Wer besitzt, der muss gerüstet sein

Kolumne17. Oktober 2014, 17:26
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Ein zerkratzter Wagen und ein abgerissener Seitenspiegel

Was ist ein Morgenschock? Zum Beispiel, wenn einem ein Freund aus der kurzfristigen Mobilitätsmalaise hilft, man in der Früh dann zum Parkplatz runtergeht und sieht, wie der Wagen auf der ganzen Seite zerkratzt ist. Irrwitzige Individuen fanden nächtens wohl Gefallen daran, das blanke Metall in Form feinsäuberlich gezogener Striche freizulegen. Und schon ist er geronnen heiß, der Schweiß! Wie gesagt: Morgenschock.

Kurze Schilderung der Emotionskette: Beginnende Ohnmacht, gepaart mit Grant und tiefer Verachtung, gipfelnd im lautlosen Schrei à la Munch. Schön albern kommt man sich da vor, weil Selbsthilfe unmöglich. Bleibt nur der ernüchternde Gang zur Polizei, denn wie man weiß, verläuft eine Anzeige gegen unbekannt geradewegs ins Leere. Satisfaktion sieht nicht so aus.

Anders bei einer Freundin: Hier wurden Täter von der Exekutive direkt dabei ertappt, wie sie Wagen um Wagen um je einen Außenspiegel erleichtert haben. Auf dem Schaden blieb sie trotzdem sitzen; Es waren nämlich Sozialhilfeempfänger. Ergo: kein verwertbares Vermögen.

Gesellschaftliches Problem

Ganz ehrlich? Der Spaß oder Lustgewinn am Vandalismus ist für mich beim besten Willen nicht nachvollziehbar. Sollte sich wer partout als Künstler berufen fühlen und einen plötzlichen Ausbruch an Kreativität verspüren, dann soll er doch bitte schön eigenes "Material" verwenden.

Vielleicht steckt hinter der Geringschätzung fremden Eigentums ja auch ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem. Der weise, hellsichtige Goethe hatte jedenfalls wie so oft recht: "Wer besitzt, der muss gerüstet sein." (Stephan-Alexander Krenn, DER STANDARD, 17.10.2014)

  • So ein Auto will beschützt werden.
    foto: apa/georg hochmuth

    So ein Auto will beschützt werden.

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