"Habe gesagt, dass es gegen Deutschland viel leichter wird"

Interview16. Oktober 2014, 16:14
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Hermann Stadler bleibt Realist. Ein 5:1-Sieg gegen die große Fußballnation sei "nicht Standard"

Die erste von zwei Gruppenphasen der EM-Qualifikation hat Österreichs U19-Nationalteam ohne Punkteverlust überstanden. Ein 5:1-Sieg gegen Deutschland, den amtierenden Europameister der Altersklasse, hat dabei für Aufsehen gesorgt. Beide Mannschaften waren schon vorher für die Eliterunde qualifiziert. Teamchef Hermann Stadler will den Erfolg nicht überbewerten.

derStandard.at: Im Spiel gegen Deutschland ging es nicht mehr um viel. Wie würden Sie den Kantersieg einordnen?

Hermann Stadler: Man sollte ihn nicht überbewerten. Wir sind nicht so gut, dass so ein Sieg Standard wäre. Gleichzeitig braucht es auch kein Understatement. Egal in welcher Altersklasse, es ist ein Prestigeerfolg, wenn eine österreichische Nationalmannschaft gegen Deutschland gewinnt – noch dazu in dieser Höhe. Vor einem Monat haben wir 1:4 gegen die Schweiz verloren. Da meinten alle, wir wären so schlecht. Wir sollten den Sieg genießen und ohne Übermut die Euphorie in die Eliterunde mitnehmen.

derStandard.at: Warum hat man sich bei den 1:0-Siegen gegen Kasachstan und Lettland deutlich schwerer getan?

Stadler: Das waren zwei Geduldsspiele mit durchschnittlichen Leistungen. Kasachstan und Lettland spielen mit neun Verteidigern. Es ist uns nicht so gut gelungen, im Angriffsdrittel mit Genauigkeit und flachen, scharfen Pässen zu operieren. Ich habe schon vorher gesagt, dass es gegen Deutschland viel leichter wird, unseren Fußball zu spielen. Die Deutschen wollen das Spiel selbst machen und spielen nach vorne. Und wir wollen das Gleiche. Dadurch gibt es mehr Räume.

derStandard.at: Gegen Deutschland war ein extrem aggressives Angriffspressing auffällig. Ist das eine Stärke Ihres Teams?

Stadler: Eigentlich nicht. Das haben wir erst seit dem Frühjahr probiert. Davor haben wir uns sehr oft zurückgezogen und geschaut, dass wir defensiv gut stehen. Ich glaube, dass dieser Spielstil in Zukunft erfolgreich ist. Das frühe Verteidigen und Pressen ist der Trend der Zeit. Ihn mitzugehen geht nicht von heute auf morgen. Aber die Spieler von der Austria und speziell Red Bull trainieren das schon länger.

derStandard.at: Fällen Sie solche taktischen Entscheidungen oder ist das eine ÖFB-Vorgabe?

Stadler: Der ÖFB gibt eine Spielphilosophie vor, aber nicht, ob zum Beispiel jemand hoch pressen lässt. Man muss sich da auch nach dem Gegner richten. Es ist ja auch ein Unterschied, ob man gegen San Marino oder Deutschland spielt.

derStandard.at: Wie sehen dann die ÖFB-Vorgaben aus?

Stadler: In erster Linie mit Raumdeckung zu spielen, mit kontinuierlichem Spielaufbau, viel Ballbesitz, schnellem Umschalten von Defensive auf Offensive und umgekehrt. Man soll versuchen, das Spiel zu dominieren, mehr im Gegnerdrittel zu spielen und immer zuerst offensiv zu denken.

derStandard.at: Welche Gegner würden Sie in der Eliterunde gerne vermeiden?

Stadler: Deutschland hat trotz des 5:1 extrem hohe Qualität. Die können wir zum Glück nicht wieder bekommen. Spanien hat in den letzten zehn Jahren im Nachwuchs fast alles gewonnen. Ich wäre nicht enttäuscht, wenn wir die nicht unbedingt haben. Frankreich, Holland, England sind auch in diesem Altersbereich Topnationen.

derStandard.at: Wer sind die herausragenden Spieler in Ihrer Mannschaft?

Stadler: Diese neun Punkte sind ein Verdienst der ganzen Mannschaft, da will ich niemanden herausheben. Ein herausragender Spieler des Jahrgangs ist mit Valentino Lazaro schon beim A-Team. Einen schon mit diesem Alter ins A-Team zu bringen ist schon eine sehr gute Quote. Sicher sind einige Spieler mit viel Potenzial dabei, aber man muss abwarten, wie sie sich jetzt bei ihren Vereinen präsentieren: Konrad Laimer bei Red Bull oder Sascha Horvath bei der Austria. Oder was mit Philipp Lienhart bei Real Madrid ist.

derStandard.at: Der Lienhart-Transfer hat für Furore gesorgt. Ist er jemand, bei dem man auf den ersten Blick ein herausragendes Talent sieht?

