Hoffnungsschimmer am Horizont

16. Oktober 2014, 17:25
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Wie kein anderes Filmschaffen kreist jenes von US-Regisseur John Ford um die Gründungsmythen der amerikanischen Nation. In der ihm gewidmeten Retrospektive der Viennale und des Filmmuseums kann man sich von dessen Reichtum verblüffen lassen

Was John Ford wenig mochte, das war, über John Ford zu reden. Ein Interview mit der BBC, 1968. Frage: Seit wann lieben Sie das Kino? Antwort: Ich liebe das Kino nicht. Frage: Weshalb haben Sie Filme gedreht? Antwort: Es ist eine leichte Art, Geld zu verdienen. Man kennt diese Selbsteinschätzung des Hollywoodregisseurs als "professional". Ein Arbeitsethos, nicht frei von Koketterie, auch eine Prise Selbstmythologisierung fließt da ein: Im Studioregisseur den Handwerker zu betonen - es schließt nicht aus, das Handwerk als Kunst zu betrachten.

John Ford hat das selbst getan. Als junger Filmemacher hat er sich für Friedrich Wilhelm Murnau begeistert, vor allem für dessen Film Sunrise, an dem er eine ganze Weile auch stilistische Anleihen nahm. Hin und wieder hat Ford aber auch einen Satz gesagt, mit dem man sich länger aufhalten kann. "Ich bin ein Regisseur von Komödien, der traurige Filme macht", lautet einer. Er weist damit auf ein Merkmal vieler seiner Filme hin: einen Humor, in dem man die Liebe für kleine menschliche Schwächen erkennt.

Der Witz verschafft sich oft unvermittelt Raum, wie beim Gericht aus Sergeant Rutledge, das Recht in einem Mordfall sprechen soll. Statt über das Urteil zu debattieren, spielen die Juristen im Nebenzimmer Poker (und trinken Whiskey). Oder Wyatt Earp, der von Henry Fonda verkörperte Revolverheld in My Darling Clementine. Er kommt nach Tombstone, diesem Ort, der zur Hälfte noch Wüste ist, und geht zum Friseur, als bereits die ersten Schüsse fallen. Was sei das denn für eine Stadt, fragt er dann wiederholt: "A man can't get a shave without gettin' his head blown off?"

Fords Filme sind in ihrem Facettenreichtum und ihren Widersprüchen auf eine Weise vollständig, wie dies nur bei wenigen Hollywoodregisseuren der Fall ist. Die amerikanische Gesellschaft wird in diesem großen, rund 140 Filme umfassenden Werk vermessen, oder besser: Die Kräfte, die diese konstituieren, sind in den Filmen selbst noch als Lebensadern zu sehen, an entsprechende Figuren gebunden. Diese entscheiden darüber, ob sich das Versprechen erfüllt: jenes der Neuen Welt, einer Zivilisation mit demokratischer Legitimität. Die Natur und der Mythos der "frontier" stehen mit dieser Erzählung eng in Verbindung: Im Rückgriff auf die Vergangenheit kommt Ford immer wieder auf den Punkt zurück, wo die Zukunft ihren Anfang nahm; und darauf, welcher Einstellungen, welcher Opfer es bedurft hat.

Komplett erscheinen die Filme auch, weil sie nur wenig auf jenen Individualismus setzen, aus dem Hollywood sein dominantes Narrativ gemacht hat. Schon in Stagecoach sitzt in der Postkutsche eine Gruppe mit sozialer Bandbreite (am unsympathischsten zeichnet Ford den Bankier). In My Darling Clementine ist Wyatt Earp zwar da, um Gerechtigkeit durchzusetzen, doch er ist kein Held für die Mittagsstunde. Ford interessiert sich für das Zusammenspiel, die Nischen, die Unentschiedenheit: Doc Holliday (Victor Mature), die andere angeschlagene Legende in town; Clementine Carter (Linda Darnell), die Titelheldin aus dem Osten, mit der Earp in einer unfertigen Kirche tanzt.

