Universitäten: Mehr Geld, mehr Musi

Kommentar der anderen16. Oktober 2014, 17:09
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An der These, dass eine bessere Dotierung der hiesigen Universitäten nicht deren mangelnde Internationalität kompensieren würde, ist absolut nichts dran. Im Gegenteil: Österreichs Unis sind so international und so unterfinanziert wie nie

Mit Erstaunen habe ich an dieser Stelle den Kommentar des Historikers Klaus Hödl ("Geld allein forscht nicht", 14. 10. 2014) gelesen. Auf den Punkt gebracht meint er, dass eine bessere Finanzierung der Universitäten nichts bringen würde, da sich diese einer Internationalisierung entziehen.

Bei der Schilderung seines offenbar von tiefer Provinzialität geprägten akademischen Alltags hatte ich den Eindruck, dass Herr Hödl und sein Institut auf einem anderen Planeten leben. Jedenfalls hat seine Darstellung absolut nichts mit dem Lehr- und Forschungsbetrieb zu tun, den ich tagtäglich an der Fakultät für Mathematik der Universität Wien erlebe. Aus meiner Tätigkeit im Kuratorium des Forschungsförderungsfonds weiß ich zudem aus erster Hand, dass es zahlreiche exzellente Forschungsstätten in Österreich gibt, übrigens auch in den Geisteswissenschaften, bei denen der Vorwurf der mangelnden Internationalität schlicht absurd ist.

An unserer Fakultät beträgt das Verhältnis von universitätsfinanzierten Wissenschaftern zu den aus Drittmitteln finanzierten Wissenschaftern eins zu zwei. Diese Drittmittel kommen aus relativ kurzfristigen Projekten (finanziert von EU, Forschungsförderungsfonds, Wiener Wissenschafts- und Technologie-fonds etc.), die ständig in hartem Konkurrenzkampf von universitätsfinanzierten Fakultätsmitgliedern an Land gezogen werden müssen. Zum Beispiel gibt es an unserer Fakultät drei Wittgensteinpreise, vier prestigeträchtige Grants des European Research Council, sechs START-Preise, um nur die High-End-Programme zu nennen, die entsprechend dotiert sind. Im Durchschnitt wirbt bei uns also jeder von der Uni finanzierte Wissenschafter Forschungsmittel für zwei drittmittelfinanzierte Mitarbeiter ein. Darüber hinaus wird auch die - sehr schlanke - Administration der Fakultät teilweise aus Drittmitteln finanziert.

Selbstverständlich ist all dies nur möglich, wenn unsere Fakultät in der mathematischen Forschung eine international anerkannte Bedeutung hat. Im Schanghai-Ranking, das ja nicht nur die Gesamtuniversitäten, sondern auch die einzelnen Fachbereiche misst, wurde die wissenschaftliche Leistung unserer Fakultät entsprechend positiv gewürdigt. So problematisch diese Rankings auch sein mögen, so ist es doch eine schöne Anerkennung, dass die Mathematik der Universität Wien in der Reihung der Mathematik-Fakultäten weltweit den 36. Platz belegt.

Dass unsere Publikationen auf Englisch erfolgen, ist so selbstverständlich, dass niemand einen Gedanken darauf verschwenden würde, es anders zu machen. Auch untereinander sprechen wir meistens Englisch: Immer wenn eine Person im Raum ist, die nicht gut Deutsch kann - und das ist sehr oft der Fall - wird Englisch als Lingua franca benutzt.

Wenn Hödl schildert, dass ihm geraten wurde, "darauf zu warten, dass Herausgeber von Zeitschriften sich schon bei ihm melden würden", kann ich das für unseren Bereich nur als barocke Idee bezeichnen. Selbstverständlich versuchen wir, unsere Arbeiten in den besten internationalen Journalen unterzubringen. Die Qualität lässt sich dann relativ treffsicher daran messen, wie oft diese Forschungsergebnisse von anderen weiterverwendet werden, das heißt also, wie oft sie zitiert werden. Mit ein paar Mausklicks auf google.scholar kann man sich rasch davon überzeugen, dass an unserer Fakultät eine Reihe von Arbeiten publiziert wurde, die tausendfach zitiert sind.

Diese kurze Vorstellung unserer Fakultät musste ich mir von der Seele schreiben, um nicht die Schilderung eines seligen Dornröschenschlafs der österreichischen akademischen Landschaft unwidersprochen zu lassen.

Überall knapp

Aber zum eigentlichen Kern von Hödls Kommentar: Seiner Meinung nach sei fraglich, ob eine bessere finanzielle Dotierung der Unis ihre Qualität verbessern würde. Denn sie würden hoffnungslos in ihrer Provinzialität erstarren. Ich bin anderer Meinung. Selbstverständlich würde sich etwa unsere Fakultät noch wesentlich besser entwickeln, wenn wir etwas mehr finanziellen Spielraum hätten. Tagtäglich erleben wir, dass die Mittel an allen Ecken und Enden knapp sind. Viel mehr wäre möglich, wenn ein wenig mehr an längerfristig planbaren Mitteln zur Verfügung stünde. Zum Beispiel könnten wir dann den allerbesten der projektfinanzierten jungen Mathematikerinnen und Mathematiker eine dauerhafte Perspektive anbieten.

Dass es möglich ist, mit guter finanzieller Dotierung eine erstklassige Forschung aufzubauen, führt das ISTA (Institute for Science and Technology Austria) in Maria Gugging vor. Wenn ich nur von der Mathematik spreche (ich bin überzeugt, dass es in anderen Bereichen ähnlich ist, aber bei der Mathematik kenne ich mich aus): Da sind zuletzt einige hervorragende Berufungen gelungen. Es besteht kein Zweifel, dass dort eine sehr positive Entwicklung eingeleitet wurde. Das ISTA verfügt über entsprechende Mittel, um attraktive Angebote an vielversprechende Leute zu machen.

Es wäre schön, wenn die Universitäten auch nur über annähernd ähnliche Ressourcen verfügen könnten. Ich kenne eine ganze Reihe von Forschungsgruppen, die davon hervorragend Gebrauch machen könnten. (Walter Schachermayer, DER STANDARD, 17.10.2014)

Walter Schachermayer (Jg. 1950) ist Finanzmathematiker an der Universität Wien und Wittgensteinpreisträger.

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