Stadler: Er war nicht von Haus aus dieses Überdrüber-Talent wie etwa Horvath, der in Österreich schon bekannt ist. Aber er geht kontinuierlich seinen Weg, ist sehr ehrgeizig und hat eine gute Einstellung. Er ist super bei 1-gegen-1-Situationen in der Defensive, ist schnell, groß, hat ein gutes Kopfballspiel. Philipp hat sich im vergangenen Jahr extrem entwickelt. Er hat bei den Rapid-Amateuren aufgezeigt. Dann kam er zu uns, war dann auch mit Andreas Heraf bei der U19-EM. Dort hat er super Leistungen gebracht, und so ist Real wohl auf ihn aufmerksam geworden.

derStandard.at: Viele andere Spieler sind von der Austria oder aus dem Haus Red Bull. Machen diese Vereine im Nachwuchs etwas besser als andere?

Stadler: Das sind seit Jahren die führenden Akademien in Österreich. Aber die Arbeit in den Akademien ist allgemein sehr gut. Sonst wären diese Erfolge auch nicht möglich. Mit unserer Ausbildung in Österreich müssen wir uns nicht verstecken. Doch entscheidend ist eben, wie sich Spieler weiterentwickeln, wo und wie viel sie dann spielen.

derStandard.at: Was macht den größten Unterschied zwischen U19- und Erwachsenenfußball?

Stadler: Technisch und taktisch sind die Spieler schon gut ausgebildet, der größte Unterschied ist die Fitness. Bis zur U19 ist es für mich Nachwuchsfußball. Im körperlichen Bereich müssen wir in diesem Bereich noch früher ansetzen und noch mehr investieren – auch in der Eigenverantwortung der Spieler. Dann kann man auch diesen Spielstil besser umsetzen, mit ständigem Ansprinten der Gegner, hohem Verteidigen und extrem intensiver Laufarbeit.

derStandard.at: Einige Ihrer Spieler werden im kommenden Jahr unter Andreas Heraf zur U20-WM fahren. Gibt es eine Zusammenarbeit?

Stadler: Die gibt es immer. Wir stehen in ständiger Verbindung. Die Teamtrainer haben untereinander ein gutes Miteinander. Ein Spieler bleibt zwar grundsätzlich in einer Mannschaft, aber wenn höherrangige Ziele wie eine WM anstehen, geht das natürlich vor. Herafs WM ist Ende Mai, unsere Eliterunde im März, da kommen wir uns sicher nicht in die Quere.

derStandard.at: Halten Sie es für ein Problem in der WM-Vorbereitung, dass die U20 als Mannschaft derzeit im ÖFB nicht existiert?

Stadler: Es wäre sicher besser, wenn man mehr Spiele als Vorbereitung hätte. Aber diese Spieler spielen teilweise schon im Ausland, bei Werder Bremen und Manchester City. Die bekommst du nur bei den offiziellen Länderspielpausen. Da ist jetzt einer im November und einer im März. Ich kenne ihn noch nicht genau, aber Andreas Heraf wird sicher schon seinen Plan haben, und ich denke, er wird im März einen Lehrgang machen.

derStandard.at: Wollen Sie persönlich eigentlich im ÖFB-Nachwuchs bleiben, oder gibt es irgendwann auch andere Ambitionen?

Stadler: Natürlich ist es in jedem Trainer drinnen, dass er sich auch einmal eine andere Herausforderung vorstellen kann. Wenn es passt und sich die Chance ergibt, warum nicht? Aber ich bin nicht auf Vereinssuche und gerne beim ÖFB, habe hier eine super Plattform und kann mit den besten Talenten arbeiten. Das macht mir irrsinnig Spaß. (Tom Schaffer, derStandard.at, 16.10.2014)

Hermann Stadler (53) ist seit 2006 im ÖFB-Nachwuchs als Trainer tätig. Seit dem Sommer hat er wieder die Aufsicht über ein U19-Team und kämpft um die EM-Qualifikation.

  • Hermann Stadler will den aufsehenerregenden Sieg gegen Deutschland genießen, aber nicht überbewerten
    foto: apa

    Hermann Stadler will den aufsehenerregenden Sieg gegen Deutschland genießen, aber nicht überbewerten

  • elmatze20066002

    Sieht man auch nicht jeden Tag: fünf Tore gegen Deutschland.

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