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19. Oktober 2014, 09:00

Houston liegt weit hinter uns. Die Route 73 heißt jetzt Henry O. Mills Highway und führt schnurgerade nach Osten. Es geht durch flaches Land und Sümpfe, vorbei an ärmlichen, windschiefen Holzhäusern.

"I might die a real old lady,
but I’ll never call Texas my home."
Janis Joplin, "Ego Rock"

Am Horizont tauchen gleißende Konstruktionen auf: Ölraffinerien, kilometerlange Rohre, dampfende, rauchende Schlote, mächtige Kessel, aufgereiht wie auf einem Damebrett. In ihrem Schatten ducken sich abgewrackte Bauten, die einmal bewohnt waren. Kanäle begleiten jetzt die vierspurige Straße, der Verkehr wird dichter, immer mehr Schilder sind zu sehen.

Auf einem davon steht: "Port Arthur. Population 53,000". Und bald danach: "Memorial Boulevard Exit ¾ mile". Die Ausfahrt geht auf den Golf von Mexiko zu, Öltanker ziehen in einem Kanal knapp hinter den letzten Häuserzeilen vorbei. Dem Stadtplan nach liegt hier das Zentrum, Procter Street, eine der mit dem Lineal gezogenen Endlosgeraden in der Küstenebene von Texas.

foto: michael freund
Procter Street, Hauptstraße im Zentrum von Port Arthur.

Am 19. Januar 1943 wurde Janis Joplin, die größte weiße Bluessängerin ihrer Generation, in Port Arthur geboren, die ersten Jahre wuchs sie an der Procter Street auf. Ihre Geschichte hätte eine dieser beispielhaften schönen Erzählungen werden können, von dem zeichnerisch und musisch begabten Mädchen, das Erfolg in der großen weiten Welt hat, aber nicht auf seine Wurzeln vergisst und sich vor ihnen verbeugt.

Die Wurzeln hatte Janis Joplin nicht vergessen, aber sie waren ihr ein Gräuel. Immer wieder führte sie das Leiden und die Leidenschaft, die in ihrem Gesang steckten, auf ihre Entfremdung von einem Ort zurück, der ihr nichts bot als "Langeweile und Heuchelei". In der populären Dick Cavett Show im Fernsehen resümierte sie, man habe sie unter Gelächter aus der Schulklasse, aus der Stadt, aus dem Staat vertrieben. Es war eine leidvolle und wechselseitige Abneigung, von der alle sprechen, die sie kannten.

Lässt sich an dem Ort, an seiner Geschichte, an Eindrücken unterwegs wenigstens zum Teil ablesen, wie es dazu kam?

Port Arthur bestand Ende des 19. Jahrhunderts aus nicht viel mehr als einer Handvoll Siedler, die ziemlich erfolglos versuchten, der Hitze und den Hurrikanen zu widerstehen. Das änderte sich schnell und radikal im Jahr 1901, als man bei Bohrungen in der Nähe fündig wurde, was den texanischen Ölboom auslöste. Dieser hielt zwar nur wenige Jahrzehnte an, aber die Raffineriebetriebe blieben und verwandelten zusammen mit dem Hafen die Region in ein riesiges Industriezentrum.

foto: michael freund
Ölraffinerie am Stadtrand von Port Arthur.

Es waren viele hergezogen, die den konservativen Grundton, die fundamental-christliche Haltung in diesem Teil der Vereinigten Staaten teilten. Nun zog die Stadt auch Abenteurer an und viele, die schnell das große Geld machen wollten. Spielkasinos, Bordelle und Kneipen beherrschten damals das Straßenbild, sagt Sarah Bellian, die Kuratorin des Museum of the Gulf Coast in Port Arthur. "Man war immer hin und her gerissen zwischen dem, was man öffentlich sagte, und dem, was man tat."

Außerdem habe der Ort zwei Kategorien von Bewohnern geschaffen: diejenigen, die vom Ölboom profitierten, und jene, die dafür schufteten. "Anders gesagt: die Weißen und die Schwarzen." Dem Klischee der segregationistischen Südstaaten entsprechend wohnten die Afroamerikaner "auf der falschen Seite der Geleise", wie es im Amerikanischen so schön heißt, jenseits der Houston Avenue, näher an den Raffinerien, streng getrennt vom Rest des Ortes.

In unregelmäßigen Abständen haben die Autoritäten versucht, Port Arthur zu "säubern", und ebenso unregelmäßig sind die alten Sitten und Unsitten wieder eingerissen. In den Fünfzigerjahren war wieder einmal die Sauberkeit des Bibelgürtels an gesagt. Die Gangster aus New Orleans, die die Halb- und Unterwelt beherrschten, wurden abgedrängt, Port Arthur sollte familientauglich werden. Die Joplins, die inzwischen in ein kleines Haus abseits des Stadtkerns gezogen waren, schickten Janis in die neu eröffnete Thomas Jefferson High School.

