismus (u. a. mit Joan Miró, Max Ernst und der herrlich schlummernden Muse Constantin Brâncusis) gibt es interessante Ausreißer, wie die brutale, Bruno Gironcoli vorwegnehmende Frau mit durchgeschnittener Kehle. Die Doktrin der Surrealisten, dem Naturstudium zu entsagen, sie war nicht seines. Er, der sein Malen als "Zeichnen mit Farbe", sein Bildhauern als "Zeichnen mit Dreidimensionalität" beschrieb, suchte ratlos, zerstörte viel. Erhalten sind winzige Büsten, denen er mit übermächtigen Sockeln Raum zurückerobern, ja überhaupt zu Sichtbarkeit verhelfen wollte.

Vom erfolgreichen Scheitern

Lange bevor das Scheitern als Methode des Erfolgs von Managern gepriesen wurde, sagte Giacometti: "Denn je mehr man scheitert, umso mehr erreicht man." Genauso war es dann auch 1947. Obwohl sich viele darüber einig sind, dass die Ikonografie seiner, seither geschaffenen, gelängten Figuren den etruskischen, im 3. Jahrhundert vor Christus in Volterra entstandenen Bronzen ("Ombra della Serra") entlehnt ist.

Im Saal mit dem zeichnerischen Spätwerk findet sich ein rares farbiges Blatt: eine Figur so zart und dünn wie ein Streichholz im Gegenüber mit einem gewaltigen Strich - einem Baum. Berührend. Nur hier - gegen Ende der Ausstellung - kann man mit Kritik ansetzen: Warum werden späte Zeichnung, Skulptur und Malerei so scharf getrennt voneinander präsentiert? Giacomettis Gemälde, darunter die stets in präzise Raumgerüste integrierten Porträts, wären bessere Dialogpartner für die 1950er-Bronzen "Vier Figuren auf einer Basis" oder "Der Käfig" gewesen als Jackson Pollock, Cy Twombly oder Francis Bacon: Meisterwerke aus dem Kunsthaus Zürich, keine Frage, aber sie bleiben stumm. So stumm wie Alberto Giacometti für all diejenigen bleibt, die des Französischen nicht mächtig sind: Die Originalzitate in Ernst Scheideggers Doku hätte man nachträglich untertiteln können. Beispielsweise im Tausch gegen den entbehrlichen, weil nichtssagenden, aufwändig produzierten Film zum Ausstellungsaufbau.

Zurück zu Giacomettis Schreitern, die sich stets dem Wind entgegenzustellen scheinen; eigensinnig sind sie, aber auch isoliert, mit dem Spielraum, den ihnen ihre Sockel zubilligen. Diese definieren auch, wie nahe man den Figuren kommen darf. Als "existenzialistisch" charakterisierte sie Freund und Philosoph Jean-Paul Sartre. Es ist dies ein Wesenszug von Giacomettis OEuvre. Festlegen lassen wollte er sich darauf nicht. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 17.10.2014, Langfassung)

  • Raue Stimme, geradezu brachiale Gestalt: Neben Alberto Giacometti - 1951 fotografiert von Gordon Parks - wirken seine zarten Figuren noch fragiler und verletzlicher.
    foto: gordon parks foundation / alberto giacometti estate / bildrecht, wien 2014

    Raue Stimme, geradezu brachiale Gestalt: Neben Alberto Giacometti - 1951 fotografiert von Gordon Parks - wirken seine zarten Figuren noch fragiler und verletzlicher.

Share if you care.