Retter, Richter, Rächer

Die Retrospektive im Filmmuseum setzt mit zwei Stummfilmen aus den späten 1910er-Jahren an, aber es war erst in den 20ern, dass Ford mit Filmen wie dem aufwändigen Eisenbahndrama The Iron Horse seinen Status in den Fox-Studios auch mit einem kommerziellen Erfolg festigen konnte. Den ersten von drei Oscars gewann der 1895 als Sean (oder John) (O' )Feeney in Maine geborene Sohn irischer Einwanderer 1935 mit The Informer, einem noch von expressionistischen Einflüssen geprägten Denunziationsdrama.

Ford selbst bevorzugte aus dieser Produktionsphase The Prisoner of Shark Island, die dramatische Geschichte des Arztes Dr. Samuel Mudd (energetisch verkörpert von Warner Baxter), der fälschlicherweise bezichtigt wird, an dem Komplott rund um die Ermordung von Abraham Lincoln beteiligt gewesen zu sein. Es ist ein charakteristisches Minenfeld für Ford: Ein unschuldiger Mann, der sich einer rachsüchtigen, lynchwütigen Gesellschaft gegenübersieht, erhält eine Chance, Leben zu retten, als im Gefängnis Sumpffieber ausbricht. Wie Ford diesen Ort in den Florida Keys zunächst als Verdammnis zeichnet, um dann doch die Möglichkeit eines Einlenkens, einer neuen Menschwerdung zu beschwören, das zeugt von seinem Bewusstsein für dialektische Umschwünge.

"Er hat uns vor uns selbst beschützt", so steht es auf einem Banner von Siedlern, die am Ende von The Sun Shines Bright am Haus von Judge Priest (Charles Winninger) vorbeimarschieren. Mit einer Flinte hat dieser den Mob davon abgehalten, sich an einem unschuldigen schwarzen Jugendlichen zu rächen. Ford hat für diesen Film, den er zu seinen Favoriten zählte, mehrere Erzählungen von Irvin S. Cobb zu einem Buch verwoben, entsprechend lose geflochten wirkt er.

Und doch hat er seinen Angelpunkt, das städtische Kollektiv selbst, in dem der ein wenig zu sehr dem Alkohol zugeneigte Richter darauf schaut, dass die Verhältnisse nicht in Unordnung geraten. Selbst wenn dies erfordert, einer Prostituierten die letzte Ehre zuteilwerden zu lassen - beinahe allein. Fords Helden handeln aus Überzeugung, einsam bleiben sie dabei trotzdem.

Die Ökonomie seines Erzählens, der unsichtbare Schnitt, das Gleiten der Bewegungsbilder, die offen für den Raum bleiben. All das trifft zu, aber erst das leicht Exzessive, die Überraschung macht Ford so einprägsam. Manche Szenen vergisst man nie: den Augenblick in The Searchers, in dem John Wayne seine verschleppte Nichte, die zur Komantschin wurde, nicht tötet. Diese berühmte Wendung versinnbildlicht vielleicht den ganzen Ford. Einen Moment lang triumphiert etwas Höheres und wäscht alles andere fort. Aber das ist niemals das Ende. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 17.10.2014)

Bis 30.11.

  • Ein Sheriff, dessen Gelassenheit bis in die Fußsohlen reicht: Henry Fonda sitzt als Wyatt Earp in John Fords Western "My Darling Clementine" am liebsten auf der "porch" und wippt dort entspannt mit dem Stuhl.
    foto: filmmuseum

    Ein Sheriff, dessen Gelassenheit bis in die Fußsohlen reicht: Henry Fonda sitzt als Wyatt Earp in John Fords Western "My Darling Clementine" am liebsten auf der "porch" und wippt dort entspannt mit dem Stuhl.

  • "I'm a liberal democrat and a rebel": Regisseur John Ford bevorzugte sein Leben lang knappe Aussagen gegenüber ausführlichen Erklärungen.
    foto: viennale

    "I'm a liberal democrat and a rebel": Regisseur John Ford bevorzugte sein Leben lang knappe Aussagen gegenüber ausführlichen Erklärungen.

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