Sie war, wie man so sagt, eine vielversprechende Schülerin, sie hatte in der Volksschule sogar ein Jahr übersprungen.

Wachsende Entfremdung

Zwei Umstände sorgten dafür, dass sie die Versprechen nicht einlöste, wie ihre Umgebung es erwartete. Zum einen erlitt sie "das schlimmste Schicksal, das ein Mädchen in Amerika treffen kann", wie die Autorin und Feministin Ellen Willis schreibt: "Sie war nicht populär", war keine blonde blauäugige zukünftige Cheerleaderin. Sie hatte Akne, Gewichtsprobleme und widerspenstige Haare, die sie nicht bändigte.

foto: ap
"Sie haben mich unter Gelächter aus der Schule, aus der Stadt, aus dem Staat vertrieben", sagte Janis Joplin. "Jetzt gehe ich heim."

Sie war eine Außenseiterin, und das ging Hand in Hand mit dem zweiten Umstand: Sie dachte schärfer als die meisten über das Leben in Port Arthur nach. Ihr stieß auf, wie fromme Bekenntnisse und der Alltag auseinanderklafften, wie man Bibelworte predigte und den Rassismus pflog. Wieso liebte Gott alle Menschen, aber einige durften nicht auf ihre Schule gehen, in ihrer Klasse sitzen?

Es gab eine Musik, die für ihr Empfinden diese Zustände zeigte, statt sie zu kaschieren, die mehr Wirklichkeit ausdrückte als die Unterhaltungssuppe, die an ihrer Schule und in den "guten" Radiosendern serviert wurde. Das war die Musik eben der "race stations" und der Kneipen jenseits der Houston Avenue, in die sie sich nicht wagte. Es waren der Rhythmus und der Blues, die zu ihr sprachen. Es war mehr Leben dort als in der sich ausbreitenden Suburbia-Wüste.

Sie saugte die Musik in sich auf. Über die wenigen Freunde, die sie hatte – Außenseiter wie sie, Beatniks, ohne es zu wissen, denn wer hatte schon eine Ahnung, was in San Francisco los war? – geriet sie an kaum bekannte Platten aus der Folk- und Country-Szene und von Chuck Berry, Little Richard, Leadbelly, von Etta James, Odetta und vor allem von Bessie Smith. Deren Stimme, deren Texte wurden und blieben ihr Maßstab. In den letzten Schuljahren saß sie lieber im Coffee House am Gulfway Drive als in der Klasse, hörte Musik, diskutierte, wollte weg.

Weg hieß damals wenigstens ein paar Dutzend Meilen über die Staatsgrenze nach Louisiana, wo die Gesetze lockerer waren, in die Bars von Vinton, wo der Alkohol floss und die Musik tobte. Umso ernüchternder – und manchmal auch von der Polizei unliebsam unterbrochen – die spätnächtliche Rückkehr nach Port Arthur.

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"Ego Rock": Janis Joplin singt über Port Arthur.

Weiter weg. 1961 ging Janis für einige Monate nach Los Angeles, im Jahr danach an die University of Texas in Austin, um Kunst zu studieren. Die Uni und die Stadt hatten und haben auch heute den Ruf, liberaler zu sein als der Rest des Staates. Aber das war relativ. Konservative Fraternities dominierten den Campus, und diese Studentin in Jeans und übergroßen Hemden, mit der lauten Stimme und der sehr direkten Sprache passte hier genauso wenig ins Bild wie an der Jefferson High. Nur in der Musikszene der Stadt wuchs ihr Ruf einer immens ausdruckstarken Sängerin.

Noch weiter weg, dorthin, wo damals alle hinzogen, die es zu Hause nicht aushielten. In San Francisco wollte Janis, zunächst erfolglos, Fuß fassen. Zwischendurch kam sie nach Port Arthur zurück, mehrmals versuchte sie, sich den Normen ihrer Eltern anzupassen, wieder zu studieren, eine brave Angestellte zu werden.

Es nutzte nichts. 1966 kehrte sie ihrer Heimat endgültig den Rücken und ließ sich in San Francisco nieder. Die nächsten Jahre brachten Janis Joplin einen kometenhaften Aufstieg (bestens nachzulesen in Alice Echols Joplin-Biografie Piece of My Heart, englisch Scars of Sweet Paradise, 2001). Ihre erste LP mit Big Brother and the Holding Company, Cheap Thrills, verkaufte sich millionenfach. Sie bekam, so schien es, endlich die Anerkennung, nach der sie sich gesehnt hatte. Der elektrisch verstärkte Rock, den sie nun praktizierte, füllte nicht mehr nur verrauchte Kneipen, sondern spielend die großen Säle an der Westküste, bald auch im ganzen Land, 1969 sogar die Weiten des Woodstock-Festivals.

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In der Jahrhunderthalle in Frankfurt war Joplin im April 1969 live zu erleben.

Aber dennoch, "onstage I make love to 25,000 people", sagte sie einmal, und dann gehe sie allein nach Hause.

Davon sang sie sehr oft, von ihrer Sehnsucht nach mehr, nach erwiderter Liebe. Sie schrie es und stampfte auf, sie heulte mit ihrer mächtigen Stimme, fühlte sich in die Nuancen von Summertime hin ein, als wären die Baumwollfelder ihr Schicksal, sie forderte, provozierte, unterwarf sich, stellte sich aus und stellte sich bloß. Piece of my heart. I need a man to love. Me and Bobby McGee. Work me, Lord. Und vor allem: Big Mama Thorntons Ball and chain. Es ist kaum möglich, diesen monumentalen Blues über das Gewicht der Liebe und der Welt zu hören, ohne eine Gänsehaut zu bekommen.

Vergebliche Heimkehr

Als Aushängeschild der Gegenkultur wurde Janis Joplin hoch gejubelt, ihre exaltierten Auftritte und Alkoholexzesse galten als cool. Nur wenige wussten, wie sehr sie immer noch an ihrer Vergangenheit litt. In Austin als Kandidat für die Wahl zum "hässlichsten Mann am Campus" aufgestellt zu werden; nicht zum Abschlussfest in der Highschool eingeladen zu werden; bei ihren Besuchen in Port Arthur immer bloß als Spinnerin beäugt zu werden – das waren Narben, die nicht heilten.

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Im August 1970 war Joplin in der TV-Show von Dick Cavett zu Gast.

Im Sommer 1970 glaubte Janis, eine Gelegenheit zu haben, es ihrer Heimatstadt heimzuzahlen. Sie erzählte Dick Cavett in seiner Show nicht nur "They laughed me out of class, out of town, out of the state", sie sagte weiter: "So I’m going home." Sie plante, anlässlich der "Zehn Jahre Matura"-Feier ihren Mitschülern zu zeigen, wie weit sie es im Unterschied zu ihnen, den "langweiligen Installateuren und Tankwarten", gebracht hatte.

Es wurde ein Desaster. Mit ihren Federboas und kiloweise Schmuck wollte sie allen im vornehmen Goodhue Hotel die Schau stehlen, doch schon die Fernsehinterviews gerieten eher peinlich bis traurig (schonungslos ausgebreitet auf Youtube), und der Abend endete in Alkohol und Verbitterung. Sogar ihre Eltern schienen wieder froh, dass sie sich mit ihrer Entourage am nächsten Tag Richtung Westküste verabschiedete.

Janis Joplin ist an inneren und äußeren Widersprüchen zerschellt, gespalten zwischen dem Wunsch, geliebt zu werden, und der Härte, der sie sich verschrieben hat. "I guess I’m just like a turtle / That’s hidin’ underneath its horny shell." Zerrissen zwischen der Aussicht auf ein Leben in einer Kleinstadt und dem Wahnsinn des Rock-Business. "But you know I’m very well protected / I know this goddamn life too well."

Sie hat sich nicht gut genug geschützt. Am 5. Oktober 1970 wurde sie leblos im Landmark Hotel in Los Angeles aufgefunden; offizielle Todesursache: Überdosis Heroin. Gerade 27 Jahre alt wurde sie – dieses gruselig magische Alter, im dem viele Rockstars ihr intensives Leben beendeten, Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain, Amy Winehouse, um nur die bekanntesten zu nennen.

Es war ihr Wunsch, dass ihre Asche an der kalifornischen Küste in den Pazifik gestreut und sie nicht in Port Arthur begraben werde.

Vergangene Größe

Die 32. Straße in Port Arthur ist gesäumt von unauffälligen Holzhäuschen mit Gärten. Vor der Nummer 4330 steht ein großes eisernes Schild, aufgestellt von der Texas Historical Commission: "Janis Lyn Joplin lebte hier mit ihrer Familie".

Heute wohnt hier die Familie Sanchez aus Mexiko. Ja, Leute kämen von überallher, auch aus Europa, sie würden fotografieren, aber sonst nicht weiter stören. An einen reichen Fan würde Frau Sanchez das Haus verkaufen, aber ansonsten wohne sie gerne hier, sie sei Baptistin und die Iglesia Trinidad sei in der Nähe und die Iglesia Bautista El Buen Pastor ebenfalls.

Auch sonst ist man in Port Arthur nie weit von Kirchen weg; von Kirchen und, das ist relativ neu, von Pfandleihern.

fotos: michael freund
Übrig gebliebene Gebäude auf der Procter Street und Kirchen in Port Arthur (obere Bildreihe v.l.n.r.), Pfandleiher in Port Arthur, ein Friseurladen und eine Bar im Nachbarort Vinton (untere Bildreihe).

Wie Sarah Bellian vom Golfküstenmuseum sagt: Seit Janis’ Zeiten ist es hier nicht besser geworden, im Gegenteil. Zwar boome die Ölindustrie immer noch bzw. immer wieder, aber die Angestellten seien längst in wohlhabendere Vororte gezogen.

Im alten Port Arthur gibt es gerade noch ein wenig Kleingewerbe – aus dem Coffee House am Gulfway Drive etwa wurde ein vietnamesischer Friseursalon. Die Arbeitslosigkeit liegt bei acht Prozent, hier im Stadtinneren ist sie eher viermal so hoch. Das Goodhue Hotel wurde vor einem Vierteljahrhundert abgerissen. Viele Grundstücke stehen leer, Häuser sind zugenagelt, halb abgebrannt.

foto: michael freund
Joplins Porsche im Museum of the Gulf Coast.

Die Stadt kämpfe um ihre Zukunft, sagt Bellian, und sie wolle sich ihrer Geschichte besinnen. Zu dieser gehört mittlerweile auch Janis Joplin. Im Museum ist ihr eine große Koje gewidmet, mit einer Replika ihres bemalten Porsches und vielen Erinnerungsstücken. Auch andere Söhne und Töchter der Stadt und des Bezirks werden gewürdigt: der Maler Robert Rauschenberg (der vergeblich versucht hatte, sie von der Reise zur Maturafeier abzuhalten), Musiker wie The Big Bopper, Edgar und Johnny Winter und viele weitere.

Wie sehr Janis auch im Streit mit ihrem Heimatort war, es ist Gras darüber gewachsen. 1988 wurde eine Statue enthüllt, und das Civic Center war zum Bersten voll mit Menschen, die ihrer gedachten, auch wenn manche von ihnen sie zu Lebzeiten gar nicht gegrüßt hätten.

Und heute? "Die sie damals ignoriert haben, sind heute ihre größten Fans", schätzt Bellian. Gut 40 Jahre nach ihrem Tod ist Janis Joplin nicht einmal mehr im tiefen Süden eine Provokation.

Vielleicht ist sie nur mehr Geschichte. Der 17-jährige Antoine in ihrer ehemaligen Schule, die heute Memorial High School heißt, hat noch nie von einer Janis Joplin gehört, No Sir, sorry. Tonia von der Shell-Tankstelle glaubt, sie sei mal eine Country-Sängerin gewesen. James, ein Kunde, weiß, dass sie berühmt ist, weil sie im Museum ausgestellt ist. Sein Vater wüsste mehr über sie.

Verblassende Erinnerung

Die Route 73 macht einen großen Bogen um das Zentrum von Port Arthur. Sie führt an neuen Raffinerieanlagen vorbei. Riesige Brücken leiten einen über Flüsse und Sümpfe, nach Nordosten, über die Staatsgrenze nach Louisiana.

Die erste Ausfahrt führt nach Vinton. Bars gebe es hier längst nicht mehr, hören wir, die letzte stehe gerade zum Verkauf. Nicht nur sie. Wir sehen, dass fast alles "For Sale" ist, zugenagelt, verfallen, in einer Straße, in der es einmal gebrodelt haben soll wie in einem Stück von Tennessee Williams. "Das ist wie die Erinnerung an einen Ort", sagt der Polizist Rust in der großartigen TV-Serie True Detective angesichts einer solchen Kulisse genau hier im Süden Louisianas, "und die Erinnerung verblasst langsam."

Die Interstate 10 führt weiter nach Osten, Richtung New Orleans. Die Nachrichten im Autoradio bringen die Meldung, dass die Arbeitslosenrate im Land zurückgeht.

Es folgt die Sendung The Creation Moment. Der Sprecher beruhigt die Hörer. Man brauche keine Angst zu haben, dass die Sonne verlischt. In der Bibel stehe, dass der Herr sich um die Erde kümmere. Wir können vertrauensvoll in die Zukunft blicken. (Michael Freund, Album, DER STANDARD, 18./19.10.2014)

Fansite: www.janisjoplin.net

Official Website: www.janisjoplin.com

Michael Freund leitet das Mediendepartment an der Webster-Universität Wien und ist Autor unter anderem für den STANDARD.